Zugunglück Helfer in Bad Aibling: "Wir haben alle mobilisiert, bis auf den letzten Mann"

Es ist ein Phänomen, das sich in Katastrophenfällen immer wieder zeigt: Binnen kürzester Zeit waren Hunderte Helfer in Bad Aibling einsatzbereit. Den Schmerz lindert das nicht.

Von Katharina Blum und Korbinian Eisenberger, Bad Aibling

Drei Kerzen brennen noch in der Feuerschale vor dem Altar. Die zweite Schale hat Georg Baumann, der Mesner der Stadtpfarrkirche Mariä Himmelfahrt in Bad Aibling, gerade beiseitegestellt. Eigentlich muss er jetzt die Fastentücher anbringen, heute ist Aschermittwoch. Aber eine Schale, umrahmt von schwarzem Tüll und einem Stern davor, soll unbedingt stehen bleiben. "Es kommen bestimmt noch viele, die eine Kerze anzünden wollen", sagt Baumann.

Zehn Menschen sind ums Leben gekommen, bei dem Zugunglück am Dienstag, als zwei Nahverkehrszüge auf der eingleisigen Strecke zwischen Holzkirchen und Rosenheim bei hohem Tempo frontal ineinandergekrachten. 300 Menschen kamen am Abend zu einem Gottesdienst zusammen. In einer bewegenden Trauerfeier gedachten sie der Opfer. "Ein großes Dunkel hat sich heute über Bad Aibling gelegt", sagte Pfarrer Georg Neumaier.

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"Das alles ist unvorstellbar", sagt auch Mesner Baumann am Tag danach. Im Eingangsbereich der Kirche ist ein Buch ausgelegt, Angehörige und Opfer haben darin ihre Gedanken und Wünsche niedergeschrieben. "Danke, dass Du mich heute geschützt hast", steht darin. "Schütze auch bitte die Verletzten von heute."

Immerhin: "Der Taucheranzug ist warm"

Doch nicht nur Nachbarn und Freunde der Opfer kamen, auch viele Menschen aus der Region zeigten sich solidarisch. Lange standen sie noch auf dem Platz vor der Kirche zusammen. Die Botschaft: Wir halten zusammen. So war das bereits seit den frühen Morgenstunden: Feuerwehren, Bergwacht, die Wasserwacht und das Technische Hilfswerk waren aus allen Regionen Bayerns gekommen. Selbst Österreich schickte Rettungswagen - insgesamt zählte die Polizei mehr als 700 Helfer.

Verpflegt wurden die meisten von ihnen im Feuerwehrhaus des kleinen Ortes Pullach, wenige Hundert Meter von der Unglücksstelle entfernt. Es gab Semmeln, Wiener, Krapfen und Muffins. Nachbarn, Metzger und Bäcker haben sie gleich in der Früh vorbeigebracht. "Bezahlen mussten wir nichts", erzählt Frank Degler, der vom Feuerwehrmann zum Wirt wurde. Wären nicht gerade die Faschingsferien gewesen, dann hätte auch seine Tochter in einem der beiden Züge gesessen. "Ich will mir gar nicht vorstellen, was dann los gewesen wäre."

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Einer der etwa 700 Helfer war Wolfgang Geisler. Mit Helm und Taucheranzug stand er stundenlang am Mangfallkanal, einsatzbereit, mit wachem Blick. Retten musste er niemanden, die Wasserwacht wurde wegen der schwierigen Lage der Unglücksstelle vor allem aus logistischen Zwecken alarmiert. Aber auch das gehört zum Job eines Helfers dazu: Bereitstehen, falls man irgendwann gebraucht wird. Immerhin: "Der Taucheranzug ist warm", sagt Geisler.

In Passau befreiten Tausende Studenten die Straßen vom Schlamm

Es ist ein Phänomen, das sich in Katastrophenfällen immer wieder zeigt: Erst im Sommer 2014 waren innerhalb kürzester Zeit 200 der besten Höhlenretter Europas sowie Hunderte weitere Helfer nach Berchtesgaden gekommen, um bei der Rettungsaktion des Höhlenforschers Johann Westhauser aus der Riesendinghöhle mitzuhelfen.

Ein Jahr zuvor hatten sich im niederbayerischen Passau Tausende Studenten zusammengeschlossen, um die Straßen nach der Flutkatastrophe vom Schlamm zu befreien und die Einheimischen mit Medikamenten und Essen zu versorgen. Und im vergangenen Spätherbst, als Zehntausende Flüchtlinge in Bayern Zuflucht suchten, löste dies eine riesige Solidarität in der Bevölkerung aus.

Ein ähnliches Bild zeigt sich jetzt in Bad Aibling. Als der Einsatz für die Einsatzkräfte beendet ist, sagt Hermann Tutschka, Abschnittsleiter der Pullacher Feuerwehr: "Wir haben alle mobilisiert, bis auf den letzten Mann."

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