Studium mit Behinderung "Viele Lehrende sind didaktisch nicht auf Blinde eingestellt"

Mit welchen Problemen sehbehinderte und blinde Studenten an deutschen Unis zu kämpfen haben.

Interview von Kim Björn Becker

Mehrere Hundert Studenten in Deutschland können nicht oder nur stark eingeschränkt sehen, viele von ihnen sind im Deutschen Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf (DVSB) organisiert. Den Verband gibt es seit ziemlich genau 100 Jahren. Ihr derzeitiger Vorsitzender Uwe Boysen, 68, ist selbst blind. Der Jurist war bis zu seiner Pensionierung Vorsitzender Richter am Landgericht Bremen.

Herr Boysen, folgende Szene aus einem Hörsaal: Der Professor bittet seine Studenten, innerhalb einer Woche ein 300 Seiten langes Skript zu lesen. Sind blinde Studenten da im Nachteil?

Boysen: Das hängt davon ab, ob der Dozent das Skript elektronisch zur Verfügung stellt, und ob diese Fassung barrierefrei ist. Wenn ja, ist das für Blinde kein Problem. Der Student könnte sich den Text dann von einer Software vorlesen lassen.

Und wenn Kopien ausgeteilt werden?

Dann fängt das große Selbstorganisieren an. Entweder scannt er die Blätter ein oder lässt sich den Inhalt von jemandem vorlesen und macht sich nebenbei Notizen.

Klingt mühsam ...

Ist es auch. Manche scheitern an der Selbstorganisation. Unsere Studenten berichten oft davon, dass sie mit den Lehrenden erst einmal aushandeln müssen, wie es am besten läuft. Viele Lehrende sind didaktisch nicht auf Blinde eingestellt. Das beginnt bei so einfachen Dingen wie einer Powerpoint-Präsentation. Die sollte der Dozent in der Vorlesung erläutern, damit der blinde Student folgen kann.

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Also sind die Hochschulen nicht ausreichend auf blinde Studenten eingestellt?

In der Summe sicher nicht. Beim Thema Barrierefreiheit geht es oft um Stufen und Treppen, also um die Belange von Rollstuhlfahrern. Die sind natürlich wichtig. Aber was Barrierefreiheit für Blinde bedeutet, haben die Universitäten oft nur unzureichend verstanden. Wir haben festgestellt, dass es nicht selten an einzelnen engagierten Hochschullehrern liegt, wenn Blinde gute Bedingungen vorfinden.

In vielen Studiengängen gibt es Pflichtpraktika. Wie klappt das?

Konzerne haben oft Diversity-Programme und sind recht gut auf blinde Praktikanten eingestellt. Bei kleineren Unternehmen ist das schon schwieriger. Eine komplexe Bürosoftware für Blinde nutzbar zu machen, kann aufwendig sein. Das macht ein Administrator natürlich für einen Angestellten, aber kaum für einen Praktikanten.

Stehen blinden Absolventen die gleichen Karrierewege offen wie Sehenden?

Wir Blinden stehen für unsere Leistungsfähigkeit ein, wir wollen keinen Mitleidsbonus. Mit ein bisschen Unterstützung können wir ziemlich gleichberechtigt arbeiten. Aber es ist klar, dass Sehbehinderte schon über den Umweg der Studienwahl eingeschränkt sind. Medizin und Kunstgeschichte zum Beispiel scheiden von vornherein aus. Am ehesten sind Fächer und Jobs geeignet, für die man lesen muss. Es gibt zwar vereinzelt auch Biologen und Mathematiker, aber es ist für sie noch einmal schwieriger, Formeln oder Kurven zu erfassen.

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