Wirtshaus "D'Feldwies" am Chiemsee Kapitalanlage mit Geschmack

Am Chiemsee haben Bürger ein mehr als 500 Jahre altes Wirtshaus gerettet - nun werden sie dafür belohnt: Die Küche im "D'Feldwies" serviert hauptsächlich Bodenständiges, wäre aber auch zu hochgestochenen Künsten fähig. Was man nicht unbedingt erwartet, wenn man die Speisekarte sehr genau liest.

Von Carolus Hecht

Mit dem Ende des Gasthauses stirbt oft ein großer Teil des sozialen Lebens in einem Dorf. Neuerdings sind es Initiativen betroffener Bürger, die sich eine solche Institution der Gemeinsam- und Geselligkeit nicht nehmen lassen wollen. Die mehr als 500 Jahre alte Wirtschaft in Feldwies (heute Gemeinde Übersee am Chiemsee) ist so ein Fall: Robuste Liebhaber haben sie gerettet. Hunderte aus der Umgebung und auch Enthusiasten von weiter her kauften Aktien des "Wirtshaus D'Feldwies", ein herrliches Gehäuse, das nebst innewohnender Gastronomie dem Untergang geweiht schien. So konnte es zu einem architektonischen wie geschmacklichen Schmuckstück gemacht werden.

Zwei anheimelnde Gaststuben, ein mächtiger Saal, der sicher so manchen stürmischen Tanz gesehen hat, ein großer Vorgarten ohne Krach (obwohl die Autobahn in kaum einem halben Kilometer Entfernung vorbeiführt): Man glaubt kaum, dass solche Örtlichkeiten dem Untergang entgegengehen konnten.

Von der Schönheit allein lebt's sich freilich schlecht. Und so beleben die Wirtin und ihre Damen den Ort mit ziemlich guter Laune und in ihrer Schmackhaftigkeit etwas launischen, aber letztlich höchst erfreulichen Gerichten - und mit musikalischem Beiwerk von ländlichen Gaudiburschen bis Dampf-Dixie. Wobei wir bei allzu lebhaftem Publikumszuspruch gewisse Erschöpfungserscheinungen der sonst so lobenswerten Küche im D'Feldwies registrierten.

Wahrhaft "tomatige" Tomatensuppe ohne Dosenflor

In der Ochsenbrühe fand sich einmal ein salzloser Leberknödel, während die gewaltige Griesnocke locker und leicht geriet. Die wahrhaft "tomatige" Tomatensuppe ohne Dosenflor bekam etwas viel Schlagrahm ab. Zur passenden Zeit gab es neben der Spargelcremesuppe sogar den puren Sud, für Liebhaber ist das die reine Delikatesse. Wie uns überhaupt der Umgang mit dem anspruchsvollen Spargel und anderen jahreszeitlichen Besonderheiten als vorbildlich auffiel.

Der Pfirsich zum Matjesfilet mit roten Zwiebeln gefiel uns als ausgefallene Variante. Absoluter Höhepunkt der Vorspeisen war das sehr zart behandelte, sauer eingelegte und gebratene Renkenfilet in duftiger Marinade. Seltsam hingegen die Enzyklopädie der "Bayernteller" mit "Obadzd'n", Sülze, Fleischpflanzl, Schinken, Radisalat und "Brez'n". Auch die Haussülze - vom "Schweind'l", sanft, ohne die übliche Gelatinestarre - gibt uns Anlass, kurz die einzige hypermodische Dämlichkeit an diesem Ort zu behandeln: Die Chefin streut üppig und sinnlos Apostrophe über die Speisekarte.

Die meisten Vorspeisen (zwischen 4,80 und 12,90 Euro), zumal üppig mit Fisch oder Fleisch bestückte Sommersalate, hatten das Volumen von Hauptspeisen. Die kosteten zwischen 8,50 und 18,50 Euro und geizten ihrerseits nicht an Sättigungskraft, was sich aber nicht negativ auf die differenzierten Kompositionen auswirkte. Mit dem Fisch, Renke, Saibling, Forelle aus den Gewässern rundum, ging man (in den Varianten Müllerin und im Filet gebraten) sorgsam um. Bei mancher Kombination wie dem redlichen Feldwieser Fischgrillteller könnte man sich aber den allgegenwärtigen Lachs sparen.

Souveräner Umgang mit den Früchten der Saison

Den Ochsenfleischpflanzerl (dieser falsche Diminutiv greift um sich: Das Fleischpflanzl leitet sich vom Pfanzl, dem Pfannzelten her, also dem Pfannkuchen) tat ihre Riesenhaftigkeit geschmacklich keinen Abbruch. Der Ochsenbraten in sämiger Rotweinsoße bewahrte seinen Saft. Mürbe und nicht zu grobfasrig geriet das gebrühte "Bürgermeisterstückl", der Kren war frisch gerissen. Das Hirschkalbsteak in Madeirasoße ließ ahnen, dass die Küche auch zu ziemlich hochgestochenen Künsten fähig wäre. Die keineswegs überparfümierte Soße umspielte ein Stück von rosiger Leichtigkeit, wie sie vom Hirsch selten zu haben ist.

Dem Raunen der Aktionäre nach ist man sich uneins, ob die bodenständige Küche des Hauses nicht mehr auch auf Innereien setzen sollte. Das Kalbsherz, in Estragon-Senf geschmort, mit Gemüse und Püree ließ es seines würzigen Wohlgeschmacks wegen geradezu geboten erscheinen, sich weit mehr diesem besonderen Aspekt ländlichen Genusses zu widmen.

Hernach beim Süßen angelangt - zwischen 3,90 und 5,90 Euro -, gefiel uns der souveräne Umgang mit den Früchten der Saison, derzeit also mit Beeren und Steinobst. Selbst bei den wenigen offenen Weinen, Grüner Veltliner und Zweigelt, herrscht mehr Anstand als üblich. Und das mundige Bier vom Traunsteiner Hofbräu wird gepflegt, dass es eine Art hat. In der "Feldwies" hat endlich einmal der Begriff des Shareholder Value, der auf dem wahnsinnig gewordenen Finanzmarkt vergöttert wird, einen sehr sinnlichen, reellen, nahrhaften Geschmack.