Zwischenbilanz nach Missbrauchsvorwürfen Das durchbrochene Schweigen

Nach den Missbrauchsvorwürfen zieht das Bistum Regensburg eine Zwischenbilanz - und auch die Opfer kommen endlich zu Wort.

Von Max Hägler

Zehn Geistliche des Bistums Regensburg wurden in den vergangenen 65 Jahren wegen sexueller Straftaten von Gerichten verurteilt, ein weiterer dienstrechtlich belangt. Opfer der Übergriffe waren zwischen den Jahren 1945 und 2010 insgesamt 78 Kinder und Jugendliche. Zu diesem Zwischenergebnis kommt das Bistum nach einem Jahr Recherche, bei der Tausende Personalakten untersucht und Opfer angehört wurden. Einer der Fälle ereignete sich vor Jahren bei den Regensburger Domspatzen.

Anlässlich der Missbrauchsvorwürfe, die im vergangenen Jahr bekannt wurden, hatte das Bistum unter anderem die Psychologin Birgit Böhm als Ansprechpartnerin für Opfer eingesetzt. "Als Christen und als Mitmenschen sind wir angesichts jedes einzelnen Falles bestürzt über das Leid", sagte Böhm. Dies bedauere die Kirche zutiefst. Zur Präsentation der Bilanz, in der oft von "Transparenz" die Rede ist, waren nur ausgewählte Medienvertreter eingeladen. Bischof Gerhard Ludwig Müller hatte sich im Zusammenhang mit der Missbrauchsdebatte vielfach über eine angebliche Kampagne der Medien gegen die Kirche beklagt.

Über die Gesamtzahl der mutmaßlichen Opfer, die sich bei Böhm gemeldet haben, wollte die Psychologin keine Auskunft geben. Der Hintergrund der persönlichen Gespräche, E-Mails und Telefonate sei zu differenziert, um sie zusammenzufassen, sagte sie. Es gebe Anrufer, die lediglich schilderten, was man ihnen erzählt habe, aber eben auch direkt Betroffene, die Kontakt zu den Tätern suchten. Aufgrund dieser "Unschärfe" habe eine Bilanz der Kontakte keine Aussagekraft, erklärte Böhm.

Um ein seelsorgerisches Gespräch mit Bischof Müller habe kein Opfer gebeten, dies sei jedoch möglich. Die Staatsanwaltschaft ermittle derzeit in einem Fall gegen einen Geistlichen. Kirchenrechtlich würden weitere zwei Fälle bearbeitet: In einem sei es zuvor zu einer strafrechtlichen Verurteilung gekommen; in einem anderen Fall hätten die staatlichen Stellen ihre Ermittlungen eingestellt, die Kirche prüfe nun dienstrechtliche Konsequenzen. Die Gesamtzahl der anhängigen Fälle konnte weder die Justiz, noch das Bistum nennen.

Das Bistum München-Freising hatte zuletzt mehr Details seiner Missbrauchs-Recherchen veröffentlicht, allerdings ist eine Zwischenbilanz - wie jetzt in Regensburg - durchaus nicht die Regel in den Bistümern. Unklar ist die Zahl der Opfer durch Mobbing und gewaltsame Übergriffe an kirchlichen Schulen und Heimen. Die Recherche dazu sei noch nicht an einem befriedigenden Punkt angelangt, sagte Bistumssprecher Clemens Neck.

Bislang gibt es keine neuen Hinweise auf sexuelle Übergriffe

Die Diözesanverwaltung hat parallel zu den Gesprächen mit Opfern 2315 Personalakten von Geistlichen, Diakonen, Pastoralreferenten und Religionslehrern durchgesehen. Insgesamt waren in den vergangenen 65 Jahren etwa 2350 Geistliche im Bistum Regensburg tätig. Man habe keine neuen Hinweise auf sexuelle Übergriffe entdeckt, sagte Generalvikar Michael Fuchs. Alle notierten Fälle seien in den vergangenen Jahren von der Justiz aufgearbeitet worden. Allerdings habe es in alten Akten mitunter Lücken gegeben, die erst durch Nachfragen bei der Justiz und durch Hinweise von Beteiligten geschlossen werden konnten.

Als schwierig habe sich die Recherche auch erwiesen, wenn Beschuldigte bereits verstorben seien, sagte Bistumssprecher Neck. Ebenso seien anonyme Vorwürfe nicht juristisch verwertbar. Ziel sei aber, auch jenen Opfern zu helfen, deren Erlebnisse durch staatliche Behörden nicht mehr aufgeklärt werden könnten. Diese Menschen könnten Anträge bei dem jüngst von der Bischofskonferenz vorgelegten Entschädigungsfond stellen, betonte Neck.