sueddeutsche.de: Welche Rolle spielen Personen noch?

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Selke: Der Kult um sie hat bei dieser Landtagswahl abgenommen.

sueddeutsche.de: Weil es weniger "Typen" gibt?

Selke: Ja vielleicht. Ich erinnere nur an das Plakat mit Helmut Kohl, das als einziges jemals ohne Text ausgekommen ist. Kohl in der Menschenmasse, kein Text, kein Logo. Bei der letzten Bundestagswahl hat man klar auf Schröder als Typen gesetzt. Gerade auf Landesebene gibt es einen solchen Typen nicht mehr. Es wäre wohl auch kontraproduktiv, einen Menschen so in den Mittelpunkt zu rücken, weil er sich mit seinen Aussagen auch auf ein Hochseil begibt.

sueddeutsche.de: An welcher Stelle liegt die Grenze des guten Geschmacks?

Selke: Vorab: Die Plakate zur Bayernwahl sind harmlos - quasi "aus dem Drogeriemarkt". Man weiß, was man bekommt. Maximal wird die Maß Bier pink eingefärbt. In der Konsumwerbung wird viel mehr mit schlechtem oder vermeintlich schlechtem Geschmack und Stilbrüchen gearbeitet. Da gibt es teilweise inszenierte Tabubrüche. In der Politik eben nicht, weil der Bumerang-Effekt zu groß ist.

sueddeutsche.de: Wann ist die Grenze des guten Geschmacks überschritten?

Selke: Ein direkter Angriff auf den Gegner oder sexistische Äußerungen gehen in der Politik nicht. Ironische Distanz und Selbstironisierung hingegen könnte man ausloten.

sueddeutsche.de: Warum wird eine Kampagne geändert?

Selke: Emotionalisierung geht das eine oder andere Mal nach hinten los. Dann müssen sich die Kampagnenmacher dem öffentlichen Druck beugen. Was ich eher sehe ist, dass man Plakate nicht ausreichend testet, bevor sie aufgehängt werden. Die Bedeutung eines Bildes liegt nicht im Motiv allein, sondern wird durch den Kontext, in dem es wahrgenommen wird, erzeugt.

sueddeutsche.de: Welche Rolle spielt der Ort, an dem ein Plakat hängt? Ist es beispielsweise wichtig, nahe eines Kindergartens oder einer Schule auf die Familie zu setzen?

Selke: Der Ort ist mitentscheidend. Spezifische, mikrogeographische Aussagen darüber, wo welches Plakat in welcher Größe aufzuhängen ist, kann man nur äußerst schwer treffen. Allgemein gesagt hängen Plakate meistens dort, wo man stoppen muss und in eine bestimmte Richtung schaut.

sueddeutsche.de: Warum wird überhaupt plakatiert? Lohnt sich der Aufwand?

Selke: Ja, denn Plakate wirken als visuelle Telegramme, überzeugend und emotionalisierend. Man nimmt sie zwangsläufig im Vorbeigehen wahr, denkt nicht darüber nach. Plakate reduzieren, informieren und ermöglichen Identifikation. Die Betrachter können über sie reden. Es gibt keine digitale Kluft. Plakate kommen vielleicht auch der Politikverdrossenheit entgegen, indem sie vereinfachen. Keiner will der Erste sein, der auf Plakate verzichten möchte. Im Moment kann sich das auch keine Partei leisten.

sueddeutsche.de: Welche Partei hat vor der Bayernwahl 2008 die cleversten Designer?

Selke: Wahrscheinlich die CSU mit ihrem Familien-Plakat, weil sie auf jegliche Experimente verzichtet und die Erwartungen erfüllt. Wahrscheinlich gefällt das den Wählern. Für eine ausführliche Betrachtung ist dieses Plakat langweilig, aber es enthält eine wirksame symbolische Sinnformel, vermittelt archaische Werte: Stabilität, Nähe, Sicherheit, die Familie als Gemeinschaft.

Stefan Selke ist seit April 2008 Professor für Mediensoziologie an der Hochschule Furtwangen University. Er ist Mitbegründer des Image, Space and Interaction Center (ISIC). Dort wird bildwissenschaftliche Forschung mit Hilfe innovativer Technologien in den drei Bereichen Bild, Raum und Interaktion betrieben.

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(sueddeutsche.de/lala/bica)