Bildungsexperte Erst in die Breite, dann in die Tiefe lehren

Den Dialog zwischen Unternehmen und Hochschulen hält Holger Burckhart für sinnvoll. Er rät Hochschulen allerdings, in der Zusammenarbeit mit der Wirtschaft auf ihre Unabhängigkeit zu achten.

(Foto: HRK/ Lichtenscheidt)

Eine starke Spezialisierung im Bachelorstudium ist für Studenten mit Risiken verbunden.

Interview von Bärbel Brockmann

Professor Holger Burckhart, 61, ist Rektor der Universität Siegen und Vizepräsident der Hochschulrektorenkonferenz, wo er für Lehre und Studium, Lehrerbildung und lebenslanges Lernen zuständig ist. Der promovierte Philosoph nennt Gründe, die zu dem differenzierteren Angebot bei Studiengängen geführt haben, und erklärt, zu welchem Zeitpunkt der Ausbildung eine Spezialisierung sinnvoll ist.

SZ: Wie kommt es zu der starken Zunahme der Studiengänge?

Holger Burckhart: Zum einen hat der Bedarf an Spezialwissen zugenommen. Die Hochschulen bieten deshalb stärker ausdifferenzierte Studiengänge an. Der Hauptgrund für diese Entwicklung liegt aber in der Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge. Durch die Einführung des zweistufigen Modells ist die Anzahl der Studienprogramme gegenüber Diplom- und Magisterstudiengängen zwangsläufig gestiegen. Im Zuge der Umstellung erhielten die Hochschulen auch die Möglichkeit, Studienangebote individuell zu konzipieren und dann durch die Akkreditierung prüfen zu lassen. Davor gab es für alle Studiengänge relativ starre Vorgaben. Und schließlich werden ganz neue Felder erschlossen. Man denke an die Akademisierung von Gesundheitsberufen. Oder an klassische Staatsexamensfächer wie Medizin und Jura. Aus diesen Bereichen heraus entstehen Masterstudiengänge wie Medizintechnik, Wirtschafts- oder Medizinrecht.

Ist es für Studierende sinnvoll, sehr spezielle Studiengänge zu wählen?

Wenn Studiengänge sich auf ein relativ kleines Segment des Arbeitsmarkts richten, muss man sehr genau hinschauen. Generell kann man sagen: Je früher die Spezialisierung und je begrenzter das Berufsfeld, umso höher das Risiko. Die Fachbereiche haben da eine hohe Verantwortung gegenüber den künftigen Absolventen. Vor allem Bachelorprogramme sollten den Studierenden mehrere Wege für ihre weitere Entwicklung eröffnen. In jedem Fall sollten sie die Grundlagen für ein Masterstudium bieten und für einen direkten Einstieg in eine berufliche Tätigkeit. Das heißt, gerade ein Bachelorstudium sollte in einiger Breite die Grundlagen eines Fachs vermitteln. Spezialisierungen im Rahmen eines Masterstudiums sind dagegen meist unproblematisch - die Studierenden haben schon viel methodisches Wissen erworben und erkennen besser, welche Spezialisierung Sinn ergibt.

Die Wirtschaft will die Spezialisierungen. Sie sponsert deshalb auch Hochschulen und Lehrstühle.

Generell sind Hochschulen und Wirtschaft in ständigem Austausch. Das halte ich für richtig und wichtig. Als Hochschulvertreter verweisen wir in diesem Dialog allerdings immer wieder darauf, dass eine Hochschule keine berufsfertigen Absolventen liefern kann, sondern vor allem das Methodenwissen und die generellen Fähigkeiten vermittelt, die zur späteren Berufstätigkeit befähigen. Es kann gute Gründe geben, mit Wirtschaftsunternehmen gemeinsam Studiengänge aufzustellen. Die Voraussetzung dafür ist die Qualitätssicherung, die Akkreditierung. Diese beurteilt aber nur, ob ein Studiengang praktisch studierbar ist und ob es ein Arbeitsfeld dafür gibt. Die Hochschulen sehe ich in der Pflicht, ihren Studierenden transparent zu machen, dass sie sich möglicherweise auf ein schmales Feld begeben, was ihre berufliche Zukunft angeht. Und die Hochschulen müssen sehr genau prüfen, inwieweit sie sich zu Dienstleistern der Wirtschaft machen.

Gibt es im Ausland eine ähnliche Tendenz zur Spezialisierung?

Wir sind da in Deutschland im Mainstream. In vielen Ländern ist die berufliche Orientierung an den Hochschulen noch stärker als bei uns. An den meisten amerikanischen Universitäten, die nicht zu den Elite-Unis gehören, wird heute schon viel stärker für den Job ausgebildet. Wir sollten in Deutschland aber auf die akademische Qualifizierung einer wissenschaftlichen Persönlichkeit setzen. Hochschulbildung sollte ein Dreieck von Fachlichkeit, Persönlichkeit und beruflicher Perspektive zum Ziel haben.