Zugspitz-Ultratrail Laufen jenseits der Vorstellungskraft

101 Kilometer und 5672 Höhenmeter am Stück: Ein Wanderer bräuchte für diese Strecke bis zu fünf Tage. Doch so viel Zeit haben die Bergläufer nicht. Der Zugspitz-Ultratrail setzt neue Maßstäbe.

Von Jochen Temsch

Diesen Samstag, um 7.15 Uhr, fällt in Grainau der Startschuss zu einer besonders heftigen Plackerei: dem Zugspitz-Ultratrail. Die Teilnehmer dieses erstmals ausgetragenen Laufs rund um das Wetterstein-Massiv müssen 101 Kilometer und 5672 Höhenmeter am Stück bewältigen - wofür ein Wanderer vier, fünf Tage braucht.

Rauf zum Feldernjöchl, runter zur Geisterklamm, hoch zur Alpspitz-Bergstation, runter nach Grainau - ein Höhenprofil wie die Herzkurve eines Infarktpatienten. Eine kürzere, Supertrail genannte Strecke misst immerhin noch 69,8 Kilometer und 3383 Höhenmeter. Durchschnittlich Trainierte schütteln da den Kopf, notorische Sofasitzer halten die Sportler für verrückt, Traditionalisten fürchten um ihren Bergfrieden. Dabei machen Läufer nicht mehr Krach und Schmutz als Wanderer, und Ultra-Läufer sind Distanzen jenseits der normalen Vorstellungskraft gewohnt. Sie tasten sich im Training über Jahre an sie heran.

Trotzdem kann im Hochgebirge schnell etwas passieren. Meistens sind es leichte Verletzungen wie ein umgeknickter Fuß oder gerissene Bänder. Aber seit bei einem anderen Rennen, dem Zugspitz-Extremberglauf, 2008 zwei gut trainierte, aber zu leicht gekleidete Athleten aus dem Norden Deutschlands durch Unterkühlung und Erschöpfung starben, schwelt die Debatte über Sinn und Unsinn solcher Veranstaltungen, über Bergerfahrung und Eigenverantwortlichkeit.

Beim Zugspitz-Ultra sind die Sicherheitsvorkehrungen hoch. Jeder Starter muss ein ärztliches Attest vorweisen und einen Rucksack mit Erste-Hilfe-Set und warmer, regenfester Wechselkleidung tragen. Die Organisatoren des Ultras, Uta und Heinrich Albrecht von der Eventagentur Plan B, gelten in der Laufszene als Fachleute. Eine ihrer anderen Veranstaltungen, der 300 Kilometer lange Transalpine Run über die Alpen, genießt international hohes Ansehen. Auch beim neuen Zugspitz-Ultra stehen Stars der Szene am Start, etwa der Südafrikaner Ryan Sandes, der Allgäuer Christian Stork und der Spanier Miguel Heras. In der breiten Öffentlichkeit schiebt die Sportartikelindustrie das Thema an.

"Das Interesse am Berglauf hat stark zugenommen", sagt Giselher Schneider, der den Ultralauf Chiemgauer 100 veranstaltet. Aber in absoluten Zahlen gemessen, sind Bergläufer eine Minderheit im Gebirge. Im Chiemgau dürfen nur 150 starten, aus Naturschutzgründen und wegen der familiären Atmosphäre. Beim Zugspitz-Ultra machen rund 800 Läufer mit - davon 500 auf der längeren Strecke.

Laut Uta Albrecht liegt die hohe Nachfrage am Zugspitz-Ultratrail auch daran, dass es bislang keinen vergleichbaren Lauf in Deutschland gegeben hat. Ganz im Gegensatz zu Frankreich oder der Schweiz. Dort sind Bergläufe, etwa in Chamonix, Zermatt oder Davos, etablierte Traditionsveranstaltungen, die Startplätze stets schnell ausverkauft. Die Läufe werden von der Öffentlichkeit, anders als in Deutschland, als Normalität akzeptiert. Und als touristische Geldquellen. Allein der Zermatt-Marathon bringt der gesamten Region jährlich 2,5 Millionen Euro, alle Ausgaben von Startern und Angehörigen zusammengerechnet.

Die Veranstalter der Stadtläufe haben dennoch nichts gegen die alpine Konkurrenz. So sagt etwa Gernot Weigl, Rennleiter des München-Marathons, bei dem 2010 rund 18000 Läufer starteten: "Als Bergfreund freut mich das Interesse an Gebirgsläufen. Aber die, die das machen, bleiben eine kleine Gruppe. Wer schafft schon 100 Kilometer am Stück?"