19. Februar 2013 09:40 Lobrede auf den Lehrer Motivationsdroge Mensch

Von Alex Rühle

Sie sind ungerecht, dünkelhaft, cholerisch, humorlos. Klar, unter den etwa 673.000 Lehrern in Deutschland sind manche, die man besser nicht auf Schüler losgelassen hätte. Aber es gibt auch die, denen man alles verdankt. Plädoyer für einen verkannten Beruf.

Achte Klasse, harte Zeit. Plötzlich, wie auf Knopfdruck, sprudeln die Hormone durch den Körper wie die Kohlenstoffbläschen durch eine unter Hochdruck stehende Soda-Flasche. Die Welt sieht sehr neu und teilweise plötzlich überraschend schön aus. Schule ist in dieser Entwicklungsphase wirklich der alleruninteressanteste Lebensbereich. Und falls es noch eine Steigerung dieses alleruninteressantesten Superlativs geben kann, dann ist das Latein. Aber dann kam Herr Bauer.

Latein, das war bis dahin eine Art linguistische Folterkammer gewesen, randvoll mit immer neuen obskuren Quälinstrumenten. Perfide. Stockduster. Grausam. Herr Bauer brachte erst mal Licht ins Dunkel, er räumte wochenlang in unseren Köpfen auf: Das hier ist ein Ablativ; so funktioniert eine Partizipialkonstruktion; und bis morgen bitte die Semideponentia. Streng. Klar. Konzentriert.

Das war aber nicht das Besondere. Hinter seiner Strenge leuchtete etwas. Ich weiß noch, wie er einmal vorne am Pult saß, ruhig über den Rand des Roma-IV-Buchs schaute, und sagte: "Ich seh dich." Ich war gerade dabei, einen Zettel für meinen Freund Leo zu schreiben, weil wir ja am Nachmittag an die Marienklause zum Baden wollten, als Herr Bauer plötzlich diesen einen Satz sagte: "Ich seh dich."

Die Schönheit grammatikalischer Konstruktionen

War es aus Scham? Oder ist mir damals schon der Doppelsinn dieses Satzes aufgefallen? Jedenfalls traf mich das. Der sieht mich. Und die lateinischen Sätze, die fingen in den Wochen darauf nach und nach von innen zu leuchten an. Wer hätte gedacht, dass ich mal grammatikalische Konstruktionen als schön empfinden würde?

Ich könnte andere Lehrer nennen, bei denen es diese Momente gab. Den Religionslehrer René Rauber, der selbst beinharten Atheisten allein durch seine Art zu sprechen und seine leuchtenden Apfelbäckchen das Gefühl schenken konnte, dass das Leben vielleicht doch irgendeinen Sinn für sie in petto hat.

Oder Herr Uwer: ein kleiner dünner Mann in abgewetzten Cordhosen, der im Unterricht die Pfeife im Mund behielt. Uwer scherte sich recht wenig um den Lehrplan, brachte in der neunten Klasse Dostojewskis "Brüder Karamasow" in den Griechischunterricht, las daraus vor und fragte dann, zum Fenster hinausschauend: "Was ist der Mensch?" Das Wunder war, dass seine Klasse daraufhin nicht fragte, ob dieser Uwer grob einen an der Waffel habe, sondern grübelte, was nun den Menschen vom Tier unterscheidet. Ob wir's rausgekriegt haben, weiß ich nicht mehr, aber ich erinnere mich, wie dieses namenlose Staunen durch den Raum ging: seltsam, wir sind ja anders.

Am kommenden Freitag gibt es in Bayern Zwischenzeugnisse. Da wird dann wieder geschimpft werden. Auf die Schule. Auf das System. Und, natürlich, vor allem auf die Lehrer, diese Deppen. Faule Säcke. Ignoranten. Freizeitmillionäre. Wie konnten die unserer Anna-Magdalena in Mathe eine Fünf geben?! Und diese seelisch verschorfte Englisch-Schnepfe ist doch ihrem Job in keinster Weise gewachsen.

Um es vorweg zu sagen: Die Herren Uwer, Rauber und Bauer waren pädagogische Ausnahmetalente. Selbstverständlich gibt es kleinmütige Lehrer, die sich, als es um die Berufswahl ging, nie die Frage gestellt haben, ob sie überhaupt pädagogisches Talent besitzen, sondern die einfach nur sicher unterschlüpfen wollten. Es gibt die Totalresignierten. Es gibt die Deutschlehrerin, die gerade mal 15 Bücher zu Hause stehen hat und sich einen Dreck für Texte interessiert. Es gibt ungerechte, dünkelhafte, cholerische, humorlose ... und hier können Sie jetzt jedes Adjektiv Ihrer Wahl einsetzen, schließlich gibt es deutschlandweit insgesamt etwa 673.000 Lehrer.

Aber insgesamt ist doch eher das Wunder, wie viel guter Unterricht in diesem Land abgehalten wird. Trotz des geradezu absurd anmutenden Reformwirrwarrs. Trotz der kultusministerialen Bürokratie. Trotz des krakenhaft wuchernden Verwaltungsirrsinns, der heute neben der pädagogischen Arbeit von allen Lehrern zu bewältigen ist. Trotz der immer noch merkwürdig praxisfremden Ausbildung. Trotz eines Klassenschnitts von meist 30 Kindern.

Was zählt, ist der einzelne Lehrer

Der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie untersuchte über viele Jahre 800 Metastudien, die jeweils um die Frage kreisten, was die wichtigsten Faktoren sind für guten Unterricht. Ihre Wucht erhält Hatties Studie "Visible Learning" zum einen aus ihrer einmaligen empirischen Breite: In all den von ihm analysierten Metastudien waren wiederum insgesamt 50.000 Einzelstudien ausgewertet worden; in seine Ergebnisse flossen also die Erfahrungen mit knapp 250 Millionen Schülern ein. Zum anderen ist da diese fast schon verstörende Eindeutigkeit eben dieser Ergebnisse, die Hattie zu Tage förderte.

All das Geschwärme für eigenverantwortliches Arbeiten oder Lernen ohne Lehrer kann man demzufolge genauso vergessen wie die Frage nach privater oder öffentlicher Schule. Die finanziellen Ressourcen einer Schule? Fallen kaum ins Gewicht. Didaktische Reformen? Vergessen Sie's. Was zählt, ist der einzelne Lehrer. Wie bereitet er den Stoff auf? Wie stringent führt er durch die Stunde? Erreicht er die Kinder? Kann er sich für das, was er da unterrichtet, selbst begeistern?

Wem das zu abstrakt ist, für den kommt hier stattdessen der Praxistest: Es gab da in Malmö diese sehr schlechte Klasse in einer verschrienen Problemschule. Der wurden in der neunten Klasse im Rahmen eines Dokumentarfilm-Experiments acht neue Lehrer vorgesetzt. Die neunte Klasse ist in Schweden sehr wichtig für das weitere Fortkommen: Hier entscheidet sich, ob die Jugendlichen auf eine weiterführende Schule kommen. Die acht neuen Lehrer wurden aus dem ganzen Land herbeigeholt, es waren Pädagogen, die jeweils Preise gewonnen oder sich anderweitig ausgezeichnet hatten.

Die ganze Nation konnte Woche für Woche im Fernsehen dabei zuschauen, wie aus demotivierten Versagern Höchstleistungsschüler wurden: Fast alle schafften es auf eine weiterführende Schule, ja, bei den nationalen Vergleichstests belegte die Klasse in Mathematik den ersten Platz.

Man kann das Geheimnis dieses Erfolgs wahrscheinlich neurologisch erklären. Joachim Bauer, der Entdecker der Spiegelneuronen, schreibt, die Motivationssysteme des menschlichen Gehirns würden in erster Linie durch "Beachtung, Interesse, Zuwendung und Sympathie anderer Menschen aktiviert. Die stärkste Motivationsdroge für den Menschen ist der andere Mensch." Derjenige, der einem sagt: Ich seh dich.

Die acht schwedischen Lehrer erklärten den fulminanten Erfolg ganz ohne spiegelneuronalen Überbau, sagten aber ansonsten ziemlich dasselbe wie Bauer: Entscheidend für ihren Erfolg seien Respekt, Anspruch, Autorität und Liebe gewesen, Liebe zu ihrem Fach und Liebe zu den Schülern.

Wenn man nun aber mal Hatties Studien und diesem schwedischen Experiment für einen kurzen Moment Glauben schenkt, dann kommt man aus dem Wundern eigentlich nicht mehr raus. Dem Wundern über die Eltern, die Ministerien und die Ausbildung, die Lehrer hierzulande bis heute durchlaufen.

Alle haben mitzuwirken am Projekt Totalentfaltung

Fangen wir mal mit uns selber an, also mit den Eltern. Kinder haben heutzutage das Glück und das Pech zugleich, als perfekt getimte Wunschkinder auf die Welt zu kommen, statt wie früher als Nebenprodukt des Geschlechtsverkehrs einfach irgendwann da zu sein. Dummerweise sitzen die Eltern vor solch einem Kind wie vor dem ultimativen Lebenswunder. Das muss dann aber auch bitte schön den ultimativen Lebensweg hinlegen. Und alle haben gefälligst mitzuwirken an dem Projekt Totalentfaltung.

Schule wird bei dieser Mission gern als niedere Serviceleistung des Staates gesehen. Die Lehrerschaft hat den eigenen Nachwuchs fit zu machen für den globalen Wettbewerb, und zwar dalli. Solche Eltern sehen es oftmals gar nicht mehr ein, das Gespräch mit den Lehrern der eigenen Kinder zu suchen und wenden sich deshalb direkt ans Ministerium oder zumindest an den CEO, pardon, den Direktor der Schule.

Im Münchner Süden, da wo der Speckgürtel der Landeshauptstadt am feistesten ist, steht ein Gymnasium, an dem eine Religionslehrerin kürzlich erlebte, wie ein Vater erst im Sekretariat anrief mit der Bitte, direkt ins Direktorat durchgestellt zu werden, er rede "nicht mit niederen Chargen". Nachdem ihn die Sekretärin beschieden hatte, er müsse doch in die Sprechstunde der betreffenden Lehrerin gehen und er das dann nach adäquatem Protest auch tatsächlich tat, maß er diese Lehrerin mit abschätzigen Blicken und sagte mehrmals den Satz: "Ich wollt einfach mal sehen, wie eine aussieht, die in Religion allen Ernstes einen Fünfer vergibt."

Lehrer als betreuungsintensive Förderschüler

Klingt nach unsympathischem Einzelfall? Im vergangenen Jahr legten 390 Hamburger Eltern Widerspruch bei der Schulbehörde ein, weil sie nicht mit der zugewiesenen Schule für ihr Kind einverstanden waren. Es gibt mittlerweile eigene "Bildungskanzleien", die sich auf Streitigkeiten zwischen Eltern und Schulen spezialisiert haben. Und es erscheinen Bücher wie "Elternrechte in der Schule - So machen Sie sich stark für Ihr Kind", in dem "anhand zahlreicher aktueller Fälle und Gerichtsentscheidungen die Handlungsmöglichkeiten aller Beteiligten" beschrieben werden.

Schaut man sich mal an, was sich Monat für Monat an Direktiven, Erlassen, Konzeptpapieren aus den Kultusministerien in die Lehrerzimmer ergießt, könnte man meinen, Lehrer seien selbst betreuungsintensive Förderschüler. Hier pars pro toto ein paar Empfehlungen aus einem nordrhein-westfälischen Schulamtsblatt: Wichtig ist demzufolge die "Schaffung einer positiven Lernkultur", wobei man als Pädagoge die "ressourcenorientierte Beratung auf systemisch-lösungsorientierter Basis" und das "bedarfsorientierte Training nach dem Mini-Max-Prinzip" genauso wenig aus dem Blick verlieren soll wie die "Vermittlung lernstilorientierter Strategien", wobei da wiederum insbesondere "metakognitive Kontrollstrategien" sowie "motivational-volitionale Stützstrategien" von Bedeutung zu sein scheinen.

So geht es dahin, in gröbstem Sperrholzdeutsch und garstigen Nominalkonstruktionen, und wenn man sich durch diesen pädagogik-dada . . . , pardon pädagaga-didaktischen Text gequält hat, fühlt man sich, als hätte man eine Tüte Mehl gegessen. Hallo, all ihr Kultusbürokraten, die ihr selbst oftmals ja beeindruckend wenig pädagogische Praxiserfahrung habt: Wollt ihr die Lehrer nicht einfach mal in Ruhe ihre Arbeit machen lassen und euch lieber darum kümmern, dass sie eine bessere Vorbereitung auf den Job bekommen?

Viele Schulen gleichen heutzutage pädagogischen Notfallambulanzen. In Zeiten zerfallender Familien, interkultureller Probleme und wachsender Armut müssen sie gleichzeitig kulturelle Integrationsmaschine sein und Lerninhalte vermitteln.

Wenn die Sprache das Haus des Menschen ist, dann leben viele der hier beschulten Jugendlichen in windschiefen Hütten. Wie aber soll man, um im Bild zu bleiben, eine gemeinsame Hausordnung finden, wenn die Kinder nicht mal Wörter wie Verantwortung kennen? Ein Lehrer brachte das pädagogische Dilemma, in dem er steckt, mal so auf den Punkt: "Ich unterrichte hier das Einmaleins und nebenher bin ich Mathematiklehrer."

Die Frankfurter Bildungsforscherin Silke Hertel untersucht seit Jahren, wie sich der Lehrerberuf in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt hat. Liest man ihre Texte, so hat man den Eindruck, der Beruf habe sich, egal ob für Grund-, Hauptschul- oder Gymnasiallehrer, verbreitert in eine Art Lebensberatungsmanagement mit angeschlossenem Coachingzentrum: Klar, sie sollen weiterhin Schülern Fachwissen beibringen, das aber zunehmend ganztags, und wenn sie dann bitte noch das an Sekundärtugenden nachholen, was das Elternhaus zu lehren vergaß, weil ja beide arbeiten und einfach keine Zeit da ist.

"Na, sind wir unter uns"

Die Lehrer sehen die Beratung von Schülern wie Eltern mittlerweile selbst als eine ihrer zentralen Aufgaben. Mehr als 95 Prozent der befragten Lehrer sagen aber zugleich, dass sie sich durch ihre Ausbildung nicht ausreichend auf diese vorbereitet fühlen.

In den Universitäten laufen Lehramtsstudenten bis heute oft wie Studenten zweiter Klasse mit. Unvergessen der Berliner Germanistik-Professor, der Mitte der Neunziger, nachdem er per Rückfrage festgestellt hatte, dass sich ausnahmslos Magister-Studenten und kein Lehramtsanwärter in seinem Seminar eingefunden hatten, in höchst aufgeräumtem Ton sagte: "Na, sind wir unter uns."

Warum gibt es nicht längst für alle Lehramtsanwärter eine selbständige, sehr stark praxisbezogene Ausbildung? Die Hälfte der Zeit verbringt man dann mit dem Studium seiner Fächer, in der übrigen Zeit wird man auf das vorbereitet, was einen erwartet, hat also lernpsychologische Stunden, lernt den Umgang mit Eltern, erfährt was über Hirnforschung und darüber, wie man schlechte Schüler motiviert. Unterrichten sollen das aber bitte nicht all diese Pädagogik-Professoren, die selbst seit Jahr und Tag vor keiner Klasse gestanden haben, sondern nur an ihren motivational-volitionalen Didaktikkonzepten herumfriemeln.

Dringlichster Lehrerwunsch: Zeit

Warum gibt es umgekehrt für Lehramtsanwärter nicht bundesweit verpflichtende Eignungspraktika? Oder zumindest Eingangstests, bei denen die Kandidaten auf ihre pädagogische Begabung hin geprüft werden? In Finnland ist all das längst Pflicht. Alle Pädagogen von der Erzieherin bis hin zum Gymnasiallehrer absolvieren ein Vollzeitstudium. Die Anwärter stammen ausnahmslos aus dem besten Viertel aller Studierenden; es gibt strenge Auswahlverfahren, weil der Beruf so begehrt wie angesehen ist. Na, lassen wir das, sonst wird's jetzt zu traurig.

Das Beeindruckendste bei der Recherche für diesen Text war übrigens weder Hatties Studie noch eines der vielen klugen Bücher, sondern ein einzelnes Wort. Auf die Frage, was die Lehrer sich am dringendsten wünschten für einen besseren Unterricht, antworteten alle, egal, ob sie nun am Gymnasium, einer Haupt-, einer Grund- oder einer Realschule tätig waren: Zeit. Zeit für die Klasse. Zeit für den Stoff. Und Zeit für den einzelnen Schüler.

Ihnen allen sei hier nochmals gedankt. Für die Zeit, die sie sich genommen haben für diese Gespräche. Vor allem aber für die Anteilnahme, Begeisterung und, ja, Liebe, mit der sie jeweils von ihrem Beruf und ihren Schülerinnen und Schülern sprachen.

Linktipps: Zu John Hatties Studie hat Martin Spiewak kürzlich einen schönen (und ähnlich begeisterten) Text in der Zeit geschrieben. Es gibt freilich auch Kritik an Hattie (Dank an Verena Brenneisen und Helmut Gattermann).

Wer mehr über den Unterschied zwischen Deutschland und Finnland wissen will, besorge sich die brillante Streitschrift "Niemand wird zurückgelassen - Eine Schule für Alle" von Anne Klein und Rainer Domisch, einem Pädagogen, der jahrelang den Reformprozess in Finnland mitgestaltet hat.

Sehr magenstärkend weil praxisnah: "Schluss mit dem Bildungsgerede - Eine Anstiftung zum pädagogischen Eigensinn" vom Langzeitpädagogen Michael Felten.

Joachim Bauer war nicht der Entdecker der Spiegelneuronen. Dieses Verdienst kommt Giacomo Rizzolatti zu. Bauer war nur der erste Mediziner, der in Deutschland ausführlich darüber schrieb.