Begabung für Mathematik Ja, da ist was angeboren

Wer schlecht in Mathe ist, behauptet gerne, er könne gar nichts dafür. Die Gene sollen schuld sein, irgendwie. Eine faule Ausrede? Von wegen. Das haben US-Wissenschaftler jetzt in einem Experiment mit Babys nachgewiesen.

Von Christian Weber

Dieser Spruch ist ein Klassiker: "In Mathe war ich schon immer schlecht", sagen selbst Menschen mit Abitur, wenn sie gerade am Dreisatz gescheitert sind. Soll heißen: Nicht ich bin schuld an meinem Versagen, sondern irgendwie meine Gene. Eine faule Ausrede?

Nicht ganz, wenn man einer Studie folgt, die jetzt von Neurowissenschaftlern um Ariel Starr von der amerikanischen Duke University im Fachmagazin Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlicht wurde. Ihre zentrale Einsicht: "Vom intuitiven, vorsprachlichen Zahlensinn der Babys lässt sich auf deren mathematische Fähigkeiten im Kindergartenalter schließen." Mit anderen Worten: ja, da ist was angeboren.

Es wäre zugleich eine Antwort auf ein seit Langem diskutiertes Thema: Woher kommen die mathematischen Fähigkeiten des Menschen? Sind sie primär eine kulturelle Errungenschaft, und wie weit spielt die Biologie mit?

Primitiver Zahlensinn bei Tieren

Schließlich weiß man, dass viele Tiere zumindest über einen primitiven Zahlensinn und ein Gefühl für Mengen verfügen. Nachgewiesen wurde solches Talent unter anderem bei Ratten, Honigbienen, Küken und Schimpansen. Allerdings kann selbst der klügste Affe nicht mit symbolischen Zahlen hantieren. Nur der Mensch versteht, dass fünf plus drei acht ergibt. Insofern fragten Forscher, ob der angeborene Zahlensinn notwendig mit der Begabung für wirkliche Mathematik zusammenhängt.

Tatsächlich zeigten bereits frühere Studien, dass etwa Schüler, die gut Mengen abschätzen können, auch besser in Mathematik sind. Unklar blieb aber die Kausalität, schließlich könnte es auch umgekehrt so sein, dass der erste Matheunterricht den Sinn für Mengen geschärft hat. Genau dieses Problem haben die Autoren der Studie umschifft, indem sie Teilnehmer rekrutierten, die jeder mathematischen Vorbildung unverdächtig waren: 48 Babys im Alter von sechs Monaten.

Diese Kandidaten wurden im Labor vor zwei Bildschirme gesetzt. Auf beiden flackerten in wechselnden Mustern schwarze Punkte auf. Der einzige Unterschied: Auf dem einen Schirm leuchteten immer nur zehn Punkte auf, auf dem anderen schwankte die Zahl zwischen zehn und zwanzig. Zugleich wurde die Blickrichtung der kleinen Probanden erfasst. Nun weiß man aus vielen Experimenten, dass Babys immer dort hinblicken, wo mehr passiert. Deshalb folgerten die Forscher, dass diejenigen Säuglinge, die sich bevorzugt für den Bildschirm mit der wechselnden Anzahl von Punkten interessierten, den besseren Zahlensinn haben müssten. Denn diese hatten die Mengenänderung offenbar bemerkt.

Begabung und Bildung

Drei Jahre später luden die Forscher dieselben Kinder erneut zu einer Testrunde ein, in der diverse geistige Fähigkeiten geprüft wurden. Dabei zeigte sich, dass diejenigen, die in der Babyrunde einen besseren Zahlensinn bewiesen hatten, jetzt auch bessere Ergebnisse bei mathematischen Aufgaben erzielten.

Dies sei, schreiben die Autoren der Studie, der "erste Beleg", dass Rechenbegabung auch angeboren ist. Aber eben nur zum Teil. Faktoren wie Erfahrung, Bildung und Motivation seien weiterhin mindestens so wichtig. Auch wer als Baby zwei Murmeln nicht von dreien unterscheiden konnte, sollte als Erwachsener zumindest einen Dreisatz hinkriegen.