Wunsiedel Rechtsextreme im Abseits

Wunsiedeler Gegendemonstranten beantragen beste Plätze für sich

Als im Vorjahr die Rechtsextremisten wieder einmal durch Wunsiedel marschierten, brachte es eine Protestaktion weltweit zu Schlagzeilen. Denn die oberfränkische Stadt münzte den Aufmarsch kurzerhand in einen Spendenlauf um: Jeder Meter, den Neonazis zurücklegten, brachte Geld für ein Aussteiger-Projekt ein. Die Rechtsextremisten standen ziemlich dumm da.

In diesem Jahr, als rechte Gruppierungen erneut für den Vorabend des Volkstrauertags eine Demonstration angemeldet hatten, fielen die Aktionen am Samstag zwar weniger spektakulär aus, waren aber ebenfalls effektiv: Anstatt einer großen Gegendemo gab es mehrere kleinere Veranstaltungen - diese wurden an verschiedenen Plätzen im Stadtkern angemeldet, so dass die Behörden den Rechtsextremisten eine Route durch ein etwas abgelegenes Siedlungsgebiet zuweisen mussten. Die Innenstadt sei durch "einen Akt der bürgerlichen Zivilgesellschaft" belegt, sagte Bürgermeister Karl-Willi Beck (CSU). Die Symbolik dahinter: Neonazis bleiben außen vor. "Ausländerhass, Gewalt gegen Flüchtlinge, Hasstiraden gegen Andersdenkende", das alles sei ein "No go" in Wunsiedel, betont Beck.

Mit dem Aufmarsch der Rechten Mitte November müssen die Menschen in der 10 000-Einwohner-Stadt schon länger leben. Grund: Auf dem Wunsiedeler Friedhof war bis 2011 der Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß (1894 bis 1987) begraben. Der Ort hatte deshalb eine große Anziehungskraft für die rechte Szene. Der historische Nationalsozialismus sei für sie "ein elementarer Bezug", sagt Rechtsextremismus-Experte Martin Becher, der im nahen Bad Alexandersbad die Geschäfte des Bayerischen Bündnisses für Toleranz führt. "Der Nationalsozialismus ist ihr ideologischer Kitt."

Dass das Grab inzwischen aufgelassen ist und nichts mehr an den toten NS-Funktionär erinnert, ändert nichts daran, dass Wunsiedel immer noch Symbolkraft hat. Die Stadt bleibe der Ort, an dem der hochrangige Vertreter der Nazis ein Grab hatte, das öffentlich zugänglich war. "Das gab es nirgendwo sonst", sagt Becher. Und so sehen sich folglich die Wunsiedeler alljährlich im November damit konfrontiert, dass Vertreter der rechtsextremen Szene durch ihre Stadt marschieren und ein sogenanntes Heldengedenken veranstalten. Brisant wurde die Kundgebung in diesem Jahr im Angesicht der Flüchtlingskrise. Würden die Neonazis größeren Zulauf haben, würden sich mehr Menschen öffentlich zu deren rassistischer Ideologie bekennen?

Das Flüchtlingsthema eint die Neonazi-Szene, ist Experte Becher überzeugt. "Sie ist thematisch geeint wie lange nicht mehr", glaubt er sogar. Über Pegida und die AfD gelangten Neonazis zudem in rechtspopulistische Kreise und in die der "besorgten Bürger". "Sie haben nun Zugang zu anderen Milieus. Sie erweitern dadurch ihr Spektrum." Aber: Für Wunsiedel konnten die Rechtsextremisten wohl nicht mehr Anhänger mobilisieren als in den Vorjahren. Nur etwas mehr als 200 Demonstranten zählte die Polizei - das ist in etwa die Zahl aus früheren Jahren.