Ausbeutung von Wissenschaftlern Professor in spe für 8,33 Euro die Stunde

Sören Philipps war Gastdozent an der Universität Pristina im Kosovo, hat in Italien und Spanien gelehrt. Zurzeit lebt er von Arbeitslosengeld.

(Foto: Roland Preuß)

Mit 43 hat Sören Philipps "den Lebensstandard eines Studenten". Gezwungenermaßen. Wie er arbeiten an deutschen Unis Tausende Wissenschaftler in unsicheren Verträgen - und zu einem Verdienst knapp über dem Mindestlohn.

Von Roland Preuß, Hannover

Die Zeit für Sören Philipps läuft ab. "Ich darf noch drei Monate und neun Tage an der Uni arbeiten, dann ist Schluss", sagt er. Philipps sitzt noch einmal in seinem Büro, Universität Hannover, Historisches Seminar, erster Stock. Sie haben den großen Raum samt dem Stuck an der Decke mit einer Wand geteilt, rechts sitzt die Kollegin Professorin, links zwängt sich zwischen zwei Bücherstapel Dr. Sören Philipps, promovierter Historiker, wissenschaftlicher Mitarbeiter, Dozent, Lehrbeauftragter, 43 Jahre. Auf seinem Schreibtisch steht ein beigefarbenes Telefon aus Zeiten der Bundespost, das noch diese großen schwarzen Tasten zum Wählen zieren, rechts daneben klemmen bunte Bücher im Regal.

Das Büro ist so groß wie ein Zimmer im Studentenwohnheim, Philipps hat es sich mit einem Kollegen geteilt. Doch jetzt ist auch das vorbei. "Existenzängste?", fragt er und lacht trocken. "Die habe ich ständig."

Die nächsten Monate werden darüber entscheiden, ob er noch die Kurve bekommt in die Wissenschaft oder ob er aus der Bahn getragen wird. Schon jetzt reicht es ohne Arbeitslosengeld nicht zum Leben. Dabei fing alles so gut an. Der Magister, den er mit "sehr gut" abschloss, sodass ihn seine damalige Professorin fragte, ob er nicht eine Doktorarbeit anschließen wolle. Ja, wollte er. "Ich wollte in die Wissenschaft." Dann vor elf Jahren die Promotion mit "summa cum laude", der Bestnote.

Ein Typ, dem man gerne zuhört

Philipps kann begeisternd erzählen von seiner Arbeit über die Haltung zweier deutscher Rundfunkanstalten zur Wiederbewaffnung der frühen Bundesrepublik. Präzise und all das parat habend, was sich damals ereignete. Ein Typ, dem man gerne zuhört. Man kann gut verstehen, dass sie Philipps haben wollten am Historischen Seminar und an anderen Instituten. Wenn er heute davon spricht, klingt es wie der Beginn einer Drogenkarriere. Man fühle sich ja geschmeichelt, wenn man vom Professor angesprochen werde, sagt er. "Man wird da angefüttert."

Satte 84 Prozent der 160 000 wissenschaftlichen Mitarbeiter an Deutschlands Hochschulen haben mittlerweile Zeitverträge. Sie unterstützen Professoren, schreiben an ihrer Doktorarbeit, managen Organisationskram, und mitunter forschen sie auch. Es gibt volle Stellen, viele halbe Stellen und manchmal nicht einmal das. Kürzlich hat der Wissenschaftsrat, das einflussreichste Beratergremium in der Bildungspolitik, die Zustände im sogenannten Mittelbau angeprangert.

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Die Nachwuchswissenschaftler gingen in einigen Fächern ein "beträchtliches Risiko ein", sie seien schlecht bezahlt, eine Forscherkarriere in vielen Fällen unattraktiv. Die Chancen sind geschwunden, dass man am Ende den begehrten Posten als Professor erreicht. Denn Dank allerlei Förderprogrammen und Promotionsangeboten gibt es nun zwar viel mehr Doktoren, also mögliche spätere Professoren. Doch die Zahl der Professoren-Stellen ist in den vergangenen acht Jahren nur wenig gewachsen. Das Leben auf Zeitverträgen erweise sich häufig "erst sehr spät als Sackgasse", schreibt der Wissenschaftsrat.

Ein Leben auf Probezeit

Philipps lebt mit kurzen Unterbrechungen seit 14 Jahren von Zeitverträgen in der Wissenschaft. Mal waren es drei Monate am Institut für Politikwissenschaft, mal eine halbe Stelle bei den European Studies. Bis März vertrat er eine Geschichtsprofessorin für ein Semester. Dafür bekam er netto immerhin an die 1900 Euro im Monat. Einen Anspruch auf Weiterbeschäftigung hat er nicht. Es ist ein Leben auf Probezeit.

Und dann gibt es da noch das Dasein als Dozent, der für einzelne Lehrveranstaltungen honoriert wird. Das ist so eine Art Sahnehaube auf dem Cocktail der Unverschämtheiten. Das Rezept geht so: Ein Seminar mit Bachelor-Studenten geht über 17 Doppelstunden, pro Stunde gibt es 25 Euro. Das klingt nicht schlecht und summiert sich auf rund 800 Euro. Doch mit den Stunden an der Uni ist es natürlich längst nicht getan. Man muss das Seminar vorbereiten und danach zig Hausarbeiten korrigieren, jeweils mit individuellem Kurzgutachten. "In Wirklichkeit ist der Arbeitsaufwand drei mal so hoch", sagt Philipps. Und damit kommt man auf 8,33 Euro - etwas weniger als der allgemeine gesetzliche Mindestlohn. Für die Arbeit eines Doktors der Geschichtswissenschaft. Philipps macht es trotzdem.

"Ich habe den Lebensstandard und das Lebensgefühl eines Studenten", sagt er. Das klingt beschwingt, doch so ist es nicht gemeint, weil man mit 43 Jahren das Studentenleben durchaus satt haben kann. Wenn er frühere Mitschüler aus seinem Abiturjahrgang trifft, sieht er Mittvierziger in gut bezahlten Jobs mit Kindern. Er hat dann die Rolle des armen Exoten und akademischen Lebenskünstlers. Mit seiner langjährigen Freundin hat er immer wieder über Kinder gesprochen. Die Freundin ist jetzt Mitte dreißig. Es wäre langsam Zeit. Aber jetzt ein Kind, in diese Unsicherheit hinein? "Ich möchte keine Kinder auf Hartz IV großziehen", sagt Philipps.