Von A. Ramelsberger

Früher Hardliner, jetzt will er so reden wie die Leut': Im Wahlkampf will Bayerns Ministerpräsident Günther Beckstein mit Authentizität punkten - und macht sich lächerlich.

Es gibt Sätze, die bleiben an Politikern hängen wie Pech. Der Satz mit den "blühenden Landschaften" zum Beispiel, nach dem sich Helmut Kohl jahrelang im Osten dieses Landes als Gesundbeter der Wirtschaftsmisere verspotten lassen musste. Oder der Satz mit den "Sekundärtugenden", mit denen man auch ein Konzentrationslager führen könne - gesagt einst von Oskar Lafontaine über Helmut Schmidt.

Er will so reden wie die Leut'. Doch das wollen die Leut' nicht von einem Ministerpräsidenten: Günther Beckstein im vergangenen Jahr auf dem Münchner Oktoberfest. (© Foto: dpa)

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Auch "Saludos amigos" ist so eine Chiffre. Mit der Grußformel hatte einst der bayerische Ministerpräsident Max Streibl versucht, den Amigo-Sumpf der CSU kleinzureden. Kurz darauf musste er gehen.

Nun hat sein Nach-Nachfolger wieder so einen Satz geprägt. Es geht um die anständige Maß Bier, die einem gestandenem bayerischen Mannsbild doch gegönnt werden müsse. Auch wenn das Mannsbild dann noch Auto fährt.

Und Günther Beckstein, im Bierzelt gerade schön in Fahrt, rief den Zechern zu: "Es ist nicht das Problem, wenn einer eine Maß trinkt, oder wenn er ein paar Stunden da ist, auch zwei." Nun hat er selbst ein Problem.

Der bayerische Ministerpräsident tut sich im Wahlkampf mit dem Wort "anständig" schon eine geraume Weile schwer. Erst bemühte er den "anständigen Bayern", der naturgemäß CSU wähle. Nun ist es die anständige Maß. Und diesmal hilft Beckstein auch nicht das treuherzige Grinsen, mit dem er sonst seine Kritiker entwaffnet.

Dass Beckstein ein loses Mundwerk hat, ist kein neues Phänomen. Mal spricht er von "Ausländern, die uns nützen und Ausländern, die uns ausnützen"; mal fordert Beckstein die SPD auf, den Grünen-Verhandlungsführer Volker Beck zu "vergewaltigen", weil der sich noch widersetzte, als sich Union und SPD schon einig beim Zuwanderungsgesetz waren.

Das Herz auf der Zunge

Immer brach nach solchen Sprüchen kurzer Aufruhr los, dann hieß es: "Ist halt der Beckstein." Lebte Beckstein in den USA, wo selbst kleine Anspielungen auf Rasse oder Geschlecht geächtet werden, er hätte schon zehnmal zurücktreten müssen.

Beckstein trägt sein Herz oft auf der Zunge - und solange er noch der verdiente Innenminister war, sah man ihm das nach. Nun ist er Ministerpräsident und wundert sich, dass seine Gegner diese Schwäche vor der Landtagswahl ausnutzen. "Schmutzigen Wahlkampf" wirft er ihnen vor, seine Aussagen würden verdreht. Als Innenminister habe er doch die Alkoholkontrollen massiv ausgeweitet.

Eben. Die Diskrepanz zwischen dem Hardliner von früher und dem Laissez-faire-Chef von heute, der die Wähler umschmeichelt, macht er damit nur noch deutlicher. Und statt es bei einem Ausrutscher im Zelt zu belassen, hat Beckstein im Radio noch einmal bierernst nachgelegt: "Wenn man beispielweise fünf, sechs, sieben Stunden auf dem Oktoberfest trinkt, ist es mit zwei Maß noch möglich" - das Autofahren.

Offensichtlich funktioniert in der Staatskanzlei das Frühwarnsystem nicht, das Wahlkämpfer dringend brauchen. Beckstein will mit seiner Authentizität punkten, er will kein "Resopal-Politiker" sein, wie das CSU-Mann Peter Gauweiler nannte: geländegängig, abwaschbar, konturenlos. Er will reden wie die Leut'.

Doch genau das wollen die Leut' nicht, nicht von einem Ministerpräsidenten. Denn es birgt die Gefahr der Lächerlichkeit. Und es ist nur noch ein ganz kurzer Weg, den Beckstein zurücklegen muss, bis sich die Bürger nicht mehr über die Äußerungen ihres Ministerpräsidenten aufregen, sondern sie nur noch als peinlich abtun.

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(SZ vom 18.09.2008/hai)