Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse Reifeprüfung für die Einwanderungsgesellschaft

Es geht bei der Anerkennung ausländischer Abschlüsse nicht darum, Zuwanderern einen Gefallen zu tun. Es geht darum, die Leistungen zu würdigen, die sie bereits erbracht haben: Ein Chirurg sollte nicht Taxi fahren müssen. Doch die Bundesländer liefern bei der Umsetzung entsprechender Regeln ein erbärmliches Schauspiel des Zauderns ab.

Ein Kommentar von Roland Preuß

Natürlich kann man es als Erfolg sehen, wie weit Deutschland bei der Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse gekommen ist. So lobt Bundesbildungsministerin Johanna Wanka die Fortschritte. Muss sie auch, denn die Bundesregierung hat das Gesetz schon beim Inkrafttreten vor genau einem Jahr als "Meilenstein" für bessere Berufschancen der Migranten gefeiert. Es kann also vor der Wahl nicht plötzlich zum Meilensteinchen schrumpfen.

Dies allerdings wäre der passende Begriff. Das zeigt schon ein Blick auf die Zahlen: An die drei Millionen Zuwanderer mit Berufsabschluss leben in Deutschland, ihre Zeugnisse sind in der Regel aber nicht anerkannt. 300.000 Menschen sollte das neue Gesetz helfen - aber nur etwa 30.000 haben bisher einen Antrag auf Anerkennung gestellt, unter ihnen Ausländer, die noch gar nicht hier leben.

Bislang hat also gerade mal ein Prozent der Betroffenen profitiert. Das Gesetz ist so erfolgreich wie eine Splitterpartei.

Fähigkeiten bleiben ungenutzt

Es geht bei der Anerkennung ausländischer Berufs- und Studienabschlüsse um viel mehr, als Zuwanderern einen Gefallen zu tun. Es geht darum, ihre Leistungen im Ausland anzuerkennen: ein Medizinstudium aus Ungarn oder eine Kfz-Ausbildung aus der Türkei nicht einfach abzutun, als hätten die Menschen nie etwas gelernt.

Allzu oft landen die Menschen deshalb in Deutschland in der Arbeitslosigkeit, oder es fahren Chirurgen als Taxifahrer umher. Leider gibt es diese Fälle immer noch. Und es sind immer noch zu viele. Der Schatz ihrer Kenntnisse und ihre Fähigkeiten bleiben ungenutzt.

Ohne die bessere Anerkennung ausländischer Zeugnisse wird Einwanderung nach Deutschland nicht funktionieren. Diese Anerkennung ist eine Reifeprüfung für die Einwanderungsgesellschaft. Die jüngste Welle von Zuwanderern aus den Krisenstaaten Südeuropas machen das Problem dringlicher denn je. Ohne eine klare, rasche Regelung können beide Seiten nicht von der Einwanderung profitieren.

Doch bislang geht wenig voran - und dafür sind vor allem die Bundesländer verantwortlich. Sie bestimmen nach dem Gesetz über den Wert von zig Berufsabschlüssen, vom Altenpfleger über die Erzieherin bis hin zu den Fachärzten. Seit Jahren wird das Problem diskutiert, 2009 scheiterte ein erster Gesetzentwurf der damaligen großen Koalition im Bund am Streit zwischen Union und SPD. Es gingen drei weitere Jahre ins Land, bis der Bund endlich sein Anerkennungsgesetz verabschiedete.

Trödelei auf Kosten von Migranten

Seither haben die Länder ein erbärmliches Schauspiel des Zauderns abgeliefert: Gerade einmal fünf der 16 Länder haben bis heute ein eigenes Anerkennungsgesetz verabschiedet. Das ist Trödelei auf Kosten von Migranten, Firmen und Sozialkassen. Und es zeigt, dass Integrationspolitik immer noch als nachrangig betrachtet wird.

Auch für den Bund ist die Arbeit nicht getan. Es zeichnet sich bereits ab, dass die Regierung nachlegen muss, um mehr von den 300.000 möglichen Profiteuren einer Anerkennung zu erreichen. Es gibt zwei Möglichkeiten, dies zu schaffen: Zum einen kann er die Maßstäbe, an denen ausländische Abschlüsse gemessen werden, senken. Der Prüfer drückt dann ein Auge zu, die Anerkennung wird leichter. Solch ein Turbo-Verfahren würde bei Arbeitgebern jedoch keine Zustimmung finden; sie wollen sich darauf verlassen können, gleichwertige Stellenbewerber zu haben, wenn die Prüfer das bescheinigen.

Helfen wird nur die zweite Option, eine bessere Unterstützung für Zuwanderer: mehr Berater etwa oder eine Regelung, die Geringverdienern einen Teil der manchmal vierstelligen Anerkennungsgebühren erlässt. Manchmal würde auch ein Bildungskredit helfen, um eine Zeit lang fehlendes Wissen nachlernen zu können. So kann viel mehr Menschen der Aufstieg gelingen als bisher.