Wahlkampf Die CSU sucht nach einer Strategie gegen die AfD

Die Familie von Franz Josef Strauß wehrt sich gegen Versuche, die große Leitfigur der CSU im Wahlkampf für AfD-Zwecke zu vereinnahmen.

(Foto: dpa)

Die Christsozialen geraten angesichts der Umfragewerte für die Rechtspopulisten in Bedrängnis. Seehofer gibt den Medien eine Mitschuld an deren Aufstieg.

Von Wolfgang Wittl

Der CSU-Vorstand hat sich gerade zu seiner Sitzung zurückgezogen, im Aufenthaltsraum nebenan flimmert eine Pressekonferenz von Martin Schulz auf dem Bildschirm. Schulz ist bekanntlich Kanzlerkandidat der SPD und somit der einzige, der eine unionsgeführte Regierung nach der Bundestagswahl am 24. September noch verhindern könnte. Doch es ist nicht der SPD-Mann, der den CSU-Leuten Kopfzerbrechen bereitet, sondern eine Partei, deren Namen sie am Montagvormittag auch hinter verschlossenen Türen kaum in den Mund nehmen: die AfD.

Schon vor zwei Wochen hätte der CSU-Vorstand zusammentreten sollen, das Treffen wurde abgesagt. Begründung: Nicht nötig, der Wahlkampf läuft. Doch seitdem ist noch einmal Bewegung in die Vorhersagen gekommen, nicht zur Freude der CSU. Die Union verliert leicht, aber stetig. Die AfD legt wieder zu, könnte sogar drittstärkste Kraft im Bundestag werden. CSU-Chef Horst Seehofer - mit feinen Sensoren und genauen Umfragewerten ausgestattet - hat bereits vor Tagen mit dem Satz aufhorchen lassen, dass die Union bröckele. Ein Vorstandsmitglied konstatiert nun sogar "blanke Angst". So weit wollen zwar nicht alle gehen. Aber "Sorge" und eine "gewisse Ratlosigkeit über die Strategie gegen die AfD" erkennen auch andere in der CSU.

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"Nach wie vor gut" sei die Lage für die Union, "wenn auch nicht mehr so stabil wie in den letzten Wochen", befindet Seehofer am Montag vor der Sitzung: "Die AfD, ich bleibe dabei, macht man überflüssig, indem man die Konturen, die klaren Linien der eigenen Politik darstellt." Auf "besonderen Unsinn oder Ungereimtheiten" könne man ja reagieren, doch nicht die AfD stehe in den nächsten zwei Wochen im Mittelpunkt, "sondern das klare Profil der Union". Dazu gehört für Seehofer auch, "andere Nebenkriegsschauplätze" wegzulassen: Er meint die Rente mit 70. Oder eine atmende Obergrenze, wie sie aus der CDU wieder vorgeschlagen wird und die Seehofer intern "Quatsch" nennt. Oder einfach "Unsinn, der bei uns keine Rolle spielt".

So sieht die Marschroute des CSU-Chefs also aus: eigene Inhalte klar definieren und betonen - die AfD ignorieren und nicht unnötig aufwerten. Das Problem ist nur: Bislang will die Taktik nicht recht aufgehen. Seit zwei Wochen gibt das CSU-Spitzenpersonal ein Interview nach dem anderen, bekräftigt die strikte Haltung in der Flüchtlingsfrage, bei Migration und Sicherheit. Doch der Trend lässt sich nicht drehen. Im Vorstand sagt Seehofer nach Teilnehmerangaben, "wir wollen eine Obergrenze - und die werden wir auch durchsetzen". Auch beim Familiennachzug will die CSU hart bleiben. "Am inhaltlichen Kurs brauchen wir nichts zu ändern", sagt Spitzenkandidat Joachim Herrmann mit Blick auf den Endspurt, "aber wir müssen dafür die Menschen begeistern." Finanzminister Markus Söder verweist auf das Copyright der CSU: "Andere reden nur darüber. Wir können die Begrenzung durchführen."

Die Zweifel in der Partei allerdings wachsen. Eine Schuld am Aufschwung der AfD schreibt Seehofer den Medien zu. Wie die AfD "behandelt, berücksichtigt und beurteilt wurde", entspreche "nicht ihrer realen Bedeutung". Er glaube, sagt der CSU-Chef, dass die AfD "in den letzten Tagen von allen, auch von den Medien, einfach überhöht wurde". Den Moderaten des TV-Duells zwischen Merkel und Schulz droht er laut CSU-Vorständlern, über deren Qualität müsse man sich nach der Wahl einmal unterhalten. Es ist wohl auch Ausdruck dessen, dass die CSU ihren Gegner am rechten Rand nicht recht zu fassen bekommt.

Der frühere Generalsekretär Dobrindt sieht alle Parteien in der Pflicht

Völlig ungeniert wildert die AfD in den ureigenen Revieren der CSU. Direkt vor deren Parteizentrale hat sie zwei Plakate aufgehängt, ein Slogan lautet: "Unser Land, unsere Regeln." Bei einer AfD-Wahlveranstaltung in Nürnberg wurden am Wochenende 1500 Menschen gezählt, viele davon bekannt als klassisches CSU-Klientel. Sogar den christsozialen Übervater vereinnahmt die AfD ohne Scham. "Franz Josef Strauß würde AfD wählen" steht auf einem Wahlplakat mit seinem Konterfei vor weiß-blauer Raute. Dessen Familie verneint entschieden, verweist auf die christlichen Wertvorstellungen, die Strauß von der AfD deutlich unterschieden. Doch von einer Klage sieht die Familie Strauß mangels Erfolgsaussichten ab, das Plakat sei wohl von der Meinungsfreiheit gedeckt. "Alles Provokation", sagt Seehofer zur AfD-Taktik: "Und man sollte auf Provokationen in der Politik nicht hereinfallen."

Alexander Dobrindt, der frühere CSU-Generalsekretär, sieht im Kampf gegen die AfD nicht nur seine Partei in der Pflicht. "Uns geht es darum, dass wir der AfD nicht zu viel Raum geben. Da sind alle aufgefordert, dies zu tun" - also auch FDP, Grüne, SPD und Linkspartei. Vor allem aber geht es um zu viel Raum auf der rechten Seite, den im TV-Duell die Kanzlerin aus CSU-Sicht offen gelassen hat. Manche sprechen von hausgemachten Problemen. Auch die CSU habe sich nicht energisch genug mit der AfD auseinandergesetzt, sondern sich stattdessen in unnötige Koalitions- und Personaldebatten verstrickt.

Auf die Frage, ob die Koalitionsverhandlungen auch deshalb so schwierig werden könnten, weil Karl-Theodor zu Guttenberg einen Kabinettsposten in Berlin bekommen müsse, sagt Seehofer am Montag: "Das ist die leichteste Aufgabe." Er meint das als Scherz, aber nicht jeder in der Partei findet das lustig. Kritiker schimpfen, Guttenbergs Comeback gehe zu Lasten des Spitzenkandidaten. Immerhin: Joachim Herrmann sitzt im Parteivorstand diesmal ganz vorne neben Seehofer und darf die Pressekonferenz abhalten. Seine Meinung zur AfD: "Viele völlig unerträgliche Äußerungen", "keine Kompetenz". Die AfD sei "dabei, sich zum Teil selbst zu zerlegen".

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