9. Februar 2013 14:23 Geschichte des Plagiats Opfer des anderen Ichs

Die Geschichte des Plagiats ist nicht nur eine Geschichte von Lug und Trug, sondern auch eine der Verleumdung. Kühne Plagiatoren inszenieren sich deswegen gern als Opfer einer Intrige - vielleicht glaubt man ihnen ja. Gelegentlich ist tatsächlich nicht leicht zu entwirren, wer ein Schurke ist und wer ein Held.

Von Tanjev Schultz

Plagiate sind ein "uraltes" Phänomen. So hat es der Gelehrte Jacob Thomasius in seiner Schrift "De plagio literario" geschrieben, und das ist nun auch schon wieder ziemlich lange her. Die erste Auflage seines Werks erschien im Jahr 1673. Thomasius erstellte einen Katalog mit 176 vermeintlichen oder tatsächlichen Plagiatoren, von A wie Acciajolus bis W wie Wowerius. Die Liste war schon damals nicht erschöpfend, und sie könnte heute noch sehr viel länger sein, da die Jagd auf Plagiatoren auf gutem Wege ist, sich als olympische Disziplin zu empfehlen.

Ihr jüngstes Opfer ist Annette Schavan (CDU), am Dienstag erkannte ihr die Universität Düsseldorf den Doktortitel ab. Dabei ist ihr Fall viel strittiger als jener des Verteidigungsministers und Unions-Hoffnungsträgers a. D. Karl-Theodor zu Guttenberg, der 2011 über seine plump abgekupferte Doktorarbeit stürzte (und den Schavan als eine der Ersten in der Union kritisiert hatte).

Zur Ansicht der Plagiatsstellen in Schavans Doktorarbeit in die Grafik klicken.

Wie so vieles, verdanken wir auch das Plagiat der Antike, in diesem Fall ihrer hohen Schriftkultur. Die Römer kopierten eifrig, was die Griechen ihnen hinterlassen hatten. Und diese sind angeblich selbst nicht immer so originell gewesen, wie sie glauben machten.

Jahrhundert der Plagiatsvorwürfe

Ausgerechnet Aristoteles (384-322 v. Chr.), einer der bedeutendsten Philosophen der Geschichte, so behauptet 1676 ein Theologe namens Joseph Glanvill, sei in Wahrheit ein eifriger Ideen- und Texträuber gewesen. Andererseits: Wer kennt überhaupt diesen Mr. Glanvill? Im 17. Jahrhundert, einer Ära der erwachenden Geistes- und Naturwissenschaften, waren Plagiatsvorwürfe groß in Mode. Die Gelehrten schlugen regelrecht um sich mit Bezichtigungen, ob gegen Vorfahren oder Zeitgenossen, Konkurrenten oder Mitstreiter.

Der Soziologe Robert Merton hat deshalb einmal die rhetorische Frage gestellt: "Fällt Ihnen irgend jemand aus diesem tatkräftigen Jahrhundert ein, der davon verschont geblieben wäre, sei es als Opfer, sei es als Dieb von literarischem oder wissenschaftlichem Eigentum und typischerweise sowohl als Räuber wie als Beraubter? Mir nicht."

Manchmal waren die Angriffe berechtigt. Oft auch nicht. Bisweilen handelte es sich um üble Nachrede oder um die Auswüchse einer Pedanterie, die peinlicher sein kann als das Plagiat selbst. Mitunter gehen Vorwürfe ja zu Recht ins Leere, selbst wenn sie nicht völlig aus der Luft gegriffen sind. Dichter wie Shakespeare oder Bertolt Brecht werden verehrt, obwohl sie einen provozierend lockeren Umgang mit Fragen des geistigen Eigentums pflegten (was Brecht selbst einräumte). Ihre Schaffenskraft ist trotz allem so beeindruckend und unbestreitbar, dass sich das Publikum nicht irremachen lässt.

In anderen Fällen bleibt von einem Autor nur das Bild eines armseligen Plagiators übrig. Das gilt nicht zuletzt dann, wenn es um trockene wissenschaftliche Arbeiten und Karriereschriften geht, denen es ohnehin an Glanz fehlt. Karl-Theodor zu Guttenberg kann nach Lage der Dinge nicht als großer Autor, aber immerhin als großer Plagiator in die Geschichte eingehen. Bei Annette Schavan hingegen, wenn es sich wirklich um Plagiate handeln sollte, ist weder das eine noch das andere wahrscheinlich. Da hat man schon ganz andere Sachen gesehen. Sie will nun klagen.

Gefühle von Schöpferstolz und Autorenehre

Aber der Reihe nach. Der Ursprung des Wortes "Plagiat" geht zurück auf ein Epigramm des römischen Dichters Martial. In der Antike hatte sich ein Wettbewerb der Dichter und Denker entwickelt, der Fragen nach der Autorschaft und Originalität eines Textes zuließ. Gefühle von Schöpferstolz und Autorenehre breiteten sich aus. Manche Werke wurden zwar, ohne dass dies anstößig wirkte, im Kollektiv verfasst; das Weiterspinnen eines bekannten Stoffes war ebenfalls üblich. Doch zugleich gewann die Idee des Autors, der über sein Werk gebieten konnte, an Boden.

Der Zürcher Literaturwissenschaftler Philipp Theisohn hat in einem von Gelehrsamkeit strotzenden Streifzug durch die Jahrhunderte ("Plagiat. Eine unoriginelle Literaturgeschichte") die antike Komödie als Geburtsort des Plagiats ausgemacht. Der alt-attische Komödiendichter Kratinos beschuldigte im 5. Jahrhundert vor Christus den Aristophanes, er habe Material verwendet, das eigentlich seinem Kollegen Eupolis gehörte. Offenbar hatten Eupolis und Aristophanes zeitweise eine literarische Arbeitsgemeinschaft gebildet. Wie das oft bei einer WG und in Partnerschaften zu beobachten ist, die auseinanderbrechen, kam es am Ende zu Rangeleien: Das gehört aber mir! - Nein, mir!

Die griechischen Philosophen beäugten sich gegenseitig voller Argwohn. Demokrit soll über Anaxagoras verbreitet haben, dessen Ansichten über die Sonne und den Mond stammten gar nicht von ihm, er habe sie heimlich entwendet. Und ausgerechnet der gewaltige Platon, der vor trügerischen Abbildern des Wahren warnte, war lange Zeit dem Ruf ausgesetzt, ein gemeiner Textdieb gewesen zu sein. Theisohn zitiert Quellen, die behaupten, Platons "Timaios" sei nichts weiter als eine Kopie eines Werks des Pythagoräers Philolaos, und die berühmte "Politeia" ein Abklatsch der Arbeiten von Protagoras.

Theopompos von Chios soll sogar geschrieben haben: Die meisten Dialoge bei Platon "taugen nichts und sind trügerisch; und die Mehrzahl unter ihnen ist entliehen und wurde den Auseinandersetzungen des Aristipp entnommen."

Theopompos hat seinen Philosophenmund also ganz schön weit aufgerissen. Beweise blieb er schuldig. Das wäre vermutlich nicht anders gewesen, hätte es schon das Internet gegeben, in dem heutzutage emsige Plagiatejäger ihre Funde feinsäuberlich und grafisch anschaulich präsentieren. Theisohn hält die Attacke gegen Platon für ein rein taktisches Manöver. Ein Gelehrter aus einem anderen Lager hat versucht, Platon am Zeug zu flicken.

Die Geschichte des Plagiats ist nicht nur eine Geschichte von Lug und Trug, sondern auch eine der Verleumdung. Weil das so ist, tun kühne Plagiatoren noch heute gern so, als seien sie das Opfer einer üblen Kampagne geworden. Vielleicht glaubt man ihnen ja. Es ist gelegentlich nicht leicht zu entwirren, wer ein Schurke ist und wer ein Held (vor allem, wenn alles ein paar Jahre oder gar Jahrhunderte zurückliegt). In der Wissenschaft sind die Dinge aber noch vergleichsweise klar.

In der Dichtkunst wird es kompliziert, weil es die künstlerisch mitunter höchst wertvolle Praxis gibt, Anspielungen und Zitate aus anderen Werken einzubauen oder ganze Stoffe und Topoi aus der Tradition zu übernehmen. Bei den Römern und in der frühen Neuzeit machten sich einige Dichter einen Spaß daraus, aus Versen des Vergil oder Horaz neue Gedichte mit ganz anderem Inhalt zu erschaffen. Diese Centonen ("Flickgedichte"), über die der Bochumer Latinist Reinhold Glei geforscht hat, sind abgeschrieben und dennoch originell. Das Plagiat wurde zum Programm und zu einer eigenen Kunstform.

Aus züchtigen Versen wurden schlüpfrige

Womöglich würde sich der Römer Vergil trotzdem im Grabe umdrehen, könnte er lesen, was andere aus seinen Werken gemacht haben. Vergils Verse waren züchtig, Glei sieht in dem Dichter einen keuschen Mann. Im 16. Jahrhundert hatte dann der Cento-Dichter Lelio Capilupi seine parodistische Freude daran, Vergils Texte so umzubauen, dass eine bildliche, machohaft übertriebene Beschreibung eines markanten männlichen Körperteils daraus wurde: "Den gewaltigen Speer, den er gerade in seiner starken Hand hielt, holte er vorsichtig heraus; nichts Hervorragenderes als ihn gab es in ganz Europa und Asien: ein Monstrum, ein Wunder zu schauen, Schrecken erregend, mit einem hässlichen Kopf, einem massigen Nacken, einer vom Rückgrat zusammengehaltenen Hülle und einem üppigen Bart."

Das schlüpfrige Ding beruhte auf einer Fülle von Vergil-Versen. Dagegen erscheint das Auseinanderfieseln des Guttenbergschen Flickwerks oder das Stochern in Schavans Dissertation als ziemlich dröges Geschäft. So kreativ wie die Cento-Dichter sind Abschreiber selten.

Im Mittelalter kopierte man Texte, ohne sich allzu sehr um Fragen der Autorschaft zu scheren. Die alten Römer hatten noch den Anstand besessen, das Plündern ihrer Vorbilder mit einer ästhetischen Theorie von der Nachahmung (imitatio) zu rechtfertigen. Oft wollten sie wirklich etwas Neues, Vollkommeneres schaffen. In der christlichen Literatur des Mittelalters verliert, da Gott ohnehin über allem stand, die Idee einer individuellen intellektuellen Schöpfung ihre Grundlage.

Solange Texte noch mit der Hand abgeschrieben werden mussten, um sie verbreiten zu können, besaß der Autor wenig Macht über den eigenen Text. Dieser konnte von anderen beliebig entstellt und verstümmelt, erweitert und verbessert werden. Einige wollten sich freilich nicht ganz ohne Gegenwehr in dieses Schicksal ergeben und stellten ihren Werken Fluchformeln voran, die den Fälschern Aussatz oder Schlimmeres bescheren sollten.

Der Buchdruck revolutionierte den Umgang mit Texten. Er erlaubte eine getreue Vervielfältigung, aber auch den unautorisierten Nachdruck und einen bis dahin nicht gekannten kommerziellen Literaturbetrieb. Es war nun viel leichter, Werke zu speichern, miteinander zu vergleichen und Texte zu übernehmen. Das Urheberrecht entwickelte sich erst im 18. Jahrhundert, davor fühlten sich die zu Selbstbewusstsein gelangten Autoren ihren Plünderern schutzlos ausgeliefert. Manchmal versuchten die Gelehrten, sich vor Textdieben zu schützen, indem sie extra kompliziert und unverständlich formulierten. Vielleicht erklärt diese Tradition ja den Stil mancher heutiger Texte aus Professorenhand.

Wissenschaftler und Literaten debattierten im 17. Jahrhundert immer wieder darüber, wer von wem etwas gestohlen haben könnte. Eine berühmte Kontroverse entbrannte in Frankreich um eine Tragikomödie des barocken Dramatikers Pierre Corneille: "Le Cid". Das Stück war angelehnt an eine spanische Vorlage. Im März 1637 geisterte, wie Theisohn schreibt, ein Gedicht von Jean Claveret durch Paris: Corneille sei ein Dieb und Hochstapler, heißt es darin. Andere stimmten in den Chor der Empörung ein. Eifersucht mag dabei eine Rolle gespielt haben - und Corneilles provozierende Eitelkeit: "Meine ganze Berühmtheit schulde ich niemandem als mir selbst."

Die Autoren nahmen sich und ihre Geistesblitze immer wichtiger, gipfelnd im Geniekult des Sturm und Drang und der Romantik. Zugleich reiften die Standards für sauberes wissenschaftliches Arbeiten. Lexika für Gelehrte warnten eindringlich vor dem Fälschen und Plagiieren. Mögen sie auch strafrechtlich folgenlos sein, in der akademischen Welt werden Plagiate seither als schweres Vergehen gebrandmarkt. Freilich gibt es immer wieder übereifrige Ankläger, bei denen die Suche nach fremden Federn wahnhafte Züge annimmt. Der Anatom Paul Albrecht ist so ein Fall. Er veröffentlichte 1890/91 im Selbstverlag sechs Bände mit dem Titel "Leszing's Plagiate".

Ausgerechnet der Aufklärer Gotthold Ephraim Lessing soll also ein fieser Plagiator gewesen sein?

Eine eigenhirnige Idee

Albrecht versuchte zu beweisen, dass "eigenhirnige Gedanken im Leszing überhaupt nicht vorkommen". Gäbe es eine Säure, die Plagiate auflöste, "eigenhirniges Gute jedoch nicht angriffe", so würde sie das ganze Werk Lessings zersetzen, behauptete der Mediziner. Das war nun selbst eine ziemlich eigenhirnige Idee. Die mehr als 2000 Seiten, auf denen der vermeintliche Beweis geführt wird, zeugen weniger von Lessings Plagiaten als von Albrechts Problemen. Im Zustand geistiger Umnachtung soll sich der arme Mann schließlich zu Tode gestürzt haben.

In vielen anderen Fällen waren Plagiate kein Produkt der Einbildung. So soll der Schriftsteller Paul Zech ein manischer Betrüger gewesen sein. Theisohn hat ihn als "einsamen Rekordhalter" in der Kategorie des öffentlich überführten Plagiators bezeichnet. Zech hatte sich in den 1920er-Jahren ausgiebig bei anderen Autoren bedient; der Schriftstellerverband schloss ihn aus, und mit der Polizei bekam er Ärger, weil er in einer Berliner Bibliothek reihenweise Bücher gestohlen haben soll.

Theisohn hat mit Blick auf Zechs Vita die Frage gestellt, wie sich jemand derart ungeschickt anstellen könne. Zech brachte sich selbst um seinen Ruf, die Presse reagierte entsetzt: "Ein Autor, der seit Jahren einen unbestrittenen Ruhm als Dichter genießt, hat offenbar in dem Gefühl des Nachlassens schöpferischer Kräfte sich an fremdem Geistesgut vergangen." Der bekannte Autor und Mediziner Friedrich Wolf, der Zech wegen dessen sozialkritischer Texte verteidigte, stellte nachdenklich eine Grundsatzfrage, die für viele Plagiatoren gelten könnte: "Wäre es gar so undenkbar, dass ein Dichter die Beute seines anderen Ichs ist, von dem er selbst subjektiv nichts weiß?"

Typischerweise sind Plagiatoren jedoch Meister in der Kunst des Verschleierns. In Sicherheit können sie sich allerdings nie wiegen. Und so sind in der Wissenschaft nach dem Fall Guttenberg noch eine ganze Reihe prominenter und nicht-prominenter Texträuber aufgeflogen.

Schon der alte Thomasius warnte die Plagiatoren, dass überall in der ungeheuren Weite des Erdenrunds plötzlich ein Kritiker als Kläger auftauchen könne. Als Guttenbergs Plagiate bekannt wurden, widmete der Philologe Karl August Neuhausen im "Neulateinischen Jahrbuch" einen schönen Aufsatz der bis heute einschlägigen Dissertation, die Thomasius im 17. Jahrhundert über Plagiate verfasst hatte. Die "Saat des Schwindelhafers" sei zur Blüte gekommen, hatte Thomasius geschrieben. Vom Internet und der Technik des copy & paste hatte er noch keine Ahnung. Aber er war, wie Neuhausen schreibt, "hellseherisch" genug, um eine treffende Prognose abzugeben: Die Saat des Plagiats werde weiter aufgehen.