Bildungskritiker Bernhard Heinzlmaier "Wir fördern gut ausgebildete Ungebildete"

Lehrt die Schule die falschen Fächer und Werte? Bildungskritiker Bernhard Heinzlmaier plädiert im Interview für mehr humanistischen und weniger ökonomischen Unterricht. Es fehle zunehmend an Einfühlungsvermögen, Selbstreflexion und Demokratiebewusstsein.

Von Johanna Bruckner

Schüler, die Goethe nicht mehr kennen - dafür aber die Gesetze der Markwirtschaft verinnerlicht haben: Die Ökonomie hat die Bildungsinstitutionen eingenommen, sagt Bernhard Heinzlmaier, Gründer des Instituts für Jugendkulturforschung mit Standorten in Wien und Hamburg. In seinem Buch "Performer, Styler, Egoisten - über eine Jugend, der die Alten die Ideale abgewöhnt haben" erklärt er, welchen Anteil Pisa an der Bildungsmisere trägt, und warum es so schwierig ist, junge Leute für humanistische Bildung zu begeistern.

Herr Heinzlmaier, der Titel Ihres Buches erweckt den Eindruck, als hätten Sie von der heutigen Jugend keine allzu hohe Meinung. Was stört Sie?

Das ist ein Missverständnis. Ich störe mich nicht an der Jugend. Ich habe keine hohe Meinung von den Eltern, den Erwachsenen - und vor allem von der Politik. Junge Menschen sind ja nur ein Produkt ihrer Erziehung und Sozialisation. Wir haben heute Familien, in denen die falschen Werte vermittelt werden, und Bildungsinstitutionen, die gut ausgebildete Ungebildete hervorbringen. Junge Leute können am Ende ihres Ausbildungsweges ökonomisch handeln, aber nicht moralisch. Ihnen fehlt es an Einfühlungsvermögen, der Fähigkeit zur Selbstreflexion und Demokratiebewusstsein.

Familien und Schulen sind doch aber auch nur ein Produkt der jeweiligen Gesellschaft.

Die Hauptverantwortung für die Bildungsmisere liegt in einem neoliberalen Gesellschaftssystem, in dem der Markt und der Erfolg am Markt über alles gestellt werden. In den vergangenen Jahrzehnten hat eine Umwertung aller Werte stattgefunden: Moralische Werte sind nur noch relevant, wenn sie sich in materiellen Werten auszahlen. Die vielbeschworenen Social Skills sind nicht um ihrer selbst Willen erstrebenswert, sondern weil sie einem beim beruflichen Fortkommen helfen können. Diesen Zeitgeist hat auch die Bildungsindustrie verinnerlicht.

Nach dem Pisa-Schock wurde das deutsche Bildungssystem reformiert. Wie bewerten Sie diese Veränderungen?

Ich glaube, dass Pisa einen nicht wiedergutzumachenden Schaden angerichtet hat. Pisa ist ja kein Projekt, das aus der Bildungsforschung kommt - die Studie wird von einer Wirtschaftsorganisation, der OECD, durchgeführt. Durch Pisa ist das gesamte Bildungssystem den Ansprüchen und Interessen der Wirtschaft untergeordnet worden.

Wogegen richtet sich ihre Kritik konkret? Das schulische Notensystem?

Gegen das Notensystem habe ich gar nichts. Als Konservativer sehe ich Schulen auch als Institutionen, die selektiv sein sollen. Ich habe vielmehr ein Problem damit, dass seit Pisa bei den Lehrplänen die halbierte Vernunft am Werk ist: Der technisch-naturwissenschaftliche Bereich wird ausgebaut, humanwissenschaftliche und humanistische Fächer werden zurückgebaut. Eine Beschäftigung mit Literatur, mit Kunst, mit der eigenen Kultur und Geschichte, mit Philosophie - all das findet an den Schulen immer weniger statt.

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