22. November 2012 10:20 Stipendienprogramm vom Unternehmensberater Nachhilfe vom Multimillionär

Er ist der einflussreichste Unternehmensberater der Republik und deshalb nicht unumstritten - doch nun, nachdem er viele Millionen verdient hat, will er vor allem Gutes tun: Roland Berger vergibt Stipendien an Schüler aus armen Familien. Er will, dass auch sie eine Chance bekommen - so wie er selbst.

Von Ulrich Schäfer

Da stehen sie nun also, der Olli und der Herr Berger, hoch oben in einer Sponsorenloge der Fröttmaninger Arena, und sprechen über Siege und Niederlagen. Da unten, sagt der Olli, und zeigt auf das Tor direkt unterhalb der Tribüne, hat der Bastian Schweinsteiger im Champions-League-Finale beim Elfmeterschießen nur den Pfosten getroffen.

Als Stifter vergibt Roland Berger Stipendien an Schüler, die es sonst aus verschiedenen Gründen vermutlich nicht schaffen würden.

(Foto: Astrid Schmidhuber)

Der Olli weiß, wie man sich fühlt in solch einem Moment, allein vor Zehntausenden von Zuschauern im Stadion und Millionen an den Fernsehschirmen. Auch er hat solche Momente durchlitten. Und ist trotzdem wieder aufgestanden. Niederlagen und Rückschläge, sagt auch Herr Berger, seien Teil des Lebens: "Danach muss man wieder an sich glauben, an sich arbeiten." Es gehe darum, ruft er seinen Zuhörern zu, "das ihr das aus euch macht, was in euch steckt".

Die 30 Kinder und Jugendlichen, bayerische Schüler zwischen sieben und 18 Jahren, folgen den Ausführungen der beiden Männer gebannt. "Du packt es!", heißt das Seminar, das sie hier besuchen. Den Olli kennen die Kinder und Jugendlichen alle. Oliver Kahn. Der Torwart-Titan. Einst Torhüter beim FC Bayern und in der Nationalmannschaft. Die Mädchen und Jungen wissen, wie Kahn sich fürchterlich ärgern kann nach Niederlagen und wie er sich freuen kann nach einem Sieg.

Aber was der Herr Berger so macht, dieser ältere, sonnengebräunte Mann mit den grauen Haaren und dem freundlichen Lachen? Da wissen die meisten nicht so genau. Reich ist er, gewiss. Sehr reich. Und ihm gehört ein Unternehmen, das anderen Unternehmen sagt, was sie machen sollen. Aber so richtig verstehen die meisten nicht das Geschäft, das der Herr Berger betreibt. Ist ihnen ja auch egal. Sie sind ihm einfach dankbar, dass er ihnen das Motivationsseminar mit Olli Kahn ermöglicht. Und dass er ihnen auch sonst hilft mit all dem Geld, das er verdient hat.

Denn Roland Berger, geboren 1937 in Berlin und seit diesem Donnerstag 75 Jahre alt, ist nicht bloß Firmengründer und politischer Berater, unternehmerischer Tausendsassa und gesellschaftlicher Strippenzieher. Der Mann, der noch während des Studiums mit einer Wäscherei im Münchner Stadtteil Bogenhausen begonnen und später dann die größte deutsche Unternehmensberatung aufgebaut hat, ist in den vergangenen Jahren zu einem der bedeutendsten Stifter Deutschlands geworden. 50 Millionen Euro hat er vor fünf Jahren aus seinem Privatvermögen genommen und damit eine nach ihm selbst benannte Stiftung dotiert. Es kann gut sein, dass er demnächst weitere 50 Millionen Euro, vielleicht sogar 100 Millionen Euro in die Roland Berger Stiftung stecken wird, getreu dem englischen Motto, das er gern zitiert: "You learn, you earn, you return."

Roland Berger ist jetzt in der dritten Phase seines Lebens angekommen. Er hat als Schüler in Landshut, München und Nürnberg und als Student in München und Hamburg erst viel gelernt. Danach hat er von 1967 bis 2003 die von ihm gegründete Unternehmensberatung geleitet und sehr viel verdient. Regelmäßig taucht er in der Liste der vermögendsten Deutschen auf und als "living brand", als lebende Marke seines Unternehmens, ist er immer noch viel unterwegs, gerade in Asien. Aber nun, in Phase drei seines Lebens, will er vor allem Gutes tun: Er zahlt zurück, wie er das nennt, und hat dazu 2008 die Stiftung gegründet.

Und weil Roland Berger weiß, was ein Leben in Not bedeutet, weil er im Zweiten Weltkrieg aufgewachsen, in Trümmern und bisweilen ohne seinen Vater, der immer wieder von der Gestapo verhaftet wurde und zeitweise im Konzentrationslager Dachau inhaftiert war - deshalb hat er sich zum Ziel gesetzt, Kindern aus Problemvierteln und sozial schwachen Familien zu helfen. Kindern in Not. Als Stifter vergibt er Stipendien, mittlerweile 500, an Schüler, die es sonst vermutlich nicht schaffen würden, weil sie keinen Rückhalt daheim haben, weil sie aus armen Verhältnissen kommen, aus bisweilen zerrütteten Elternhäusern, oft aus Familien mit Migrationshintergrund.

Berger will ihnen bei ihrer Schullaufbahn helfen, ihnen eine Chance geben, sie begleiten auf ihrem Weg heraus aus einer Welt, die vielfach bestimmt wird von der Arbeitslosigkeit der Eltern, von Hartz IV und dem, was Pädagogen gern als Bildungsferne bezeichnen. Er wolle, sagt Berger, "der offensichtlichen Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft etwas entgegensetzen und dabei helfen, jedes Talent zu mobilisieren, weil jeder Mensch für die Gesellschaft wichtig ist". Er wolle die soziale Schieflage in diesem Land "ein bisschen positiv beeinflussen".

Roland Berger macht dies mit der Zielstrebigkeit und Konsequenz, die ihn zu einem der einflussreichsten Unternehmer der Republik hat werden lassen, zum Berater, der den Bossen der Dax-Konzerne erklärt, wie sie ihre Unternehmen zu führen haben. Er ist die Gründung der Stiftung so angegangen, wie seine Berater die Sanierung eines maroden Betriebs angehen: mit einem klaren definierten Businessplan, einer Bilanz und sauber umrissenen kurz- und mittelfristigen Zielen.

In der Firmenzentrale von Roland Berger Strategy Consultants, in den gläsernen, 37-stöckigen Highlight Towers im Münchner Norden, hat er ein Büro einrichten lassen, das die Infrastruktur der Unternehmensberatung nutzen kann; der Stiftung hat er mit Regina Pötke, der ehemaligen Leiterin eines großen Gymnasiums, eine engagierte Vorstandsfrau verschafft; und er hat seine Kontakte spielen lassen zur Politik. Er hat für sein Projekt bei Ministerpräsidenten und Kultusministern geworben, und mit dem Segen der Politik hat die Stiftung dann alle Schulen in den jeweiligen Bundesländern angeschrieben und ist auf die Suche nach Stipendiaten gegangen.

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Wer bei Roland Berger ein Stipendium bekommen will, muss besondere Begabungen und Interessen mitbringen, eine Empfehlung des Lehrers und sich in zwei Juryrunden inklusive Vorstellungsgespräch behaupten, aber wer es dann geschafft hat, der bekommt nicht nur finanzielle Unterstützung, sondern vor allem auch einen Mentor an die Seite. Dieser Mentor ist eine Art Coach, der den Stipendiat anruft, wenn es um die Schule geht oder um andere Nöte; der mit ihm Ausflüge macht, ins Theater, ins Museum, ins Fußballstadion, in den Englischen Garten.

Denn, so erzählt Berger, "es gibt 13- oder 14-Jährige, die ihr Stadtviertel noch nie verlassen haben und die das bürgerliche Leben sonst wahrscheinlich nie kennenlernen würden". Die Mentoren werden von der Stiftung ausgesucht; Studenten sind ebenso darunter wie Firmenchefs, Banker ebenso wie Berater von Roland Berger, aber auch Architekten oder pensionierte Lehrer.

Der Mentor entwickelt mit dem Stipendiaten, deren Eltern und Lehrern individuelle Förderpläne. Sie ermuntern zum Sport, zur Musik, zur Kunst. In den Ferien und an den Wochenenden gibt es für die Stipendiaten zudem Seminare, in denen sie zum Beispiel etwas über gute Ernährung lernen, über Werte, über Rhetorik. Sie machen zusammen Sport und Musik oder üben gemeinsam, wie jüngst an der Dresdner Semperoper, ein großes Bühnenstück ein, "Das Konzert der Tiere" von Erich Kästner, und führen es auf.

Dieses Programm ist nicht billig, denn Berger bietet seinen Zöglingen mehr als andere Bildungsstifter. Sein Stipendium nennt sich entsprechend "Deutsches Schülerstipendium". Deshalb reichen die Zinsen, die das Stiftungsvermögen von 50 Millionen Euro abwirft, auch nicht aus, um den jährlichen Etat der Stiftung zu decken. Berger versucht daher regelmäßig weitere Spenden einzuwerben.

Bei Firmen ist er oft erfolgreich. Wenn der Multimillionär Berger bei anderen Multimillionären vorspricht und um eine Gabe aus dem Privatvermögen bittet, erfährt er aber oft Ablehnung. "Man trifft da auf ziemlich viele zugeknöpfte Taschen", sagt er. Manchmal bekommt er gar zu hören, er verderbe mit seiner großzügigen Spendertätigkeit die Preise. Will heißen: Er tue zu viel des Guten.

Der Stifter Berger trifft aber noch auf eine andere Form der Skepsis, weil er vielen Menschen als der kalte Sanierer gilt, als jemand, der Firmen auf Effizienz trimmt, was am Ende auch heißen kann, dass die Zahl der Arbeitsplätze in ein Unternehmen nicht steigt, sondern sinkt. So einer wie er wolle sich doch mit seiner Stiftertätigkeit bloß einen guten Anstricht geben. Berger weiß das. Er räumt ein: "Manchmal ist es mit meinem Namen sogar schwerer, Gutes zu tun." Doch das ficht ihn nicht an. Er macht trotzdem weiter. Unermüdlich. Sammelt Geld. Sammelt Erfahrungen. Und freut sich, wenn seine Stipendiaten den Übertritt aufs Gymnasium geschafft haben oder das Abitur in Händen halten.

Roland Berger sagt, er habe als Kind "Glück gehabt mit meinem Elternhaus und viel menschliche Zuwendung erfahren". Seine Eltern hätten ihm unglaublich viel gegeben, und das habe seine Persönlichkeit geformt. Nun, in der immer noch umtriebigen, aber etwas ruhigeren Endphase seines Berufsleben, hat er das Ziel, junge Menschen "in ihrer ganzen Persönlichkeit zu fördern, was automatisch dazu führt, dass sie später auch einen Beitrag zur Gesellschaft leisten." Und wenn man ihn sieht im Kreis der Stipendiaten, wie er mit ihnen genauso ernsthaft plaudert wie mit Konzernchefs, dann sieht man, wie sehr er in dieser Rolle aufgeht.

Aber will er, dass am Ende dabei lauter kleine Unternehmensberater herauskommen? Um Himmels Willen, nein. Berger ist ein Schöngeist, er liebt die Musik, die Oper, die Malerei. Wenn aus seinen Stipendiaten am Ende erfolgreiche Künstler würden, vielleicht auch Lebenskünstler, dann würde er sagen: Es hat sich gelohnt!