Auslandsjahr Papa zahlt

Französisch lernen mit Blick auf den Eiffelturm - nur Kinder aus wohlhabenden Familien kommen in diesen Genuss.

(Foto: dapd)

Teurer Traum von der Ferne: 9000 Euro kostet ein Schuljahr im Ausland durchschnittlich. Stipendien gibt es kaum - das Einkommen der Eltern entscheidet darüber, ob sich Kindern diese Option eröffnet oder nicht.

Von Johann Osel

Lernen an einer Highschool in den USA oder an einer École unweit des Eiffelturms: Jedes Jahr gehen bis zu 20.000 Schüler Schätzungen zufolge (amtliche Statistiken gibt es nicht) für ein Jahr oder ein paar Monate ins Ausland. Das Einkommen der Eltern entscheidet laut einer Studie vor allem darüber, ob sich Kindern diese Option eröffnet oder nicht. Nach Ansicht von Jürgen Gerhards, Soziologe an der Freien Universität Berlin und auch am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) tätig, verschärft sich so die ungleiche Verteilung von Bildungschancen.

Für die Untersuchung hat er Daten von etwa 3000 Schülern ausgewertet. Entnommen sind sie einer Langzeitstudie, für die Zehntausende Personen nach Einkommen und Bildungsniveau analysiert werden. Kinder aus höheren Schichten haben demnach deutlich bessere Chancen, dass sich der Traum von der Ferne erfüllt; der Geldbeutel der Eltern spiele eine zentrale Rolle bei der Entscheidung, Schüler ins Ausland zu schicken.

Überschaubare Zahl an Stipendien

"Die Kosten eines Aufenthalts belaufen sich auf durchschnittlich etwa 9000 Euro pro Jahr. Das können sich nur wohlhabendere Familien leisten, zumal es kaum Stipendien gibt", sagt Gerhards laut einer DIW-Mitteilung.

Dutzende private Anbieter gibt es hierzulande, die meistens diese Reisen organisieren. Dem gegenüber steht nur eine überschaubare Zahl an Stipendien etwa von Stiftungen, in Einzelfällen kann auch Schüler-Bafög oder ein europäisches Zuschusssystem beantragt werden. Ein verlässliches Fördersystem, wie es für Studenten vor allem in Form des Erasmus-Programms besteht, existiert nicht.

Sprachen und interkulturelle Kompetenz gewönnen an Bedeutung für den Arbeitsmarkt, schreiben die Autoren. Bildungsbewusste Eltern investierten gezielt ins Auslandsjahr, um die Perspektiven ihrer Kinder zu verbessern. Den Ergebnissen zufolge erhöhen bereits 1000 Euro zusätzlich in der Familienkasse die Wahrscheinlichkeit für einen Auslandsaufenthalt um 40 Prozent. Auch der Schulabschluss der Eltern sei maßgeblich.

"Das öffentlich finanzierte Schulsystem hat nur verhalten auf den Bedarf an transnationalen Kompetenzen reagiert", so Koautorin Silke Hans. Gleichzeitig decke ein "privater Bildungsmarkt" zunehmend diesen Bedarf. Die Soziologen erkennen darin den Trend, "Bildung zu privatisieren und damit zu einem Privileg für Menschen aus wohlhabenderen Familien zu machen".