8. Januar 2013, 08:01 Analphabetismus in Deutschland Wenn Worte zur Qual werden

7,5 Millionen Menschen in Deutschland können kaum lesen und schreiben. Die Politik will gegensteuern und hat dabei hauptsächlich Erwachsene im Blick - statt bei den Schulen anzusetzen.

Von Ralf Steinbacher

Wenn Johann Löwen früher in der Schule etwas vorlesen sollte, weigerte er sich einfach - oder stand stumm auf und ging. Er wollte auf keinen Fall zugeben, dass er nicht lesen und schreiben konnte, Hausaufgaben machte er selten. Und wenn, dann schrieb er sie ab, obwohl man von schreiben eigentlich nicht sprechen kann: "Ich habe mir die Buchstaben angeschaut und versucht, sie nachzumalen", erzählt der 25-Jährige. Je älter Löwen wurde, desto weniger ging er überhaupt in seine Schule, in der die Lehrer offenbar kapituliert hatten. Wie ein Wunder kam es ihm am Ende vor, dass er in der Bielefelder Förderschule, in der er nicht gefördert wurde, den Hauptschulabschluss bekam.

Es ist ja auch verblüffend. Natürlich war er ein schwieriger Schüler, einer, den ein Lehrer kaum erreichen kann. Es bleibt dennoch die Frage, wie es sein kann, dass Kinder, die mindestens neun Jahre in die Schule gehen müssen, hinterher im gesellschaftlichen Abseits stehen: Weil sie nicht lesen und schreiben können.

Etwa 60.000 junge Menschen verlassen jedes Jahr die Schule ohne Abschluss. In dieser Gruppe sind viele, die vielleicht einzelne Wörter lesen können, aber keine Briefe und E-Mails, keine Verträge und Dokumente, keine Gebrauchsanleitungen. Mit Dummheit hat das nichts zu tun, und viele Betroffene sind sogar besonders geschickt darin, den Alltag trotz ihres Problems zu bewältigen.

7,5 Millionen Betroffene in Deutschland

Doch die Situation ist dramatisch, wie 2011 die sogenannte Leo-Studie zeigte. Demnach gibt es in Deutschland 7,5 Millionen Erwachsene, die kaum oder nur sehr schlecht lesen und schreiben können. 300.000 von ihnen können nicht einmal einzelne Wörter lesen, zwei Millionen verstehen Wörter, aber keine Sätze.

Mit dem Jahreswechsel ist die seit 2003 laufende UN-Weltdekade der Alphabetisierung zu Ende gegangen. Die Quote der Menschen, die nicht lesen und schreiben können, sollte sinken - doch die Zahlen des Unesco-Weltbildungsberichts 2012 zeigen: 775 Millionen Menschen weltweit sind Analphabeten.

Auch in Deutschland besteht Handlungsbedarf, darüber sind sich Politik und Fachwelt einig. "Es gibt Analphabetismus in Deutschland in einer Größenordnung, die nicht mehr eine Nische darstellt", sagt Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU). In der Praxis setzen die Instrumente gegen Analphabetismus allerdings in erster Linie bei den Erwachsenen an - zu spät, meinen Experten.

"Seit der ersten Pisa-Studie weiß man, dass Deutschland ein Grundbildungsproblem hat", sagt Peter Hubertus vom Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung. "Knapp zehn Prozent der Jugendlichen konnten einem einfachen Text keine Information entnehmen." Die erste Pisa-Studie wurde 2001 veröffentlicht. Seither wurde Deutschland immer wieder durch internationale Untersuchungen attestiert, dass auf dem Gebiet der Bildungsgerechtigkeit noch viel zu tun ist.

Polemisch formuliert: ungebildet bleibt ungebildet, wer am Ende der Grundschule nicht lesen kann, wird es vielleicht gar nicht mehr lernen. Getreu dem Sprichwort: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.

Peter Hubertus sieht die weiterführenden Schulen in der Pflicht: "Es kann doch nicht sein, dass Kinder ihr Lernpotenzial am Ende der vierten Klasse schon erreicht haben." In Förder- oder Hauptschulen könnten Kinder ihre sowieso schon schlechten Lesekompetenzen häufig nicht ausbauen. Grundschullehrer sind durch ihre Ausbildung besser auf die Herausforderung vorbereitet.

Viele Wissenschaftler fordern daher praxisorientierte Pflichtveranstaltungen im Lehramtsstudium - und die Betreuung von Betroffenen durch Kleingruppen in Ganztagsschulen. "Wenn Schule nicht nur eine Teilzeitschule am Vormittag wäre, könnte man Kinder, die zu Hause durch ihre Familie nicht gefördert werden, besser unterstützen", sagt Hubertus.

Und die Politik? Die setzt zuerst bei den Erwachsenen an. Das Bundesbildungsministerium förderte von 2007 bis 2012 ein Forschungsprogramm zur Alphabetisierung Erwachsener mit 35 Millionen Euro. Damit wurde auch die Leo-Studie finanziert, deren Ergebnisse dazu führten, dass sich Bund und Länder auf eine "Nationale Strategie für Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener" verständigten.

Aktive Hilfe tut Not

2011 legte das Ministerium ein Programm zur arbeitsplatzorientierten Forschung auf. Denn die Leo-Studie hatte auch ergeben, dass 57 Prozent der sogenannten funktionalen Analphabeten einen Job haben. Jedoch machen erschreckend wenige von den Angeboten etwa der Volkshochschulen Gebrauch: 20.000 von 7,5 Millionen funktionalen Analphabeten.

Ute Koopmann arbeitet in der Volkshochschule Braunschweig. Ihre Lehre aus der Studie: "Man muss an die Betriebe ran." Niedersachsen finanziere als erstes Land fünf "Grundbildungszentren", zunächst für ein Jahr. Angesiedelt sind diese an den Volkshochschulen. In Braunschweig, sagt Koopmann, gehe man aktiv auf die potenziell Betroffenen zu, in Schuldnerberatungsstellen etwa. Denn die Menschen hätten oft Hemmungen, von sich aus Kurse zu besuchen. Das alles ist auch Präventionsarbeit, die Kindern nützen kann. Wenn Eltern Kindern etwa nicht vorlesen, dann wird auch die Sprachkompetenz des Nachwuchses nicht gefördert.

Johann Löwen bekam in der Schule keine Hilfe, auch weil er keine einforderte. Nicht einmal seine Eltern wussten von seinem Problem. Er musste erst älter und lebensklüger werden. Nach Jahren des Rumhängens begann er eine Lehre, vertraute sich einem Lehrer an, weil er im Unterricht nicht mitkam. Zum Glück war sein Berufskolleg auf Menschen wie ihn eingestellt. Eine Sozialpädagogin half ihm weiter, und so konnte er langsam seine Fähigkeiten verbessern, "und ich habe wirklich viel geübt". Heute ist Löwen Landschaftsbauer.