Zugunfall von Bad Aibling Wenn der Alltag zum Abgrund wird

Aus einer Pendlerfahrt wurde in Bad Aibling eine Fahrt in den Tod. Das Vertraute erweist sich plötzlich als unheimlich. Doch Angst ist eine schlechte Reaktion auf die Katastrophe.

Kommentar von Matthias Drobinski

Es ist alles so vertraut. Die Strecke von Holzkirchen nach Rosenheim, das Mangfalltal, die Meridian-Züge im selbstverständlichen Blau-Gelb. Die Pendler sind einem nah: Leute, die halt zur Arbeit fahren, mürrisch müde oder schon im Morgengrauen unverschämt leistungsbereit. Die Schulkinder haben frei, die Ausflügler fahren später.

Und dann bricht das Entsetzliche ein ins Vertraute; die Katastrophe, der Zusammenbruch dieser Welt. Selbst ihre Ursache ist womöglich furchtbar banal. Ein paar falsche Knopfdrücke, und zwei Züge stoßen ungebremst zusammen.

Der Alltag wird zum Abgrund

Deshalb erschüttern Katastrophen wie das Zugunglück von Bad Aibling die Menschen besonders: Der Alltag wird zum Abgrund. Das sicher Geglaubte erweist sich als nicht sicher. Der Boden, auf dem man fest zu stehen meinte, hat Risse. Und auf einmal ist da ein Loch. Die so guten Sicherungssysteme haben versagt.

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Und aus der Pendlerfahrt wird die Fahrt in den Tod. Das Vertraute erweist sich als unvertraut, als unheimlich - das war für Sigmund Freud die Wurzel der namenlosen Angst, die viel tiefer reicht als die Furcht vor einer konkreten Gefahr. Es kehrt im Unglück das verdrängte Wissen wieder, dass alles Streben nach Sicherheit keine letzte Sicherheit bringt und dass mitten im Leben der Tod wohnt, in Oberbayern, hinter Bad Aibling, morgens vor sieben. Das macht Angst. Es hätte mich treffen können. Es könnte mich immer und überall treffen. Ist denn nicht einmal mehr das Zugfahren sicher? Genug, um sich getrost in Züge setzen zu können. Die Angst ist ein lebenswichtiger Fluchtreflex, aber ein schlechter Ratgeber.

Sich von der namenlosen Angst besetzen zu lassen, ist die schlechteste Reaktion auf die Katastrophe. Sich vom Unglück berühren zu lassen die bessere. Das ist ja die andere Seite der Nähe: Sie schafft Anteilnahme, gemeinsame Trauer, Solidarität, Hilfsbereitschaft. Hunderte Menschen haben spontan den Fasching ausfallen lassen und sich in die Schlange der Blutspender gestellt. Es hätte auch mir passieren können - das könnte ein Grund sein, den trauernden Hinterbliebenen der Toten, den Verletzten und ihren Familien auch dann zu helfen, wenn die Kamerateams längst abgefahren sind aus Bad Aibling.

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