Zugspitz-Gletscher "In 20 Jahren dürfte er weg sein"

Experte Braun über die wahren Motive der Gletscher-Abdeckung und warum das Schmelzen nicht so schlimm ist.

Interview: Kassian Stroh

Am Mittwoch haben die Mitarbeiter der Zugspitzbahn wie jedes Jahr damit begonnen, 6000 Quadratmeter des Schneeferner-Gletschers mit Matten und Planen abzudecken, um ihn vor der Sonne zu schützen. Das wird ihn nicht retten, sagt Ludwig Braun, wissenschaftlicher Leiter der an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften eingerichteten Kommission für Glaziologie, also Gletscherforschung.

SZ: Der Schneeferner schwindet seit Jahrzehnten. Ist das hier besonders dramatisch oder typisch für die Alpen?

Ludwig Braun: Auf der Zugspitze ist es besonders dramatisch. Bis 1850 hat sich dort ein massiver Gletscher aufgebaut, weil bis dahin das Zugspitzplatt fast immer über der Schneefallgrenze lag. Mit der Klimaerwärmung ist diese Grenze um etwa 300 Meter nach oben gewandert, nun liegt der Schneeferner im Schmelzbereich. Das liegt also an dieser Höhenzone, oberhalb von 3000 Metern haben sich die Gletscher in den Alpen nicht wesentlich verändert. Der Schneeferner ist heute noch etwa 25 Hektar groß - und hatte mal mehr als 300 Hektar.

SZ: Nun wird der Schneeferner verhüllt - hilft ihm das?

Braun: Ihm selbst relativ wenig, es werden ja nur etwa zwei Prozent seiner Fläche abgedeckt. Auf dem Zugspitzplatt werden vor allem Installationen geschützt: zum Beispiel der Skilift oder die Fläche der Halfpipe.

SZ: Also stehen dahinter keine ökologischen Motive, sondern wirtschaftliche.

Braun: Das sind rein wirtschaftliche Interessen; man will Anlagen, in die man investiert hat, noch viele Jahre nützen. Man kann damit das Abschmelzen verlangsamen, aber nicht stoppen.

SZ: Wann wird der Schneeferner verschwunden sein?

Braun: In 20 Jahren dürfte der Großteil geschmolzen sein. Als wir vor zwei Jahren mit Radar nachgemessen haben, sind wir zu unserem Erstaunen auf einen Bereich gestoßen, wo das Eis noch mehr als 40 Meter tief ist. Da kann der Gletscher noch gut 30 Jahre leben. Das ist aber nur eine kleine Stelle, vielleicht 30 auf 30 Meter groß. Das wäre dann also kein Gletscher mehr, sondern nur noch ein Eisloch.

SZ: Ist es aus ökologischen Gründen schlimm, wenn der Gletscher verschwindet, oder nur ein ästhetisches Problem?

Braun: Auf dem Gletscher bleibt frischgefallener Schnee viel besser liegen als auf Stein. Optisch ist es also viel attraktiver, wenn Eis da ist, da bei Schneefall alles schön weiß ist. Sobald der Schnee aber weg ist, ist dieses dunkle, von Schutt bedeckte Eis nicht besonders ansehnlich. Hydrologisch gesehen ist der Gletscher kein wahnsinnig wichtiger Bestandteil des Kreislaufes, für die Wasserversorgung ist Schnee viel wichtiger. Schauen Sie: Wenn im gesamten Wettersteingebirge vier Meter Schnee liegen und schmelzen, kommt viel mehr zusammen als von 25 Hektar Gletscher. Selbst im extrem trockenen Sommer 2003 waren nur fünf Prozent des Donauwassers bei Passau geschmolzenes Gletschereis.

SZ: Noch sind auf der Zugspitze Schneekanonen verboten, was die Zugspitzbahn aber ändern möchte. Was halten Sie davon?

Braun: Das Problem dort oben besteht darin, das für Schneekanonen nötige Wasser zu haben. Die Zugspitze ist ein Karstgebiet, da versickert Wasser immer irgendwo. Man müsste also Becken bauen, um es zu halten. Wenn das gelingt, habe ich kein Problem damit. Ich kann den Betreibern der Zugspitzbahn nicht verübeln, dass sie dort mehr Schnee haben wollen. Nur sind die Stauanlagen im Sommer natürlich sichtbar und wirklich nicht schön. Ich würde vorschlagen, dass man eine Beschneiung auf die jetzt schon erschlossenen Skigebiete beschränkt und dort den Betrieb optimiert. Im Gegenzug sollte man die noch unberührten Gebiete so belassen.