Analphabetismus in Deutschland Wenn Worte zur Qual werden

Mindestens neun Jahre müssen Kinder in Deutschland in die Schule gehen. Einige von ihnen können auch nach dieser Zeit nicht lesen und schreiben.

(Foto: dapd)

7,5 Millionen Menschen in Deutschland können kaum lesen und schreiben. Die Politik will gegensteuern und hat dabei hauptsächlich Erwachsene im Blick - statt bei den Schulen anzusetzen.

Von Ralf Steinbacher

Wenn Johann Löwen früher in der Schule etwas vorlesen sollte, weigerte er sich einfach - oder stand stumm auf und ging. Er wollte auf keinen Fall zugeben, dass er nicht lesen und schreiben konnte, Hausaufgaben machte er selten. Und wenn, dann schrieb er sie ab, obwohl man von schreiben eigentlich nicht sprechen kann: "Ich habe mir die Buchstaben angeschaut und versucht, sie nachzumalen", erzählt der 25-Jährige. Je älter Löwen wurde, desto weniger ging er überhaupt in seine Schule, in der die Lehrer offenbar kapituliert hatten. Wie ein Wunder kam es ihm am Ende vor, dass er in der Bielefelder Förderschule, in der er nicht gefördert wurde, den Hauptschulabschluss bekam.

Es ist ja auch verblüffend. Natürlich war er ein schwieriger Schüler, einer, den ein Lehrer kaum erreichen kann. Es bleibt dennoch die Frage, wie es sein kann, dass Kinder, die mindestens neun Jahre in die Schule gehen müssen, hinterher im gesellschaftlichen Abseits stehen: Weil sie nicht lesen und schreiben können.

Etwa 60.000 junge Menschen verlassen jedes Jahr die Schule ohne Abschluss. In dieser Gruppe sind viele, die vielleicht einzelne Wörter lesen können, aber keine Briefe und E-Mails, keine Verträge und Dokumente, keine Gebrauchsanleitungen. Mit Dummheit hat das nichts zu tun, und viele Betroffene sind sogar besonders geschickt darin, den Alltag trotz ihres Problems zu bewältigen.

7,5 Millionen Betroffene in Deutschland

Doch die Situation ist dramatisch, wie 2011 die sogenannte Leo-Studie zeigte. Demnach gibt es in Deutschland 7,5 Millionen Erwachsene, die kaum oder nur sehr schlecht lesen und schreiben können. 300.000 von ihnen können nicht einmal einzelne Wörter lesen, zwei Millionen verstehen Wörter, aber keine Sätze.

Mit dem Jahreswechsel ist die seit 2003 laufende UN-Weltdekade der Alphabetisierung zu Ende gegangen. Die Quote der Menschen, die nicht lesen und schreiben können, sollte sinken - doch die Zahlen des Unesco-Weltbildungsberichts 2012 zeigen: 775 Millionen Menschen weltweit sind Analphabeten.

Auch in Deutschland besteht Handlungsbedarf, darüber sind sich Politik und Fachwelt einig. "Es gibt Analphabetismus in Deutschland in einer Größenordnung, die nicht mehr eine Nische darstellt", sagt Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU). In der Praxis setzen die Instrumente gegen Analphabetismus allerdings in erster Linie bei den Erwachsenen an - zu spät, meinen Experten.

"Seit der ersten Pisa-Studie weiß man, dass Deutschland ein Grundbildungsproblem hat", sagt Peter Hubertus vom Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung. "Knapp zehn Prozent der Jugendlichen konnten einem einfachen Text keine Information entnehmen." Die erste Pisa-Studie wurde 2001 veröffentlicht. Seither wurde Deutschland immer wieder durch internationale Untersuchungen attestiert, dass auf dem Gebiet der Bildungsgerechtigkeit noch viel zu tun ist.

Polemisch formuliert: ungebildet bleibt ungebildet, wer am Ende der Grundschule nicht lesen kann, wird es vielleicht gar nicht mehr lernen. Getreu dem Sprichwort: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.