9. Februar 2013 10:15 Respekt vor dem Doktor Eine Welt von Wissen

Bis heute hat sich der Glaube an den besonderen Status der Universitäten gehalten. Als Horte der Erkenntnis, die gewöhnlichen Menschen verschlossen bleiben. Die Hochschulen stellen aber auch Massenbetriebe dar - und das fordert seinen Tribut.

Von Thomas Steinfeld

Abschlussfeier in Bonn: Immer mehr Studierende erreichen einen akademischen Grad

(Foto: dpa)

Drei Typen des akademischen Grads "Doktor" gibt es, und man muss sie sorgfältig unterscheiden. Da ist zunächst der Grad des Arztes. Sein Namenszusatz, den er oft auch dann zugesprochen bekommt, wenn er ihn gar nicht erworben hat, gehört in denselben Zusammenhang wie seine Sprache und seine Schrift.

Die eine wird nur von Kollegen verstanden, die andere ist unleserlich, und alle drei Momente (der Grad, die Sprache und die Schrift) werden als Ausdruck des Zugangs zu höherem, der Allgemeinheit verborgenem Wissen wahrgenommen. Deswegen wird im akademischen Vergleich auch zwischen dem "Berufsdoktorat" des Arztes und dem echten "Doktor" unterschieden.

Der zweite Typ gehört zu Wissenschaftlern, die eine akademische Karriere zumindest erwägen. Für sie ist der Doktorgrad eine Voraussetzung für den Zugang zu den oberen Laufbahnstufen. Sie müssen deshalb damit rechnen, dass die zu ihrem Grad gehörenden Dissertationen gelesen werden.

Ein seltsamer Schmuck

Für den dritten Typ ist der Doktorgrad tatsächlich ein Titel: ein Namenszusatz, den man sich im Personalausweis eintragen lassen kann, ein Ornament, das seinen Träger vermeintlich in ein Wesen höherer Ordnung verwandelt, ein seltsamer Schmuck, den zu erwerben eine Anstrengung von Jahren voraussetzt, den man aber nicht braucht, weder im Beruf noch anderswo. Es ist dieser dritte Typ, der dafür sorgt, dass die Liebe zum Doktor im Ausland als spezifisch deutscher Wahn aufgefasst wird.

Tatsächlich ist der höhere akademische Grad in Deutschland eine ernste Sache - anders als in Italien, wo man den "dottore" auch als lustige Figur der venezianischen Komödie kennt, anders sogar als in Österreich, wo er in oft halbernster Form in die alltägliche Prunksucht eingeht. Ernst ist die Sache nicht nur, weil man sie ohne Qual und Entsagung nicht verliehen bekommt, sondern vor allem, weil sich dahinter ein Glaube an die deutsche Universität als dem einzigen und einzigartigen Ort höheren Wissens verbirgt.

Der Glaube an ein paar hundert Jahre Bildungsgeschichte

Für einen Franzosen stellt es einen großen Unterschied dar, ob er eine Universität oder eine "haute école" besucht hat, denn Letztere zählt weitaus mehr als eine Universität, gar in der Provinz.

Für einen Briten ist der Abstand zwischen den alten, renommierten Universitäten und mittelmäßigen staatlichen Hochschulen so groß, dass er erst gar nicht darauf kommt, sie mit demselben akademischen Grad überbrücken zu wollen.

So denkt auch der Amerikaner, für den es darüber hinaus noch den "Doc" gibt. Dieser zeichnet sich nicht dadurch aus, dass er irgendwo studiert hat, sondern dass er in Stunden der Not noch einen besonderen Trick beherrscht. Im deutschen "Doktor" aber stecken nicht nur der Glaube an ein einiges Reich des Wissens, sondern auch ein paar hundert Jahre Bildungsgeschichte.

Die Universität war bis weit ins neunzehnte Jahrhundert hinein die wichtigste unter den wenigen Institutionen im deutschen Sprachraum, die für eine funktionierende Gemeinsamkeit unter den vielen Staaten in dieser Region stand - für eine Ökumene des Wissens und der Lehre. Sie war ein Ort der Kontinuität, allein schon, weil auch der geringste Kleinstaat auf Juristen, Kameralisten und Pastoren angewiesen war.

Und sie war schließlich, beginnend im frühen neunzehnten Jahrhundert und aus Motiven, die viel mit den Notwendigkeiten von Grundlagenforschung zu tun hatten, eine Bildungseinrichtung, in der pragmatische Interessen wenig gelten sollten. Stattdessen wurde die Freiheit der Wissenschaft als höchstes Gut behauptet.

Die unlautere Abkürzung ist eine Option

Die Realität der akademischen Lehre und Forschung in Deutschland mag heute ebenso wenig mit Freiheit zu tun haben wie mit Kleinstaaterei (obwohl diese in der Länderhoheit über das Bildungswesen fortlebt): Aber der Glaube an den besonderen Status der Universität hat sich hierzulande erhalten, genauso wie die Hoffnung, es gäbe, jenseits der täglichen Belange, eine Welt von Wissen und Erkenntnis, die gewöhnlichen Menschen verschlossen bleibe. Von dieser Vorstellung, so unsinnig sie sein mag, lebt der Respekt vor dem Doktor.

Ein Kandidat, der den Doktorgrad vor allem erwerben will, um damit zu renommieren - oder weil er sich berufliche Vorteile außerhalb der akademischen Welt verspricht -, geht einerseits ein Risiko ein: Einsatz und Ertrag könnten in einem ungünstigen Verhältnis zueinander stehen. Deshalb stellt in solchen Verhältnissen die unlautere Abkürzung des Verfahrens (durch Plagiate, Ghostwriter oder direkte Korruption) grundsätzlich eine Option dar.

Andererseits gibt es einen handfesten Grund, über den Master, das Diplom oder das Staatsexamen hinaus einen höheren akademischen Grad zu erwerben: Die Verwandlung der Universität in einen Massenbetrieb und die dazugehörige Verschärfung der Konkurrenz unter den Akademikern führten nicht nur dazu, dass heute viel mehr Menschen akademische Abschlüsse besitzen, sondern auch zu einer Abwertung der akademischen Grade.

Dass in Deutschland in jedem Jahr um die 25 000 Kandidaten promoviert werden, geht also auch darauf zurück, dass die Bedeutung der akademischen Grade in den vergangenen Jahrzehnten jeweils um mindestens eine Stufe gesunken sein dürfte - während der mit dem Grad verbundene Aufwand wuchs: Doktorarbeiten von mehr als 500 Seiten Umfang sind zumindest in den Geisteswissenschaften schon lange keine Seltenheit mehr.

Wer es dann bis zum Doktor geschafft hat, weiß zwar, dass auch seine Arbeit womöglich mit dem offiziellen Zweck einer Dissertation nur wenig zu tun hatte: nämlich der Wissenschaft ein paar neue Erkenntnisse hinzuzufügen. Der Namenszusatz aber verheißt ihm eine Art Adel, die Zugehörigkeit zu einem Milieu, das einen Anteil von höchstens zwei Prozent der Bevölkerung nicht übersteigt, eine prinzipielle Heraushebung aus der Masse der akademischen Fußgänger.

Auch die Fachhochschulen wollen Promotionen anbieten

Diesem Stolz aber droht Demütigung: Denn zum einen insistiert vor allem die Bundesregierung darauf, das deutsche System der Universität als für die gesamte Gesellschaft gleichermaßen existierende Institution nach angelsächsischem Modell aufzubrechen in einige sehr gute und viele mittelmäßige Hochschulen; dann wäre ein Doktorgrad etwa der Heidelberger Universität mehr wert als der nominell gleiche Grad der Universität Düsseldorf. Zum anderen aber drängen die Fachhochschulen darauf, endlich auch promovieren zu dürfen, wodurch sich die Zahl der Doktoren heftig vermehren würde. Was kommt dann?

Noch ist Doktor der höchste akademisch Grad und der "Professor" vor allem eine Amtsbezeichnung. Er wird in der Regel von Menschen getragen, die tatsächlich lehren. Im Titel "Honorarprofessor" liegen aber gewiss noch Möglichkeiten.