11. Februar 2013 15:16 Entzug von Schavans Doktortitel "Die Beweise waren erdrückend"

Von Laura Díaz

Hinter den Studenten Jan Scheddler und Timo Steppat liegen fünf anstrengende Monate. Sie saßen im Fakultätsrat der Uni Düsseldorf und haben über den Entzug des Doktortitels von Annette Schavan mitentschieden. Wie sie das Plagiatsverfahren erlebt haben.

Einmal im Monat zur Sitzung gehen, über Renovierungsarbeiten in der Bibliothek sinnieren und die Anwesenheitspflicht für Studenten diskutieren - ergebnislos versteht sich. Darauf hatten sich Timo Steppat und Jan Scheddler eingestellt, als sie am 1. Oktober 2012 den Job als Mitglieder im Fakultätsrat der Universität Düsseldorf antraten. Die gängigen Aufgaben eines Studentenvertreters eben.

Es kam anders: Am Dienstag haben sie zusammen mit der klaren Mehrheit der übrigen 13 Ratsmitglieder Bundesbildungsministerin Annette Schavan den Doktortitel entzogen. "Sie hat mich fünf Monate meines Lebens gekostet", sagt Jan Scheddler, 22. Er spricht über Schavan wie über eine alte Bekannte. Eine Bekannte, an die man keine gute Erinnerung hat. "Ich bin froh, dass es vorbei ist."

Mit der Entscheidung im Fakultätsrat ist im Leben des angehenden Informationswissenschaftlers wieder Ruhe eingekehrt. Seit Anfang Januar haben sich die Studenten intensiv mit dem Plagiatsfall befasst, Gutachten und Gegengutachten gelesen, Stellungnahmen und Zitierregeln. Plötzlich war da diese große Verantwortung, sagt Steppat.

Misstrauen in der Fakultät

Er studiert im sechsten Semester Sozialwissenschaften, er war kurzfristig in das Gremium nachgerückt - weil zwei Kommilitonen, die vor ihm auf der Liste standen, abgesagt hatten. Keine Zeit, hieß es. Da hatten sie den richtigen Riecher.

Für die Entscheidung arbeitete Steppat stundenlang im Dekanat die Akten durch. Die Stimmung sei angespannt gewesen. Nachdem ein Gutachten des Judaistik-Professors Stefan Rohrbacher, der die Doktorarbeit federführend auf Plagiate prüfte, auf unbekanntem Weg an die Medien gelangt war, machte sich in der Fakultät Misstrauen breit - und auf dem Campus viele Journalisten.

Die bestürmten vor allem Scheddler mit Anrufen und Facebook-Anfragen, er schien der ideale Kandidat zu sein, um an Insider-Informationen zu gelangen. Einen Studenten würde man schon zum Reden bringen, leichter als einen Professor. So wirkte das. "Ich wollte mich vor der Entscheidung aber keinesfalls äußern, weil ich nicht das Verfahren gefährden wollte", sagt Scheddler.

Bald tauchte in einzelnen Medien der Vorwurf auf, Studenten könnten doch wohl kaum über eine Doktorarbeit entscheiden. Eine Unverschämtheit, finden beide. Zu überprüfen war nicht die Qualität der Arbeit, sondern die Einhaltung wissenschaftlicher Standards. "Und die werden uns Studenten schon im ersten Semester eingebläut", sagt Scheddler.

Timo Steppat kann sich in die damalige Lage der jungen Annette Schavan hineinversetzen. Sie war bei ihrer Promotion fast im gleichen Alter wie er jetzt, Mitte 20. Über Flüchtigkeitsfehler hätte der 23-Jährige hinweggesehen. "Ich habe nichts gegen Frau Schavan, doch die Beweise waren erdrückend." Scheddler sieht das ähnlich: "Nachdem ich die Dokumente gesehen hatte, war für mich die Entscheidung relativ klar."

Zur Ansicht der Plagiatsstellen in Schavans Doktorarbeit in die Grafik klicken.

Abgesprochen hätten sich die studentischen Mitglieder des Fakultätsrats nicht. Aber oft ausgetauscht. "Wir wollten die Perspektive der Studenten mit einfließen lassen." Dafür seien sie ja auch gewählt worden. Neben Steppat und Scheddler gibt es einen dritten Studentenvertreter, der allerdings nicht mit Medien sprechen will.

Über den Sitzungsverlauf und ihr persönliches Votum schweigen Steppat und Scheddler. So haben es die 15 Stimmberechtigten des Fakultätsrats vereinbart. "Ich würde mich freuen, wenn Annette Schavan die Unterlagen öffentlich machen würde", sagt Steppat. Wer seinen Doktortitel offensiv trage, müsse sich auch der Prüfung stellen. Beide blicken nüchtern, fast kühl auf das Verfahren. Jeder scheint für sich einen Weg gefunden zu haben, mit der eigenen Entscheidung umzugehen.

Wissenschaftliche Standards und Fairness

Scheddler glaubt aber, die Professoren hätten unter einem größeren Druck gestanden. Sie selbst haben sich nicht überfordert gefühlt - sie, die beide noch nicht einmal ihre Bachelor-Arbeit geschrieben haben. "Wir mussten nicht die Güte der Doktorarbeit, sondern ihre Gültigkeit überprüfen, da spielt es keine Rolle, ob wir promoviert sind oder nicht", sagt Scheddler.

Beiden geht es um wissenschaftliche Standards, aber auch um Fairness. "Wenn man über die Verstöße in Schavans Diss hinweggegangen wäre, müsste man die gleiche Nachsicht bei Plagiaten heutiger Doktoranden zeigen", meint Steppat. So würde man den Doktortitel abwerten. Und dass die Ministerin an ihrem Doktortitel festhält, kann Scheddler nicht nachvollziehen. "Ich finde, Annette Schavan macht sich lächerlich, dass sie die Entscheidung anfechten will. Sie tut sich damit keinen Gefallen." Timo Steppat sieht das anders. Es sei ihr gutes Recht, den Gerichtsweg zu beschreiten.

Die langen Sitzungen und der große Zeitaufwand haben Spuren der Müdigkeit hinterlassen. "Stellenweise habe ich in den letzten zwei Monaten den Eindruck gehabt, dass ich eher nebenbei studiere", sagt Scheddler. Eine Klausuranmeldung hat er verbummelt. Und die Kommilitonen haben von der vielen Arbeit im Fakultätsrat kaum etwas mitbekommen. Trotzdem möchte er weitermachen als Studentenvertreter. Auf eine weitere Plagiatsprüfung könne er jedoch gut verzichten, sagt er. Für ihn gipfelt die ganze Aufregung in dem Begriff "Schavanist", mit dem im Internet angebliche Schavan-Verteidiger geschmäht werden. "Das ist mein Unwort des Jahres."

Timo Steppat hat dagegen genug von der Hochschulpolitik. Er hat abgeschlossen. Mit dem Fall Schavan und mit dem Fakultätsrat. Nächste Woche reicht er seinen Rücktritt ein.