Bildung Die Kluft in den Klassen

Die Leseleistungen von Grundschülern in Deutschland entwickeln sich immer stärker auseinander. Der Einfluss des Elternhauses wächst.

Von Paul Munzinger

Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Susanne Eisenmann (links), Bildungsforscher Wilfried Bos und Cornelia Quennet-Thielen, Staatssekretärin am Bundesministerium für Bildung und Forschung, stellen die Ergebnisse der Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU) 2016 vor.

(Foto: Britta Pedersen/dpa)

Wie gut können Kinder am Ende der Grundschule lesen? Diese Frage ergründet alle fünf Jahre die Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung, kurz Iglu. Am Dienstag wurden in Berlin die Ergebnisse der jüngsten Erhebung vorgestellt, das Fazit der Bundesländer lautete: "Stabile Ergebnisse bei zunehmenden Herausforderungen". Das kann man so sehen, man kann die Ergebnisse aber auch anders interpretieren.

Die deutschen Schüler treten seit 15 Jahren auf der Stelle, während sie sich in anderen Ländern im selben Zeitraum deutlich verbessert haben. Und während die Leistungen stagnieren, wächst die Kluft in den Klassenzimmern. Sowohl die Zahl der guten wie auch die der schlechten Schüler nimmt zu - am unteren Ende der Skala ist es mittlerweile fast jeder fünfte Schüler, der nicht richtig lesen kann.

Seit 2001 beteiligt sich Deutschland an der Lese-Studie, an der aktuellen Erhebung nahmen 2016 mehr als 300 000 Schüler in 47 Staaten und Regionen teil. In Deutschland waren es etwa 4000 Schüler an knapp 200 Schulen. Ihnen wurde jeweils ein Sach- und ein Erzähltext vorgelegt, jeweils einer also, der den Schülern etwas beibringen und einer, der sie unterhalten sollte, drei bis vier Seiten lang. Danach sollten sie Fragen beantworten.

Zum Beispiel zur Geschichte "Marie und das rote Huhn", einem Erzähltext, der von einem Mädchen handelt, das Hühner füttert und dabei herausfindet, dass nicht alle Hühner gleich sind. Eine Frage nun, Kategorie sehr leicht: "Was tut Marie am Anfang der Geschichte?" Eine andere Frage, Kategorie fortgeschritten: "Papa sagt, dann würde einfach das nächste Huhn in der Hackordnung den Platz des roten Huhns einnehmen. Was meint er damit?" Hier bekommt das Kind keine Antwortmöglichkeiten vorgegeben, sondern soll selbst schreiben.

Die Antworten der Schüler übersetzten die Forscher in Punkte, und davon holten die deutschen Schüler im Schnitt nahezu genau so viele Punkte wie schon 2001, nämlich 537 (2001: 539). Damit bewegt sich Deutschland über dem internationalen Mittelwert und etwa auf dem Niveau des EU- und OECD-Schnitts. Allerdings erzielten 2001 nur vier Staaten einen besseren Wert als die Bundesrepublik, und diesmal waren es 20. Darunter sind die EU-Länder England, Schweden und Bulgarien, aber auch Staaten wie Russland, Singapur und Taiwan, die 2001 noch deutlich hinter Deutschland lagen. "Der internationale Vergleich zeigt, dass es einer Reihe von Staaten im Grundschulbereich besser gelingt, die Leseleistungen zu verbessern. Diesen Fortschritt gilt es zu analysieren", sagte Susanne Eisenmann (CDU), Kultusministerin in Baden-Württemberg und Präsidentin der Kultusministerkonferenz, bei der Vorstellung der Studie in Berlin.

"Der Einfluss des Elternhauses wächst", sagt eine Forscherin

Noch mehr als der internationale Vergleich wird deutschen Bildungspolitikern zu denken geben, dass die Leistungen der Schüler immer stärker auseinanderstreben. Leicht gestiegen ist in den vergangenen 15 Jahren die Zahl der sehr guten Leser in der Grundschule, von neun auf elf Prozent. Damit liegt Deutschland immer noch im Mittelmaß, deutlich hinter Ländern wie Nordirland, Polen oder England, wo jeweils ein Fünftel der Schüler Bestwerte erreicht. Deutlich gestiegen ist in den vergangenen Jahren in Deutschland aber auch die Zahl der schwachen Leser. Sie liegt mittlerweile bei 18,9 Prozent, 2006 waren es nur 13,2. Mehr sind es nur in Frankreich, in einem Teil Belgiens und in Neuseeland.

Ob ein Kind gut oder schlecht lesen kann, hängt in Deutschland besonders stark von der Herkunft ab. Ist in der Familie ein Elternteil im Ausland geboren, hinkt das Kind beim Lesen im Schnitt ein halbes Jahr hinterher, sind es beide Eltern, ist es ein ganzes Jahr. Kinder, in deren Elternhaus mehr als 100 Bücher in den Regalen stehen und zum Lesen einladen, haben einen Vorsprung von mehr als einem Schuljahr gegenüber Schülern, denen zu Hause weniger als 100 Bücher zur Verfügung stehen. Ähnlich groß ist dieser Unterschied in einigen anderen Staaten wie Ungarn, Österreich oder Israel; größer ist er in keinem der untersuchten Länder.

Deutschen Grundschulen gelingt es vergleichsweise schlecht, die sozialen Unterschiede beim Lesen auszugleichen. Heike Wendt, eine der Autorinnen der Studie, macht das an folgender Beobachtung fest: Verstanden deutsche Schulkinder noch 2001 Sach- und Erzähltexte etwa gleich gut, verstehen sie heute Erzähltexte deutlich besser - also jene, die hauptsächlich zu Hause erlernt werden. "Der Einfluss des Elternhauses wächst", sagt Wendt, "und die Schere geht auseinander". Um dieser Entwicklung etwas entgegenzusetzen, müsse sich das deutsche Bildungssystem gezielter den Leseschwachen zuwenden. Jenen Kindern also, die eine Geschichte zum Beispiel über ein Mädchen und ein Huhn lesen - und dann von der Frage überfordert sind, was das Mädchen am Anfang der Geschichte getan hat.