Bildung für Flüchtlinge "Ich bin eine Ganzkörper-Lehrerin"

"Wir müssen auf Sicht fahren", sagt Nordrhein-Westfalens Schulministerin Sylvia Löhrmann. Deutsch-Lern-Klasse in Aachen.

(Foto: Henning Kaiser/dpa)
  • Hunderttausende Flüchtlingskinder sollen künftig an deutschen Schulen unterrichtet werden. Ein Platzproblem ist das nur selten, beim Deutschlernen jedoch hapert es.
  • Es werden viele Lehrer gebraucht, die eine Ausbildung für das Fach Deutsch als Fremdsprache haben - leider hat das an den Unis bisher ein Nischendasein gefristet.
  • Forscher und Lehrergewerkschaften fordern die Bildungspolitik zum Handeln auf.
Von Johann Osel und Denis Schnur

Im Grunde mache sie sich "täglich zum Affen", sagt die Lehrerin, nicht im negativen Sinne. "Ich bin eine Ganzkörper-Lehrerin. Im Zweifel tanze ich." In einer alten Kaserne zwischen Schleswig-Holstein und Hamburg haben sie Klassenzimmer eingerichtet, um Flüchtlingskindern bereits während ihrer Erstaufnahme Unterricht zu bieten. Ziel: die Sprache erlernen, zunächst den Überlebenswortschatz. Zum Beispiel zum Straßenverkehr, über Körperteile, damit es nicht zu Unfällen kommt, damit einer beschreiben kann, wenn ihm etwas wehtut.

Alles im Raum ist beschriftet, an der Tafel hängt ein Schild "die Tafel" und auf dem Stuhl steht "der Stuhl". Die Lehrerin ist mit vollem Körpereinsatz gefragt, schauspielert, mit Händen und Füßen, wie sie der Lokalpresse erzählt. Diese Szene ähnelt der in einer Münchner Mittelschule, beobachtet schon im vergangenen Schuljahr. Ein Kleiderständer steht da in der Klasse, mit Rock, Hose, Hemd, Bluse, Stiefeln. Dann pinnen die Kinder mit Hilfe der Lehrerin Zettel darauf, "die Hose", "die Stiefel". Grundlagen eben.

"Deutsch als Zweitsprache" fristet an Unis ein Nischendasein

Beide Lehrerinnen, im Norden wie im Süden der Republik, haben eine Daz-Ausbildung. Die Abkürzung steht für Deutsch als Zweitsprache, eine Zusatzqualifikation. Eine, wie nun erkannt wird, die bisher an Unis eher ein Nischendasein fristete. Experten und Lehrergewerkschaften schlagen Alarm: Das Schulsystem müsste besser eingestellt sein auf die neue Klientel.

Bundesweit ist der Schulbesuch für Flüchtlingskinder meist nach drei Monaten vorgesehen oder sobald die anfängliche Unterkunft verlassen wird. Das bewegt Lehrer, Schulleiter, Kommunalpolitiker, und lässt die übliche Aufgeregtheit zum Schulbeginn, wie am Dienstag in Bayern, in den Hintergrund treten. Überall entstehen eilig Begrüßungsklassen, Übergangsklassen. Hunderte - die Namen unterscheiden sich. Das Prinzip ist dasselbe: Deutsch pauken, um je nach Fortschritt in "normale" Klassen zu wechseln.

Raus aus dem Klassenkampf

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Schon lange gibt es solche Klassen, erst für Gastarbeiterkinder wie Türken, Asylbewerber, Aussiedler. Nun herrschen andere Maßstäbe: Für 2015 rechnet der Bund mit 800 000 Flüchtlingen. Legt man die Altersstruktur von Asylbewerbern zugrunde, dürften es bis zu 300 000 Minderjährige sein. Die Prognose erscheint täglich wackeliger. Unklar ist zudem, wie viele Schüler bleiben. Die reine Unterbringung ist wohl zu bewältigen. Elf Millionen Kinder und Jugendliche gehen zur Schule, inklusive Berufsschulen. Der Zuzug fällt im System wenig ins Gewicht. Gleichwohl wird es mancherorts eng.

Den wahren Überblick hat keiner: Wie viele Schüler es letztlich sein werden, wisse derzeit niemand wirklich, meint ein Sprecher des Münchner Kultusministeriums. "Da eine feste Prognose zu machen, da müsste ich Hellseher sein." Man müsse immer wieder nachjustieren, denn vieles sei nicht vorhersehbar, sagt Nordrhein-Westfalens Ministerin Sylvia Löhrmann: "Wir müssen auf Sicht fahren." Sachsens Ressortchefin Brunhild Kurth, Präsidentin der Kultusministerkonferenz, stellte im Tagesspiegel-Interview auf die Frage nach dem überregionalen Masterplan eine Gegenfrage: "Kann man für so eine Ausnahmesituation überhaupt einen Masterplan haben?" Viele Länder bessern gerade mit Lehrerstellen nach - bei der Suche, am besten nach Daz-Kräften, werden sie oft nicht fündig. Deren bisherige Rolle rächt sich.