Abgesagte Theateraufführung US-Kindergarten erzürnt Eltern mit Karriere-Drill

Spiel und Spaß sind das Prinzip im Kindergarten? Weit gefehlt. Ein amerikanischer Kindergarten hat jetzt die alljährliche Theateraufführung abgesagt. Begründung: Man müsse die Kinder auf die Anforderungen des 21. Jahrhunderts vorbereiten.

Im Kindergarten - sollte man meinen - sind selbst spätere Karrieristen und Respektspersonen einfach: Kinder. Mit allem was dazu gehört, das besang schon der deutsche Liedermacher Rolf Zuckowski:

Wo hat der Bürgermeister schon im Sand gespielt//und sich im tiefen Matsch so richtig wohlgefühlt//wo zupfte seine Frau den Puppen alle Haare aus//ich glaub', sie weiß es noch genau.

Wo hat der Polizist sich im Gebüsch versteckt//und immer wieder neue Streiche ausgeheckt.//Wo war die Lehrerin//gefangen in der Räuberhöhle, als entführte Königin.

Die Antwort gibt Zuckowski im Refrain: "Im Kindergarten, im Kindergarten", heißt es im gleichnamigen Song, "da fangen alle mal als kleine Leute an".

Die Liedzeilen stammen aus dem Jahr 1994 und seitdem hat sich viel getan. Heute ist ein Kindergarten nicht mehr unbedingt ein Ort, an dem Kinder Kinder sein dürfen. So sieht das zumindest die Harley Avenue Primary School in Elwood im US-Bundesstaat New York. An der Grundschule mit integriertem Vorschulbereich wurde jetzt die jährliche Theateraufführung abgesagt. Die Begründung: Für Spiel und Spaß ist im 21. Jahrhundert kein Platz mehr - auch nicht im Kindergarten.

In zwei Briefen teilte die Schulleitung den Eltern ihre Entscheidung mit. Konkret heißt es im zweiten Schreiben vom 24. April zur Begründung:

Liebe Eltern und Erziehungsberechtigte,

wir hoffen, dass dieser Brief Ihnen hilft, besser zu verstehen, wie die Anforderungen des 21. Jahrhunderts Schulen verändern (...). Obwohl die nationalen Medien seit mehr als zehn Jahren über die Entwicklung hin zu strengeren Lernstandards berichten, fühlen sich manche Menschen angesichts der Veränderungen im Bildungswesen nun beunruhigt. Was wir lehren und wie wir lehren ist Veränderungen unterworfen, um den Anforderungen einer sich verändernden Welt gerecht zu werden.

Der Grund für die Absage der Kindergarten-Aufführung ist einfach. Wir sind dafür verantwortlich, den Kindern für das College und die Karriere wertvolle Qualifikationen mit auf den Weg zu geben, von denen sie ein Leben lang profitieren werden, und wir wissen, dass wir das am besten tun, indem wir sie zu starken Lesern, Schreibern, Kollegen und Problemlösern machen. Bitte werfen Sie uns nicht vor, dass wir professionelle Entscheidungen treffen, von denen wir wissen, dass sie niemals alle zufriedenstellen werden. Aber seien Sie sich bewusst, dass wir diese Entscheidungen zum Wohle aller Kinder treffen.

Während der Brief - die Daily Mail bildet hier das mutmaßliche Original ab - andeutet, dass sich manche Mütter und Väter tatsächlich mehr zielgerichtetes Lernen statt Singen und Tanzen wünschen, bringt die Karriere-Order des Kindergartens andere Eltern auf die Barrikaden. Ninette Solis, die Mutter der fünfjährigen Gabriela, setzte gar eine Online-Petition gegen die Absage auf. Darin heißt es unter anderem:

Hier geht es um fünfjährige Kinder! Das ist skandalös! Die Aufführung abzusagen, macht überhaupt keinen Sinn. (...) Wie ein besorgter Lehrer angemerkt hat: "Zur College- und Karriere-Reife gehört es auch, Spaßhaben wertschätzen zu können. Eine Karriere, die keinen Spaß macht, ist es nicht wert, sie zu haben." Darüberhinaus ist die Kindergarten-Aufführung eine positive Erfahrung und trägt zur Entwicklung der Kinder bei. Die Kinder treten vor Publikum auf. Das hilft ihnen, Selbstvertrauen aufzubauen. Durch die Aufführung lernen sie außerdem, vor Publikum zu sprechen, und sie können gemeinsam ihre große Leistung feiern.

Mehr als 1800 Menschen haben die Petition bislang unterzeichnet, lokale und internationale Medien berichten über die Kindergarten-Posse. Ein Einsehen zeigt die zuständige Schulverwaltung aber nicht. Ein Sprecher sagte dem örtlichen Nachrichtensender News 12 Long Island, man glaube, dass die Entscheidung im besten Interesse der Schüler sei.

Man möchte den Verantwortlichen Rolf Zuckowski ans Herz legen, der weiß, wie wehmütig Bürgermeister, Polizist und Lehrerin irgendwann auf ihre Kindheit zurückblicken:

Und wenn sie groß sind, fragen sie sich irgendwann,

wie nur die Zeit so schnell vorübergehen kann.

"Um ganz ehrlich zu sein, das Thema langweilt mich"

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