24. Januar 2013 17:36 Plagiatsvorwurf gegen Bildungsministerin Schavan "bis ins Mark getroffen"

Annette Schavan könnte ihren Doktortitel verlieren. Das weiß die Ministerin seit Dienstagabend, als die Uni Düsseldorf verkündet hat, ein Aberkennungsverfahren gegen sie einzuleiten. Jetzt äußert sich die CDU-Politikerin erstmals zur Entscheidung - und ihrer derzeitigen Gefühlslage.

Annette Schavan würde sich vermutlich gerade lieber verkriechen oder zumindest den Kontakt zu Pressevertretern meiden. Doch sie ist nun mal Bundesministerin für Bildung und Forschung und damit eine Person der Öffentlichkeit, auch in Zeiten wie diesen. Am Dienstag hatte die Uni Düsseldorf beschlossen, ein Verfahren zur Aberkennung der Doktorwürde gegen die CDU-Politikerin einzuleiten. Ihr wird vorgeworfen, bei ihrer mehr als 30 Jahre zurückliegenden Dissertation wissenschaftlich unsauber gearbeitet zu haben.

So wagt sich Schavan an diesem Donnerstagabend nicht nur an eine Hochschule - an der Münchner Hochschule für Philosophie wird sie zu einem Vortrag über die "Internationalisierung unseres Bildungs- und Wissenschaftssystems" erwartet. Die 57-Jährige stellt sich auch Journalistenfragen. Allen voran der, wie es ihr nach der Entscheidung des Düsseldorfer Fakultätsrats geht.

"Der Vorwurf der Täuschung hat mich bis ins Mark getroffen", sagte sie der Südwest Presse. "Hier geht es ja nicht um meinen Doktortitel, sondern um meine Integrität." Sie habe sich aber vorgenommen: "Bloß kein Selbstmitleid". Es habe keinen Sinn, der Frage nachzugehen, ob alles gerecht sei. "Dann gewöhnt man sich eine Nüchternheit und Sachlichkeit an."

"Ich spüre die Verantwortung, nicht aufzugeben"

Weiter sagte sie im ersten Interview nach Einleitung des Aberkennungsverfahrens: "Die Universität ist in einer schwierigen Situation, und ich bin in einer schwierigen Situation." Die Düsseldorfer Hochschule war jüngst von einer Allianz führender Wissenschaftsorganisationen für ihr Vorgehen in der Plagiatsaffäre Schavan kritisiert worden. "Ich erhalte seit Wochen derart viel Zuspruch aus der Wissenschaft, dass ich auch die Verantwortung spüre, nicht aufzugeben", so die Bildungsministerin.

Die Opposition sei bisher sehr fair mit ihr umgegangen, betonte die CDU-Frau. Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin sagte der Rheinischen Post: "So lange das Verfahren läuft, gilt die Unschuldsvermutung." Sollte Schavan der Doktortitel allerdings aberkannt werden, sei sie als Ministerin für Forschung nicht mehr tragbar. Trittin nahm die Uni Düsseldorf gegen Kritik in Schutz. "Die Universität hat sich entsprechend ihrer Regeln verhalten."

Schavans Parteifreund und CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe betonte in der gleichen Zeitung, sie habe die Vorwürfe von Anfang an zurückgewiesen. "Dem vertraue ich uneingeschränkt." Gröhe forderte die Universität zu einer Prüfung der Arbeit durch weitere Experten auf.

Konkret werden der Politikerin bei ihrer 1980 eingereichten Arbeit zum Thema "Person und Gewissen" Plagiate, unkorrektes Zitieren und die Vernachlässigung wissenschaftlicher Standards vorgeworfen. Die Dauer des Aberkennungsverfahrens ist unklar - eine Frist gibt es nicht. Der maßgebliche Rat der Philosophischen Fakultät will am 5. Februar das Verfahren fortsetzen.

Schavan wünscht sich nach eigener Aussage in der Zwischenzeit eine Debatte um die Grundsatzfrage, ab wann in der Wissenschaft von einem Plagiat zu sprechen sei. "Wenn daraus ein gemeinsames Verständnis und ein Kodex zum wissensgerechten Umgang mit Plagiatsvorwürfen entstünde, dann wäre das ein gutes Ergebnis", sagte sie der Südwest Presse.

Die Ministerin kündigte an, sich während des laufenden Verfahrens öffentlich zurückzuhalten. Auf politischer Ebene gilt dies allerdings nicht: Am Freitag will sich Schavan erneut als Bundestagskandidatin für den Wahlkreis Ulm/Alb-Donau aufstellen lassen.

Linktipp: Warum ein Titelentzug nicht nötig ist - lesen Sie hier einen Kommentar zur Plagiatsaffäre Schavan von SZ-Autor Roland Preuß.