Bildung in Frankreich Der Untergang

Französische Schüler in Bordeaux am ersten Tag nach den Sommerferien im Jahr 2012.

(Foto: dpa)

"Wir Lehrer sind die Musiker auf der Titanic": Die Schule in Frankreich soll immer mehr migrationspolitische, wirtschaftliche und städtebauliche Fehlentwicklungen kompensieren. Ein Dilemma zwischen Abschirmung und Frontstellung.

Von Joseph Hanimann, Paris

Auf jeder französischen Schulfassade steht dieselbe stolze Maxime "Liberté, Égalité, Fraternité". Vor den Eingangstoren der Schulen sind aber gegenwärtig Szenen wie diese zu beobachten: Aus kurz anhaltenden Autos springen Kinder auf den Gehsteig und verschwinden schnell im streng bewachten Gebäude - verschluckt und bis zum Abend behütet vor den Gefahren des Gesellschaftslebens draußen. Abgesehen von der Aussteigestelle vor dem Eingang sind die Schulgebäude oft großräumig mit Metallsperren umzäunt, ohne verabredeten Termin kommt kein Fremder hinein: So will es das landesweite Sicherheitsprotokoll nach den Pariser Terroranschlägen.

Die öffentliche Schule, mehr Utopie als Realort republikanischer Chancengleichheit, bleibt in der Krise der wichtigste Rückhalt, an den die Staatsbürgergemeinschaft sich reflexhaft klammert. Aufgrund ihres Prinzips laizistischer Neutralität will sie von religiösen, kulturellen oder sonstigen Herkunftsunterschieden nichts wissen und lässt gemäß dem Gesetz aus dem Jahr 2004 muslimische Mädchen gleich am Eingang das Kopftuch abnehmen. Für den Heimweg dürfen sie es dann wieder aufsetzen. Konfliktbewältigung durch formale Gleichstellung.

Ab sofort sollen die öffentlichen französischen Schulen noch mehr leisten, als einfach die angehenden Staatsbürger vor ihren eigenen Zugehörigkeitsforderungen zu schützen. Sie sollen Brutstätte für einen neuen Gemeinschaftssinn werden. Ein riesiges Mobilisierungsprogramm für die "Werte der Republik" ist von Erziehungsministerin Najat Vallaud-Belkacem nach den jüngsten Terrorakten lanciert worden. Bis zum April sollen tausend Freiwillige ausgebildet werden, um die 300 000 betroffenen Lehrer quer durchs Land auf die Vermittlung der Grundregeln republikanischen Zusammenlebens vorzubereiten. Eine "Woche der Erziehung gegen Rassismus und Antisemitismus" ist überdies an den Schulen für Mitte März angesagt und der 9. Dezember, das Datum des Gesetztes von 1905 zur Trennung von Kirche und Staat, soll fortan für die Schüler ein Gedenktag sein.

"Wir müssen Schüler anfixen"

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So lädt Frankreich seiner Éducation Nationale, diesem Pracht- und Frachtschiff des europäischen Bildungsideals, immer mehr auf. Das theoretisch weltweit beste Schulsystem, das seit Beginn der Dritten Republik tatsächlich manche Talente aus den hintersten Ecken des Landes in die Pariser Eliteschulen holte, ächzt heute unter der Last seiner Aufgaben und produziert oft das Gegenteil dessen, was beabsichtigt ist: eine "Noblesse d'État" einerseits, wie Pierre Bourdieu es nannte, und auf der anderen Seite immer mehr Orte, die statt Lern- nur noch Bändigungsanstalten für Schwererziehbare sind mit jungen unerfahrenen Lehrern, die schnellstmöglich wieder wegwollen oder an der Aufgabe zerbrechen. Die alte Verheißung, dass Berufserfolg mit Bildung und Ausbildung zusammengeht, gilt dort nicht mehr.

Neben den alljährlich 150 000 Schulabbrechern marschieren auch immer mehr Jugendliche mit ordentlichem Schulabschluss direkt in die Arbeitslosigkeit. Die Schule soll immer mehr migrationspolitische, wirtschaftliche und städtebauliche Fehlentwicklungen kompensieren, will aber gleichzeitig vom hohen Bildungsanspruch nicht lassen. Das Ideal soll ihr, so hofft sie hartnäckig, aus der Krise helfen. "Wir Lehrer sind die Musiker auf der Titanic, die bis zuletzt tapfer weiterspielen", schimpfte unlängst ein Gymnasiallehrer aus der Pariser Vorstadt Savigny-sur-Orge in einem Zeitungsinterview.