Wirtschaft Der Neoliberalsoziale

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat in Fürth das Ludwig-Erhard-Zentrum eröffnet. Dort soll an den früheren Bundeskanzler und Sohn der Stadt erinnert werden. Die Deutung seines Wirkens fällt unterschiedlich aus

Von Claudia Henzler, Fürth

Seit Langem hat sich in Fürth eine kleine, aber unermüdliche Gruppe darum bemüht, das Andenken von Ludwig Erhard zu wahren, der unweit des Rathauses geboren wurde und heute als bedeutender Sohn der Stadt gilt. Zu Lebzeiten war dem ehemaligen Wirtschaftsminister und Bundeskanzler im sozialdemokratisch geprägten Fürth allerdings zweimal die Ehrenbürgerwürde verweigert worden, was Oberbürgermeister Thomas Jung (SPD) am Freitag als durchaus beschämend bezeichnete. Dass es nun in Erhards Heimatstadt eine "würdige und angemessene" Begegnungsstätte gibt, sei "angemessen", sagte Jung bei der Einweihung des Ludwig-Erhard-Zentrums. Es wird öffentlich finanziert, aber von einer privaten Stiftung getragen und wurde durch höchsten Besuch geadelt: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier war zum Pre-Opening angereist. Die offizielle Eröffnung des Museums ist erst für den 20. Juni geplant. Und bis Jahresende soll das Zentrum durch einen Forschungslehrstuhl ergänzt werden.

Figuren von Ottmar Hörl.

(Foto: Daniel Karmann)

Dass Erhard in Fürth noch immer nicht unumstritten ist, demonstrierten während Steinmeiers Besuch Mitglieder linker Gruppen und der Grünen. Sie geißelten das Haus als "Zentrum neoliberaler Politikentwürfe und Propaganda". Erhard sei wegen seiner Aktivitäten im Dritten Reich kein geeignetes Vorbild.

Auch wegen dieser Kritik bezeichnen die Ausstellungsmacher ein kleines Zimmer im ersten Stock des Geburtshauses, in dem es um die Jahre 1933 bis 1945 geht, als "wichtigsten Raum" des Museums. Stiftungsvorsitzende Evi Kurz und Kurator Daniel Koerfer wissen, dass sie am Umgang mit diesem Thema gemessen werden und wollen den Verdacht ausräumen, dass hier ein unkritischer Ludwig-Erhard-Fanklub am Werk war. "Es wird bei uns nichts unter den Teppich gekehrt", betonte Evi Kurz bei einem Rundgang vor der Einweihung. Den Besuchern wird diese Aussage mit einer Installation plastisch vor Augen geführt: Es sieht so aus, als hätte jemand den alten Parkettboden nach oben geklappt und darunter einen Aktenschrank platziert. In dessen Schubladen sind Briefe Erhards aus der NS-Zeit zu sehen. Eine Wandtafel zeigt, wohin der promovierte Volkswirt damals im Auftrag des Reichs gereist war, um als Wirtschaftsgutachter Empfehlungen zur wirtschaftlichen Ausrichtung annektierter Gebiete, etwa in Polen, zu erarbeiten.

Die Chefin der Ludwig-Erhard-Haus-Stiftung, Evi Kurzk, Bundespräsident Frank- Walter Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender (von links).

(Foto: Daniel Karmann)

"Ja, er hat mit dem Reich kooperiert", sagt der Zeithistoriker und Ausstellungskurator Koerfer, "aber auf unterster Ebene." Erhard habe im Dritten Reich Geld verdient, doch das Leben sei nun mal nicht schwarz oder weiß, es gebe "50 Shades of Brown". Für Koerfer belegen seine Recherchen ganz klar: "Er war kein Nationalsozialist - im Gegenteil." Und: "Dem Rassenwahn hat er sich verschlossen." Als Beweis dient unter anderem, dass Erhard seinem ehemaligen Professor Franz Oppenheimer, der als Jude aus Deutschland fliehen musste, immer die Treue hielt.

Das neue Zentrum.

(Foto: Stiftung Ludwig-Erhard-Haus)

Die abwechslungsreich und mit vielen technischen Spielereien präsentierte Ausstellung führt chronologisch von den Wohnräumen der Familie im zweiten Stock des Geburtshauses bis unters Dach des gegenüberliegenden Neubaus. Wer die 1200 Quadratmeter abschreitet, wird erkennen: Das Zimmer, das Erhards Rolle in Nazideutschland thematisiert, ist natürlich nicht wirklich der wichtigste Raum des Erhard-Zentrums. Der befindet sich stattdessen ganz am Ende der Besichtigung - ein fast leerer Saal mit verspiegelten Seitenwänden und einer 15 Meter langen, raumhohen Projektionsfläche. In den Einspielungen geht es um die "Zukunft der Sozialen Marktwirtschaft" und die Frage, was man heute von Erhard lernen kann. Für die Ausstellungsmacher heißt Ludwig Erhards Nachricht ganz klar: weniger Sozialausgaben, mehr Wettbewerb. Erhard habe "vor dem stetig wachsenden Zugriff des Staates auf die Einkommen, vor steigenden Sozialabgaben" gewarnt, heißt es im Ausstellungskatalog. Heute gebe der Staat mehr als 50 Prozent seines Etats für Soziales aus. So wird im Katalogtext angemahnt: "Wir sollten uns an Ludwig Erhards Botschaft der Freiheit und sein Lob der Eigeninitiative als Ausgangspunkt für ökonomischen Erfolg erinnern."

Der Bundespräsident hob in seiner Eröffnungsrede dagegen die Bedeutung des "Sozialen" in Erhards Politik hervor. "Ludwig Erhard selbst war überzeugt, dass eine freiheitliche Gesellschaft auf Voraussetzungen ruht, die Markt und Wettbewerb allein nicht garantieren können", sagte er. Der frühere Wirtschaftsminister habe einen Markt gewollt, "eingerahmt von einer wertegebundenen Sozialordnung, inklusive institutionalisierter Sozialpartnerschaft". Einig war man sich am Freitag jedenfalls, dass Erhard etwas gegen internationale Monopolbildung im Internet und neue Zollschranken unternommen hätte.

Erhards Ideen weiterzuentwickeln, soll eine Aufgabe des neuen Forschungsinstituts im Erhard-Zentrum sein. Der Plan ist, noch in diesem Jahr einen Privatlehrstuhl zu besetzen, der laut Evi Kurz in den ersten fünf Jahren von der Friede-Springer-Stiftung finanziert und anschließend vom Freistaat weitergetragen wird.