Rückbau des AKW Grafenrheinfeld 33 Jahre Betrieb, 20 Jahre Abbruch

Grafik zum Abbau eines Atomkraftwerks, Teil 1. SZ-Grafik: Eiden; Zeichnung: Gesellschaft für Reaktorsicherheit; Quelle: VGB

  • Am 27. Juni geht das AKW Grafenrheinfeld vom Netz. Dann folgt der Rückbau der Anlage.
  • In Deutschland sind bislang erst drei solcher Anlagen zurückgebaut worden.
  • Der Abbruch von Grafenrheinfeld wird sehr viel aufwendiger werden und deutlich länger dauern als beispielsweise der von Niederaichbach in der Nähe von Landshut - schon weil der 1345-Megawatt-Reaktor ein Vielfaches leistungsstärker ist als die einstige Hundert-Megawatt-Anlage.
Von Christian Sebald

Eine Wiese mit ein paar halbhohen Bäumen, ein Holzzaun, ein Gedenkstein - das ist alles, was in Niederaichbach von der Zukunft übrig ist. Hier stand bis vor wenigen Jahren ein Atomkraftwerk. Inzwischen ist es vollständig abgerissen worden. In Deutschland sind überhaupt erst drei solcher Anlagen "zurückgebaut" worden, wie so ein Abriss im Fachjargon heißt: das Versuchsatomkraftwerk Kahl, der Heißdampfreaktor Großwelzheim - und das AKW Niederaichbach, das nahe dem 2011 stillgelegten Reaktor Isar 1 lag.

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"Manchmal weiden auf der Wiese Hochlandrinder", sagt Paul Riederer. Der 85-jährige ehemalige Lektor ist Atomkraft-Gegner der ersten Stunde. Vom nahen Landshut aus hat er von 1966 an den Bau der Anlage erlebt. Aber auch ihren kurzen Betrieb 1973 und 1974. Und natürlich den 2080Millionen Mark teuren Abriss von 1987 bis 1995. "Da waren schon spektakuläre Ereignisse dabei", sagt Riederer, "etwa als sie den Abluftkamin gesprengt haben." Gut 130 000 Tonnen Schutt fielen in Niederaichbach an, zwei Drittel hat man in eine Grube unter der Wiese geschüttet, den Rest auf Waldwege. Das radioaktive Material sei ins Kernforschungszentrum Karlsruhe und das inzwischen stillgelegte Endlager Morsleben transportiert worden.

Vor 33 Jahren ging Grafenrheinfeld ans Netz

Der Abbruch von Grafenrheinfeld wird sehr viel aufwendiger werden und deutlich länger dauern als der von Niederaichbach. Allein schon weil der 1345-Megawatt-Reaktor ein Vielfaches leistungsstärker ist als die einstige Hundert-Megawatt-Anlage. Außerdem nahm Grafenrheinfeld am 17. Juni 1982 den kommerziellen Betrieb auf - vor ziemlich exakt 33 Jahren also. Die radioaktive Belastung, die sich hier angesammelt hat, ist ungleich stärker, als sie es in Niederaichbach war. Auch der Komplex ist viel weitläufiger.

Am 27. Juni geht das AKW Grafenrheinfeld vom Netz. Dann folgt der Rückbau.

(Foto: dpa)

Eon rechnet in Grafenrheinfeld mit 475 000 Tonnen Abbruchmaterial, das radioaktiv unbedenklich ist. Das ist drei Mal so viel wie in Niederaichbach. Den Großteil macht mit 450 000 Tonnen der Gebäudekomplex aus. Weitere 3500 Tonnen sind schwach- und mittelradioaktives Material. Es soll im Endlager Konrad untergebracht werden. Zum hochradioaktiven Material wollte Eon nichts sagen. Es fällt bei der Zerlegung des Reaktorbehälters an. Hierfür habe man noch keine Genehmigungsunterlagen, hieß es.

Umweltverträglichkeitsprüfung des Abrisses ist zentral

Überhaupt steht das Genehmigungsverfahren erst am Anfang. Es ist kompliziert und langwierig. Die Hoheit darüber hat das bayerische Umweltministerium, das die Aufsicht über alle Atomanlagen in Bayern inne hat. Dort hat Eon am 28. März 2014 den entsprechenden Antrag eingereicht. Derzeit bereitet der Konzern die detaillierten Unterlagen vor. Zentraler Bestandteil des Verfahrens ist die sogenannte Umweltverträglichkeitsprüfung des Abrisses. Sie ist der einzige Verfahrenschritt, in dem sich die Anlieger des Reaktors und Umweltverbände äußern können. Mit der Genehmigung rechnet Eon Ende 2017.

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Das Genehmigungsverfahren ist nicht der einzige Vorlauf des Abrisses. Der andere ist die "Herstellung der Kernbrennstofffreiheit". Der komplizierte Begriff besagt, dass alle Brennelemente aus der Anlage entfernt werden müssen. Dazu werden sie als erstes aus dem Reaktor in das sogenannte Abklingbecken befördert.

Unklar ist, wo einmal das Endlager für die Castoren sein wird

Ende 2013 befanden sich mehr als 400 abgebrannte Brennelemente im Abklingbecken von Grafenrheinfeld. Nach fünf Jahren ist das verstrahlte Material so weit abgekühlt, dass es in Castoren verpackt und ins Zwischenlager auf dem Kraftwerksgelände transportiert werden kann. Unklar ist, wo einmal das Endlager für diese Castoren sein wird. Genauso wie es unklar ist, wo die Castoren im Zwischenlager des Atomkraftwerks Isar 1 einmal landen werden: Zu ihnen sollen nun sieben bis neun zusätzliche mit aufgearbeitetem deutschen Atommüll kommen, was bei der Staatsregierung für Ärger sorgt.

Nach der Abschaltung von Grafenrheinfeld werden weitere 193 Brennelemente ins dortige Abklingbecken befördert. Sie müssen bis 2020 drin bleiben. So lange will Eon mit dem Abbruch nicht warten. Der Konzern will früher starten. Atomkraft-Gegner kritisieren das als zu gefährlich. Die Brennelemente machen 99 Prozent der Radioaktivität in der Anlage aus.

Reaktordruckbehälter und Betonummantelung sind am stärksten verstrahlt

Der Abbau selbst erfolgt nach dem Prinzip "von innen nach außen". Schritt für Schritt werden alle Kraftwerksanlagen demontiert. Am schwierigsten ist das Zerlegen des Reaktordruckbehälters und seiner Betonummantelung. Sie sind am stärksten verstrahlt. Viele Komponenten werden unter Wasser zerkleinert, um die Strahlung abzuschirmen. Es werden auch Spezialverfahren wie das "Wasserabrasivschneiden" eingesetzt.

Dabei versprüht eine Düse unter hohem Druck Wasser mit einem Schneidmittel. Der Schneidstrahl zerschneidet ohne Mühe sich mehrere Zentimeter dicken Stahl. Allein der Abbau des Reaktors und der anderen verstrahlten Komponenten dauert laut Eon zehn Jahre. Dazu kommen weitere 2,5 Jahre für den Abriss der Gebäude, sagt Eon. Andere Experten sprechen von wenigstens 20 Jahren, bis vom AKW Grafenrheinfeld nur noch eine Wiese bleibt.