4. Februar 2013 14:52 Projekt gegen Schulschwänzer in Berlin Liebesgrüße aus der Schule

Von Carsten Janke

"Es ist 8.30 Uhr. Wir vermissen Dich": Schulschwänzen ist in Berlin ein Dauerthema. Jetzt sollen SMS oder E-Mails notorische Fernbleiber an ihre Anwesenheitspflicht erinnern. Doch das Projekt stößt auf Bedenken.

Vorsichtiger könnten die Formulierungen der Berliner Bildungsverwaltung kaum sein. Derzeit laufe der "Testbetrieb", dann käme die "Pilotphase", anschließend womöglich ein "Probelauf" - gemeint ist die Einführung des elektronischen Klassenbuchs. Als digitales Pendant zu den bisherigen Büchern aus Papier soll es die Bürokratie vereinfachen und vor allem den Kampf gegen Schulschwänzer forcieren.

Ein harter Kern - nach Schätzungen vier bis sechs Prozent der deutschen Schüler - verweigert regelmäßig den Unterricht. Schwänzerkarrieren seien der Ursprung von Langzeitarbeitslosigkeit, warnen Politiker; und Experten versuchen, den Blaumachern beizukommen. Das Land Berlin wollte bei diesem Thema voranschreiten - doch sein Digital-Projekt offenbart nun Tücken.

Die Idee ist simpel: Trägt ein Lehrer im Computer ein, dass ein Schüler wiederholt unentschuldigt fehlt, kann das System automatisch eine SMS oder E-Mail an den Schüler oder dessen Eltern verschicken. "Dadurch kann notorisches Schwänzen reduziert werden", sagt Ronald Rahmig, Schulleiter eines Oberstufenzentrums für Kfz-Technik. Als eine von drei Schulen wird man hier das neue Klassenbuch zuerst testen.

"Ein bisschen erziehen wir damit auch die Eltern"

Rahmig favorisiert als SMS-Ermahnung etwas Freundliches wie: "Es ist 8.30 Uhr. Wir vermissen Dich. Komm bitte zur Schule." Datenschützer hingegen hätten lieber eine Nachricht ohne persönliche Daten, etwa eine Bitte um Rückruf. Politiker, Datenschützer, Lehrer - alle wollten ohnehin ihre Ansprüche bei dem Projekt umgesetzt sehen. Auch deshalb kommt es so spät: Fast ein Jahr nach der ersten Ankündigung haben es erst drei Schulen geschafft, die nötige Technik aufzubauen.

Dabei sind die Absenzen in Berlin ein Dauerthema, viele Schulen klagen über notorische Schwänzer, die auch mal länger als eine Woche unentschuldigt fehlen. Das elektronische Klassenbuch soll hier Abhilfe schaffen, hofft Schulleiter Rahmig: "Eine SMS oder ein Anruf, bevor am nächsten Tag die Schule beginnt, zeigt den Schülern, dass ihr Fernbleiben Konsequenzen hat."

Wenn die Schüler noch nicht volljährig sind, bekommen auch die Eltern Bescheid. "Ein bisschen erziehen wir damit auch die Eltern", bestätigt Anja Tempelhoff, Direktorin der ebenfalls teilnehmenden Wolfgang-Borchert-Schule in Spandau. "Manche Eltern fragen mich, was sie denn tun sollen, wenn sie eine SMS bekommen. Sie müssen dann Verantwortung wahrnehmen, auch wenn sie gerade arbeiten."

Weil die Gründe für Abwesenheit vielfältig sind, ist für Rahmig eine weitere Vernetzung zwischen den Beteiligten wünschenswert: "Es wäre ein Meilenstein für die Partizipation der Eltern, wenn sie etwa die Noten ihrer Kinder mitverfolgen könnten." Soweit geht das Pilotprojekt in der Hauptstadt aber nicht. Im elektronischen Klassenbuch sind nur Schülernamen, Unterrichtsinhalt und Lehrerkommentare enthalten.

Doch schon das geht einigen Politikern zu weit. Die Piratenpartei beklagt Gefahren für den Datenschutz. Ihr bildungspolitischer Sprecher, Martin Delius, sieht etwa in Lehrerkommentaren eine Gefahr: "Hier wird der Schulalltag komplett abgebildet. Und wir haben in der Vergangenheit gesehen, was es bedeutet, wenn Schulinterna an die Öffentlichkeit gelangen. Mobbing im Internet könnte die Folge sein." Findige Schüler würden sich - trotz Schutzmaßnahmen - Daten unberechtigterweise verschaffen. Wenn Schulen so ein Klassenbuch wollten, sollten sie es über ein internes Netz regeln - dafür brauche man das Internet nicht.

Ende Februar will die Bildungsverwaltung erklären, ob sie den Probelauf wagen will.