Afrikanische Studenten in Tunis Lizenz für Europa

Manuel Costa aus Togo und Adama Dian Diallo aus dem Senegal haben ihren Heimatländern den Rücken gekehrt und sich in Tunis eingeschrieben.

(Foto: Sarah Kanning)

Informatik, Wirtschaft oder Hotelmanagement - ihre Fächer belegen sie nicht nach dem Spaßprinzip, sondern mit Kalkül. Junge Leute aus halb Afrika studieren in Tunesien. Mit dem Zeugnis hoffen sie auf eine Zukunft in der EU.

Von Sarah Kanning, Tunis

Als Adama Dian Diallo in ein neues Leben aufbrach, hatte sie Angst. "Tunesien? Du bist verrückt - du wirst dort keine fünf Tage überleben", hatten Nachbarn ihr zugeraunt, bevor sie von Senegal in Richtung Norden aufbrach. Doch die zarte 23-Jährige hatte sich schon einmal durchgebissen, damals, vor zehn Jahren, als der Vater sie mit ihren drei Schwestern aus der Heimat Guinea über die Grenze nach Senegal schickte, weil die Schulen dort besser seien. Diesmal hatte ein Lehrer ihr die Internationale Universität in Tunis empfohlen, und Adama Dian Diallo sah nicht ein, sich von Ängsten und Gerüchten abhalten zu lassen.

"Seit zwei Jahren studiere ich jetzt hier Informatik im Master", sagt sie. "Nicht weil mir das Fach am meisten Spaß macht, sondern weil ich damit die besten Chancen habe." Das Leben jenseits der Unimauern sei zwar nicht immer einfach für ein dunkelhäutiges Mädchen, sagt sie. "Aber ich habe hier eine neue Familie gefunden."

"In Togo findest du nur einen Job, wenn deine Eltern Unternehmer sind."

Tunis, ein geschäftiger Werktag, langsam rollt der Verkehr auf einer der großen Ausfallstraßen aus dem Stadtzentrum hinaus. Hier im Nordosten der Hauptstadt steht die private Université Internationale de Tunis (UIT), ein wuchtiger, weißer Bau mit Glasfront. Junge Männer und Frauen aus 21 afrikanischen Ländern studieren hier - viele von ihnen haben dafür ihre Heimatländer verlassen: Kongo, Kamerun, Niger, Togo. Fragt man sie nach ihren Zielen, sagen sie: "Geld verdienen in Europa."

Sie kommen in der Hoffnung, dass ein Abschluss in Informatik, Wirtschaft, Rechtswissenschaften oder Hotelmanagement ihr Ticket nach Deutschland, Frankreich oder England sein wird. Tatsächlich tut die Uni seit ihrer Gründung 2002 alles dafür, als Drehkreuz zu fungieren: übers Mittelmeer in Richtung Europa für die Studenten, in Bezug auf Lehre und Kooperation zurück auf den afrikanischen Kontinent. Mit ersten Erfolgen. Gerade bahnt sich eine neue Partnerschaft mit einer deutschen Hochschule an; der erste UIT-Student hat in Deutschland sein Studium beendet.

Die meisten Studenten stammen aus wohlhabenden Familien

Der Vater von Adama Dian Diallo ist Tierarzt in Guinea. Er hat seinen Doktortitel in Frankreich gemacht und sich geschworen, diese Chance auch seinen Kindern zu ermöglichen. Die älteste Tochter studiert Medizin in Senegal. Ein Studienjahr von Adama Dian Diallo kostet an der UIT in Tunis etwa 3000 Euro, dazu kommen Unterkunft, Flüge, Lebenshaltungskosten. Die meisten Studenten hier leihen sich das Geld bei Verwandten oder stammen aus wohlhabenden Familien.

So wie Manuel Costa, der an der UIT seine Licence in Finanzwesen macht. Eine Licence ist das französische Äquivalent zum Master, in Tunesien ist das französisch geprägte Bildungssystem ein Überbleibsel aus der Kolonialzeit. Costa stammt aus einer bekannten Familie in Togo. Sein Vater ist Kabinettschef des Bildungsministeriums. Die Familie hat Geld, doch Manuel Costa sagt auch: "In Togo findest du nur einen Job, wenn deine Eltern Unternehmer sind und du den Betrieb übernehmen kannst."

Die Arbeitslosigkeit in dem westafrikanischen Land nimmt seit Jahren zu, viele junge Männer suchen Arbeit im Ausland. Costa ist 26, hat in Togo ein Soziologiestudium abgeschlossen, fand keinen Job. Er träumt von einer Anstellung bei einem multinationalen Konzern wie Coca Cola oder BMW. "Und dafür werde ich kämpfen."

Die UIT orientiert sich in ihrer Lehre am deutschen Modell privater Hochschulen und Fachhochschulen - damit stellt sie eine Ausnahme in Tunesien dar. Die Klassen sind klein, die Professoren und Dozenten jung, parallel zum Lehrstoff lernen die Schüler Fremdsprachen. "Wir können uns von der Qualität der deutschen Lehre viel abschauen und davon profitieren", sagt Uni-Direktorin und Gründerin Héla Ennaifer.

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