22. Mai 2015, 15:29 SS-Vergangenheit von Uni-Mitbegründer Überzeugter Weltanschauungskrieger

Er war Literaturwissenschaftler, Romanist, Mitbegründer der Konstanzer Reformuniversität - und Mitglied der SS: Hans Robert Jauß. Nun hat die Uni seine Vergangenheit erforschen lassen.

Von Volker Breidecker

Es war an der Zeit, endlich Klarheit über das Vorleben des weltbekannten Literaturwissenschaftlers und Romanisten Hans Robert Jauß (1921-1997) im Dritten Reich herzustellen. Der Mitbegründer der Konstanzer Reformuniversität und Stifter des lange Zeit einzig bedeutenden Exportguts deutschsprachiger Literaturwissenschaft, der sogenannten Rezeptionsästhetik - sie erforscht Rolle und Anteil des Lesers am literarischen Werk -, dieser Hans Robert Jauß zählt auch zu den Vaterfiguren bei der "zweiten Gründung" dieser Republik in den sechziger Jahren des Aufbruchs. Mit der von ihm ins Leben gerufenen, legendären Forschungsgruppe "Poetik und Hermeneutik" lieferten Jauß und seine gelehrten Mitstreiter - darunter Reinhart Koselleck, Hans Blumenberg, Wolfgang Iser, Wolfgang Preisendanz und Dieter Henrich - bedeutende Beiträge zur Wiedereinholung dessen, was in Deutschland unter dem Nationalsozialismus abgebrochen war. Dies diente dazu, die deutschen Geisteswissenschaften überhaupt wieder an das im westlichen Europa und in den USA erreichte Niveau heranzuführen.

Klarheit über Jauß' Mitgliedschaft und Rolle bei der Waffen-SS - dem militärischen Arm des vom Reichsführer Heinrich Himmler geleiteten Ordens elitärer Weltanschauungskrieger - bringt jetzt eine von der Konstanzer Universität in Auftrag gegebene Studie. Verfasst hat sie der ausgewiesenen Militärhistoriker Jens Westemeier. Die Studie zieht alle Register neuerer biographischer Forschung. Im Audimax der Universität wurden die Ergebnisse am Mittwochabend in Konstanz vorgestellt, und auf der Homepage der Uni steht die 125 Seiten starke, quellengesicherte Studie jetzt zum Herunterladen im Netz.

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Für den Entschluss der Aufarbeitung, die vom Rektor Ulrich Rüdiger getragen und gegen lokale Widerstände verteidigt wurde, hatten sich die Konstanzer allerdings viel Zeit gelassen. Die Gerüchte über Jauß' Verfehlungen kursierten immerhin schon seit den Siebzigerjahren. Konkreter wurden die Vorwürfe Mitte der Neunziger, Jauß selbst orakelte stets ausweichend, während die nähere Umgebung die Sache nach gewohnten Mustern bagatellisierte, sie zur Jugendsünde eines Siebzehnjährigen erklärte, welcher er bei Kriegsende - im Rang eines SS-Hauptsturmbannführers - schon lange nicht mehr war.

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Im Herbst vergangenen Jahres wurde das lange Schweigen durchbrochen von der Aufführung eines szenischen Dramas aus der Feder des Juristen und Theaterautors Gerd Zahner: Auf den Brettern des Audimax tauschte der Jauß figurierende Schauspieler den Text von dessen berühmter Antrittsvorlesung von 1966 über "Literaturgeschichte als Provokation" aus gegen das Urteil der Spruchkammer, die 1947 über Jauß' Mitwisserschaft an sämtlichen Verbrechen des Nationalsozialismus verhandelt und diese bejaht hatte.

Der davon ausgelöste Rumor lag auch jetzt am Mittwoch noch im selben Saal in der Luft, von dessen Bühne der Historiker Jens Westemeier mit gebotener Sachlichkeit seine kluge, grundsolide Expertise vorstellte, ohne freilich zu verschweigen, wie sehr die Sache selbst und ihre große Aufmerksamkeit auch an seinen Emotionen rührte.

Wie auch an den Emotionen des Publikums, dem man vor allem in der anschließenden Diskussion deutlich anmerkte, dass hier noch immer deutsche Familienaffären in über mehrere Generationen verteilten Rollen ausgetragen werden. Die von einem längst verblichenen Geschlecht angerichteten und ihren Nachkommen hinterlassenen Lasten liegen auch weiterhin wie ein Albdruck auf den Köpfen der Lebenden: Es gab Eingeständnisse der Traurigkeit ob des gerade Vernommenen; Willenserklärungen, "niemanden verletzen" zu wollen; bis hin zum Raunen über den damit angebrochenen oder gar vollendeten Untergang der Konstanzer Universität im dicht gedrängten Chor der Alten Herren.

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Aus Schutzhaltung gegenüber ihrem einstigen Mentor oder Weggefährten waren einige dieser Akademiker sich erneut nicht zu schade für den alten Refrain von den Jugendsünden, von den Erlebniswelten eines Hitlerjungen - "umsonst und draußen" - und von vermeintlichem Befehlszwang, wo doch in Wahrheit von der konkreten Verantwortung für Kriegsverbrechen die Rede war.

Und doch wirkten die einst so wortgewaltigen früheren Ordinarien ratlos: Ein renommierter Althistoriker wandelte mitten in der Diskussion vor der Rednerbühne hin und her, als sinniere er über eine eigene Vorlesung, und ein ehemaliger Rektor wollte in seiner Protesthaltung vom Rednerpult gar nicht mehr weichen, als sei er noch immer im Besitz der Amtsgewalt.

Und die Sache, die vorgetragen wurde, die Ergebnisse der Studie, die bilanziert wurden und über die nach genauer Lektüre von nun an gestritten werden darf?

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Eine handgreifliche Mitwirkung an Kriegsverbrechen ist Hans Robert Jauß nicht nachzuweisen, auch nicht nach Rekonstruktion seiner Laufbahn als eines seit Kriegsbeginn freiwilligen SS-Kämpfers und beinahe lückenloser Rekonstruktion seiner Einsatzorte an der West- und vor allem an der Ostfront vor Leningrad 1942, bei Narwa 1944 und in Kroatien 1943.

Aber: Dieser Hans Robert Jauß, der bereits aus einem stark von NS-Ideologien infizierten familiären und schulischen Milieu stammte, war als SS-Mann von der ersten bis zur letzten Stunde ein überzeugter Weltanschauungskrieger. Von seiner und von Hitlers Sendung, Europa und die Welt vom "Bolschewismus" - synonym für das "internationale Judentum" - zu befreien, war er felsenfest überzeugt. Er lehrte dies selbst auf Junkerschulen im sogenannten Weltanschauungsunterricht.

Und ganz neu, von Jauß verschwiegen, sind diese, von Westemeier auch vor Ort gesicherten Erkenntnisse: In Kroatien befehligte Jauß Einsatztrupps und eine ganze Kompanie im Zuge der sogenannten "Banden-" und "Partisanenbekämpfung". Dabei kam es zu Grausamkeiten gegenüber der Zivilbevölkerung durch das Bataillon, zu dem die von Jauß befehligte Kompanie gehörte. Das Ausmaß der Grausamkeiten wurde sogar von den verbündeten Ustascha-Milizen und von höheren Wehrmachtsoffizieren beklagt. Für diese Kriegsverbrechen war Jauß mitverantwortlich. Über alles, was er selbst über seine Karriere bei der Waffen-SS und seine Kriegseinsätze verlauten ließ, einschließlich der Entlastungslegende von den "Soldaten wie anderen auch", kommt Westemeier zu einem Fazit, das dem Literaturwissenschaftler auf seinem ureigenen Feld widerspricht: "Der von Jauß tradierte Narrativ stimmt mit der Forschungslage nicht überein."

Und dann wirft die Studie noch ihr Licht auf einen für einen Philologen geradezu gespenstischen Vorgang: Hans Robert Jauß hatte zwei Jahre vor seinem Tod ein Tagebuch eröffnet, in dem er Zitate aus seinen Feldpostbriefen collagierte, kommentierte und womöglich auch revidierte. Was Jens Westemeier daraus zitiert, ist dabei weniger apologetisch als bis zu einem gewissen Grade selbstentblößend. Das Ausgangsmaterial aber, die Feldpostbriefe, hat Hans Robert Jauß anschließend jedoch vernichtet - der Überlieferung zufolge hat er sie verbrannt, im häuslichen Garten mit Blick über den See.

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