Bildung für alle Teilen und Tauschen

Eine neue Online-Uni versucht sich an einer Vision: Lehrstoff vom Professor, so frei zugänglich wie das Wissen auf Wikipedia. Auch wenn offene Bildungsmaterialien für viele Dozenten noch Neuland sind, ist eine Gemeinschaftsplattform schon im Werden.

Von Christine Prußky

Ein bisschen niedlich sieht die Landschaft aus: ein Fluss, ein paar bunte Häuser, grasende Kühe, eine strahlende Sonne. Und wie auf einem Spielbrett soll bei "Ruvival", einem Gewässerschutz-Projekt, auch gearbeitet werden. Besucher können sich mit einem Mausklick in einzelne Themen vertiefen, sie können interaktive Seminare besuchen oder ihr Wissen in Quizaufgaben testen. Worum es geht, das verrät der Professor in einer Videobotschaft. Er lädt Menschen aus aller Welt ein, sich mit anderen zu vernetzen, Expertise aufzubauen, zu teilen, Handlungsfelder zu identifizieren und dem Klimawandel mit einer nachhaltigen Ressourcennutzung die Stirn zu bieten.

"Ruvival", entwickelt von einem Team um Ralf Otterpohl von der Technischen Universität Hamburg-Harburg (TUHH), ist eines der Projekte, die demonstrieren sollen, wie das Lernen der Zukunft aussieht. So verspricht es zumindest die Hamburg Open Online University (HOOU). Seit der Jahreswende ist die digitale Uni online, nach zwei Jahren Vorbereitung und Kosten von 3,7 Millionen Euro. Sechs staatliche Hamburger Hochschulen und das Universitätsklinikum Eppendorf haben sich in das Pilotprojekt eingebracht. Die Lehr- und Lernformate an der HOOU basieren auf sogenannten Open Educational Resources (OER). Sie sind gemeinfrei lizenziert, dürfen kopiert, verändert und neu mit anderen Lehrmaterialien zusammengesetzt werden - wie bei der Online-Enzyklopädie Wikipedia.

Auch in der analogen Welt geben Professoren und Dozenten tagtäglich ihr Wissen an Studierende weiter. Doch richten sich ihre Vorlesungen, Seminare und Workshops in der Regel an geschlossene Gruppen. Bei der HOOU kann prinzipiell jeder jederzeit ein Angebot wahrnehmen oder es durch eigenes Wissen weiterbringen, ob in Textform, als Grafik oder Video. Die Dozenten müssen sich also auf heterogene Gruppen einstellen. Um diese Herausforderung zu bewältigen, müssen sie umdenken: "Hochschullehrer übernehmen in den Projekten die Rolle des Kurators, der die Inhalte zusammenstellt und erläutert, und die des Mentors, der die Studierenden betreut", sagt Sönke Knutzen von der TUHH, einer der Vizepräsidenten der HOOU. Aus seiner Sicht ist das befreiend. "Professoren müssen keine Ressourcen mehr damit verschwenden, immer wieder das Gleiche zu wiederholen. Statt dessen können sie im Austausch mit Projektteilnehmern Neues entwickeln, Zeit für die Forschung gewinnen und weltweit Menschen für ihr Thema interessieren".

"Viele empfinden es als eine Art Mutprobe, ihr Lehrmaterial im Netz zur Diskussion zu stellen"

Um dorthin zu kommen, sind jede Menge technische und rechtliche Hürden zu überwinden. Doch den eigentlichen Knackpunkt bei OER sehen Experten an anderer Stelle: Teilen und Tauschen gehören in Deutschland nicht zur akademischen Kultur. Wissenschaftliche Rohdaten, Forschungsergebnisse und Lehrmethoden werden meist gut gehütet.

Der harte Wettbewerb unter Forschern und der Publikationsdruck können die Zurückhaltung teilweise erklären. Was aber hindert Dozenten daran, ihre Lehrmaterialien allgemein verfügbar zu machen? Für Professoren sei "die Lehre etwas ganz Persönliches - viel persönlicher als die Forschung", sagt Holger Burckhart, Rektor der Universität Siegen und Vizepräsident der Hochschulrektorenkonferenz. Das beobachtet auch Monika Bessenrodt-Weberpals, Vizepräsidentin der HOOU: "Viele empfinden es als eine Art Mutprobe, ihr Lehrmaterial im Netz freizugeben und zur Diskussion zu stellen", erklärt die Professorin von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg.

Die Angst, sich zu zeigen und womöglich angreifbar zu machen, kann den Blick auf Chancen verstellen. Kluge OER-Projekte können nicht nur die Reputation in der akademischen Community erhöhen und die Lehre optimieren, sie dienen auch dem Austausch mit der Gesellschaft. "Hochschulen haben die Verantwortung, Bildung als öffentliches Gut zu behandeln und zu teilen", sagt Ralph Bruder, der als Vizepräsident die Digitalisierung der Technischen Universität Darmstadt betreut. Deren Online-Plattform mit Lehrmaterialien steht seit 2012. Bis es so weit war, mussten die Darmstädter durch eine dreijährige Phase voller technischer Probleme und juristischer Stolpersteine. Nun sind zwar alle Fragen geklärt, bis hin zur wichtigsten: der Lizenzierung nach dem Creative-Commons-Modell. Doch das Know-how muss kontinuierlich an Dozenten weitergegeben werden. Fünf Personen sind in Darmstadt heute damit beschäftigt. Für juristisch knifflige Fälle gibt es zudem eine externe Anlaufstelle. "Ein Sparmodell", resümiert Bruder, "ist Digitalisierung definitiv nicht."

Die Kultusminister befürchten Mehrkosten. Leuchtturmprojekte halten sie aber für erforderlich

Das weiß auch die Politik, wie das Beispiel Hamburg zeigt. Der Stadtstaat unterstützt die HOOU bis Ende 2018 noch einmal mit rund 8,8 Millionen Euro. So gewinnen die Hamburger Zeit, ein Geschäftsmodell zu finden, das den geplanten Regelbetrieb sichert. Schon jetzt ist klar, dass es ohne das fortgesetzte Engagement der Professoren und Dozenten nicht gehen wird. An die 60 Projekte haben sie für die HOOU bislang konzipiert. Es gab zwar jeweils einen Zuschuss von 10 000 bis 25 000 Euro, beispielsweise für studentische Hilfskräfte, nicht aber für die Lehrenden.

Hochschullehrer wie Otterpohl hält das nicht ab. Ihre Projekte sind online in einem OER-Atlas für den deutschsprachigen Raum beschrieben, die Projekte weltweit bildet die OER World Map ab. Im Entstehen ist eine Informationsstelle, die das gesammelte Wissen bündeln und für die Bereiche Hochschule, Weiterbildung und Schule aufbereiten soll. Der Deutsche Bildungsserver baut die Plattform gemeinsam mit Partnern auf, im Sommer soll sie online gehen. Das Bundesforschungsministerium unterstützt das Portal mit 1,2 Millionen Euro für zwei Jahre. An wen genau sich die Informationsstelle OER adressiert, bleibt in der ministeriellen Pressemitteilung wohlweislich unbenannt. Die Kultusministerkonferenz kann, aber muss sich nicht angesprochen fühlen. In ihrer Mitte Dezember beschlossenen Strategie zur Bildung in der digitalen Welt werden offene Bildungsmaterialien nur kurz behandelt. Aus der Passage lässt sich zudem die Skepsis lesen, die OER bei den Ländern auslöst. Woran sie dabei denken, steht zwischen den Zeilen: an die Landeshaushalte. Mittel für Leuchtturmprojekte immerhin hält die KMK für "erforderlich".

Neuen Schwung dürfte die Debatte über OER durch den jüngsten Urheberrechtsstreit der Hochschulen mit der Verwertungsgesellschaft VG Wort gewinnen. Erst nach zähem Ringen wurde kürzlich vereinbart, dass Hochschulen urheberrechtlich geschützte Texte für die Lehre verwenden dürfen. Die Erlaubnis ist aber befristet. Ende September muss eine Lösung her, sonst ist Schluss mit der digitalen Nutzung. Über Lern- und Lehrmaterialien mit offenen Lizenzen, über OER also, hängt dieses Damoklesschwert nicht. Sie sind so oder so frei verfügbar. Die HOOU kann sich da ganz entspannt zurücklehnen.