Analphabetismus Der Kollateralschaden der Wissensgesellschaft

Dabei geht es gar nicht darum, dass die Betroffenen überhaupt nicht lesen oder schreiben können. Funktionale Analphabeten erkennen Buchstaben, manchmal einzelne Worte, aber sie verstehen keine zusammenhängenden Texte. Sie sind der Kollateralschaden der Wissensgesellschaft: Vor 50 Jahren hätten ihre Kenntnisse gereicht, um die meisten Jobs zu machen. Heute sind sie zu Hilfsarbeiten verdammt.

"Manchmal fehlt der richtige Buchstabe"

Jahrelang konnte Uwe Boldt weder lesen noch schreiben und dachte, er wäre mit seinem Problem alleine. Doch der 54-Jährige ist kein Einzelfall: 7,5 Millionen Analphabeten leben in Deutschland - in einer Gesellschaft, in der die Lese- und Schreibkompetenz immer wichtiger wird. Von Felicitas Kock mehr ... Die Recherche

Zurück beim Verein Lesen und Schreiben in Neukölln. Einige der Lerner, wie die Schüler hier genannt werden, wollen eine Selbsthilfegruppe gründen. Neben Peggy Gaedecke sind Marion, Peter und Petra gekommen, außerdem Ulrike, ihre Lehrerin. "Jemand muss ein Protokoll schreiben, damit die anderen wissen, was wir besprochen haben", sagt Marion. Schweigen. "Ach komm, Peggy", sagt Ulrike. "Du bist jetzt schon ein Jahr hier, du kannst das super." Gaedecke zerknautscht das Gesicht. "Ok, ich mach's, aber nur Stichworte." Die Lerner haben ihre Lehrerin eingeladen, damit sie von einer Selbsthilfegruppe von Analphabeten in Oldenburg berichtet. Gaedecke setzt den Kugelschreiber auf das Blatt, malt große Druckbuchstaben: OLNBUNG: ULRIKE ERZÄHT WAS DARÜBER.

"Ihr müsst euch klar werden, was ihr wollt mit eurer Gruppe", sagt Ulrike. "Wir wollen uns gegenseitig helfen", antwortet Marion. "Beim Hartz-IV-Antrag zum Beispiel", fällt ihr Peter ins Wort. "Habt ihr den Neuen schon gesehen?" Petra nickt heftig: "Ui, das ist ein tolles Ding. Früher durfte man überall Kreuzchen machen, jetzt muss man alles schriftlich eintragen." "Zum Kotzen", sagt Peter.

Wer permanent improvisiert, lernt Erstaunliches

Für Analphabeten ist die Welt voller Hürden: Formulare, Speisekarten, Fahrkartenterminals, Geldautomaten, Straßenschilder, Gebrauchsanweisungen. Ebenso viele Tricks gibt es, sich durchzumogeln, sagt Gaedecke: Formulare vom Amt versucht sie, mit nach Hause zu nehmen. Dort hat sie ein Wörterbuch und einen Ordner mit Kopien von allen möglichen Formularen. Beim Arzt lässt sie sich Flyer und Visitenkarten geben, um zu wissen, wie Gynäkologin oder Zahnwurzelbehandlung geschrieben wird. Im Restaurant bestellt sie das, was es überall gibt: Wasser, Cola, Kaffee.

Wer permanent improvisieren muss, lernt erstaunliche Dinge. "Ich kann mir sehr lange Texte auswendig merken", sagt Gaedecke. Und Lehrerin Ulrike sagt: "Analphabetismus hat nichts mit mangelnder Intelligenz zu tun. Die meisten Betroffenen wurden einfach nur nie gefördert."

So war es auch bei Gaedecke. Nach der Diagnose ihrer Grundschullehrerin wechselte sie auf eine Sonderschule, lernte ein bisschen Mathe, ein bisschen Englisch, ein bisschen Deutsch, aber leider nicht schreiben, sagt sie. Den Hauptschulabschluss machte sie, indem sie auswendig lernte, Rechtschreibung wurde bei ihr nicht bewertet. "Ich galt ja als behindert." Erst in der Ausbildung zur Hotelfachfrau flog sie auf: Die Chefin merkte, dass sie ihr Berichtsbuch nicht geführt hatte. Sie verlor ihren Job, wurde schwanger, mit 19 Jahren bekam sie Tochter Lea.