Analphabetismus "Ich habe nicht mehr das Gefühl, dass ich ein dummer Mensch bin"

Berlin Mitte. Peggy Gaedecke hat alle Menschen eingeladen, die ihr wichtig sind: ihre Tochter Lea, ihren Freund Enrico, ihre Mutter Ingrid, ihren Bruder Maik, ihre Schwiegermutter und Marion aus der Selbsthilfegruppe.

Gaedecke sitzt auf einer Bühne, neben ihr an einem Tisch der Schauspieler Heio von Stetten. "Ich bin zwar kein anderer Mensch geworden, was ich auch nicht wollte", liest er vor. "Aber ich habe mehr Selbstbewusstsein bekommen, bin mutiger in vielen Lebenssituationen geworden." Gaedecke schaut auf den Fußboden, streicht sich mit der Hand über den Oberschenkel. "Ich habe auch nicht mehr das Gefühl, dass ich ein dummer Mensch bin", liest von Stetten. "Wenn man möchte und den Ehrgeiz hat, weiter im Leben vorwärts zu kommen und was zu erreichen, schafft man viel mehr."

Applaus. Gaedecke schaut schüchtern auf Enrico, der in der ersten Reihe sitzt, schmunzelt und kräftig in seine großen LKW-Fahrer-Hände klatscht. Gaedecke hat den Text geschrieben, den Heio von Stetten vorgelesen hat. Er heißt "Was kann ich jetzt?" und erzählt davon, wie sich ihr Leben im vergangenen Jahr verändert hat. Eine Jury fand die Geschichte so bewegend, dass sie den Text für das Finale beim Schreibwettbewerb für funktionale Analphabeten nominierte. Auf Facebook erhielt Gaedecke dann so viele Stimmen wie kein anderer.

Die Autofahrt, die für Peggy Gaedecke alles änderte

Zur Preisverleihung sind 50 Gäste gekommen, die Bildungsministerin hat eine Mitarbeiterin geschickt. "Das ist schon viel Aufmerksamkeit", sagt Peter Hubertus. Er ist seit fast 20 Jahren Geschäftsführer des Bundesverbands Alphabetisierung. "Wir sind ja froh, dass wir inzwischen wenigstens eine kleine Lobby haben." Von den 7,5 Millionen Betroffenen besuchen nur 25 000 derzeit Lernkurse, sagt er. "Die meisten leben unerkannt mitten unter uns."

Für Gaedecke hat es einen Moment gegeben, der ihr die Angst genommen hat, sagt sie. Lange Zeit wussten nur ihre Mutter und ihre beste Freundin Bescheid. Dann kam diese Autofahrt, da war sie gerade seit zwei Monaten mit Enrico zusammen. Er holte sie vom Kino ab. "Ich habe geweint, er hat gefragt, was los ist." Sie erzählte ihm von dem Film, es ging um eine Analphabetin. Schließlich sagte sie: "Ich habe das auch." Er stutzte. "Was, du willst mich doch veräppeln?" Und dann erzählte sie ihm, warum sie behauptet hatte, lieber zu telefonieren, als SMS zu schreiben. Warum sie vor ihm nie am Computer schreiben wollte. "Am Ende hat er gesagt: Wir kriegen das hin", sagt Gaedecke. Sie schaut auf den Boden, streicht sich über den Arm, sagt leise: "Es war einfach in Ordnung."

"Wir sind ja nicht dumm"

"Diese Menschen können vielleicht eine Boulevard-Zeitung lesen": Millionen Menschen verlassen die Schule in Deutschland als Analphabeten. Sie können zwar meist rudimentär lesen, aber kaum schreiben - und haben damit geringe Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Spezielle Kurse können helfen. Doch die Hemmschwelle ist hoch. mehr...