Die Christsozialen kassieren die nächste Schlappe, die kleinen Parteien jubilieren: Wie der ÖDP das erfolgreichste Volksbegehren in Bayerns Geschichte gelingt - und wie die CSU bespöttelt wird.
Nichts hält Sebastian Frankenberger jetzt mehr zurück: Mit einem Satz springt der Organisator des Nichtraucherschutz-Volksbegehrens auf seinen Stuhl, reißt die Arme in die Höhe - dabei soll das offizielle Endergebnis erst in eineinhalb Stunden vorliegen.
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Hat Grund zur Freude: Der Organistator des Volksbegehrens, Sebastian Frankenberger. (© Foto: ddp)
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"Wir haben soeben die Millionengrenze geknackt", brüllt der 28-Jährige mit heiserer Stimme in den Raum, "wir haben eine Million Stimmen." Kurz scheinen die 70 Gäste in der Münchner Gaststätte Kreuzberger zu erstarren, dann bricht ohrenbetäubender Jubel aus, viele springen von den Sitzen auf, klatschen begeistert.
Wenige Minuten darauf sitzt Frankenberger bereits wieder konzentriert am Computer, ruft die neuesten Ergebnisse auf und wirft sie mit einem Beamer auf eine Leinwand, die auf der Bühne aufgestellt worden ist. Die Initiatoren des Volksbegehrens haben zum Public Viewing mit Weißwurstfrühstück geladen - "zum Mitfiebern", wie sie sagen.
"Nur noch genießen"
Denn gerade stellt das Innenministerium die vorläufigen amtlichen Rückmeldungen der Landratsämter ins Internet. Die Anspannung der vergangenen Tage weicht aus Frankenbergers Gesicht. Er lacht erleichtert. "Das Bangen ist vorbei", sagt der junge stellvertretende ÖDP-Landesgeschäftsführer, "ab jetzt heißt es nur noch genießen."
Aus ganz Bayern sind an diesem Donnerstagmorgen Aktivisten und Unterstützer des Volksbegehrens zusammengekommen: Wirte, die es leid waren, täglich nach kaltem Rauch zu stinken. Ärzte, die in ihren Praxen Plakate aufgehängt hatten. Sponsoren wie der Sauerländer Unternehmer Dieter Mennekes, die dafür sorgten, dass das notwendige Geld in Höhe von mehr als 200.000 Euro zusammenkam.
Und schließlich die vielen Helfer, die sich als Rathaus-Lotsen draußen vor den Einschreibestellen von aufgebrachten Rauchern beschimpfen ließen oder die bei Wind und Wetter Plakate aufgehängt hatten. Einer von ihnen ist Martin Berberich, der stellvertretende ÖDP-Bezirksvorsitzende in Mittelfranken: "Ich freue mich unendlich. Nicht nur in Mittelfranken haben wir ein Superergebnis, sondern in ganz Bayern", sagt er.
Berberich kann nicht zu Ende reden, denn erneut springt Frankenberger auf seinen Stuhl. "Wir haben die 1,2-Millionen-Grenze erreicht, wir schreiben in diesem Augenblick Geschichte: Unser Volksbegehren ist das erfolgreichste, das je in Bayern gestartet wurde." Noch nie haben so viele Menschen bei einem Volksbegehren unterschrieben.
Fast drei Minuten lang muss der 28-Jährige nun gegen den Beifall ankämpfen. Die ausgelassenen Zwischenrufer skandieren "Wir sind das Volk, wir sind das Volk" - so lange, bis schließlich alle mit einstimmen. Kurz vor zwölf Uhr gleicht die Stimmung einem Volksfest - und das obwohl nicht geraucht wird.
Siegfried Ermer, der Vorstandvorsitzende der Initiative Pro Rauchfrei und einer der Mitinitiatoren des Volksbegehrens, verkündet lautstark, seine Heimatstadt Erlangen habe soeben Schwabach den Spitzenplatz bei den abgegebenen Stimmen entrissen.
Selbst der zurückhaltende Ernst-Günther Krause von der Nichtraucher-Initiative München schmunzelt, bevor er eine Prognose abgibt: "Wenn Horst Seehofer und sein sogenannter Gesundheitsminister Markus Söder nun auch noch Steuergelder verschwenden und einen Volksentscheid durchsetzen, dann drücken sie die CSU bei der nächsten Wahl auf 30 Prozent minus x."
Die neue ÖDP
Unterdessen ist Bernhard Suttner, der ÖDP-Landesvorsitzende, eingetroffen. Er eilt vor zur Tribüne, wo sich gerade die Kamerateams positionieren und Sebastian Frankenberger im Schnelldurchlauf Interviews gibt: Nein, mit einem solchen Ergebnis habe er nie gerechnet. Ja, jetzt gebe es gar keinen Zweifel mehr, dass die Initiative "für echten Nichtraucherschutz" auch bei einer Volksabstimmung erfolgreich sein werde.
"Wer so ein Volksbegehren hingelegt hat, gewinnt auch den Volksentscheid", bekräftigt Suttner. Dabei blickt er anerkennend zu Frankenberger hinüber. "Ich habe ja bereits angekündigt, dass ich im kommenden Jahr aufhöre. Doch da", sagt der 60-Jährige und zeigt auf Frankenberger, "steht die neue ÖDP."
Dann, kurz vor zwölf Uhr, ist der Moment gekommen, auf den der 28-jährige Organisator des Volksbegehrens und seine 3000Helfer seit Anfang August hingearbeitet haben: Das vorläufige Endergebnis liegt vor. Fast 1,3 Millionen Wahlberechtigte haben sich in die Listen eingetragen, 13,9 Prozent. Ein drittes Mal springt Frankenberger auf einen Stuhl. "Das ist ein Sieg für die Demokratie", ruft er - flankiert von den Landtagsabgeordneten Theresa Schopper (Grüne) und Natascha Kohnen (SPD). Nun müsse auch der CSU klar werden: "Das Volk will einen echten Nichtraucherschutz."
Als die Fernsehteams die Kameras eingepackt haben, sagt Frankenberger leise: "Ehrlich, ich freue mich jetzt nur noch auf eins: mein Bett!" Doch zum Einschlafen ist sein Adrenalinspiegel zu hoch. Dafür sorgten unter anderem die Augsburger, die lange auf ihr Ergebnis warten ließen. "Die Schwaben sind halt gründlich", sagt Frankenberger - und lacht.
(SZ vom 04.12.2009/plin)
OB-Kandidatin Nallinger
Die neueste Antwort
Erinnern Sie sich an die Geschichte von der Frau in den USA, die McDonald's verklagte hatte, weil sie sich am zu heißen Kaffee verbrühte hatte? Sie erhielt mehrere Millionen Dollar Entschädigung, weil ihr das niemand gesagt hatte. Seitdem steht auf den Getränkebechern ein Warnhinweis, dass man sich an zu heißen Getränken verbrühen kann. Diese Geschichte wurde in Deutschland immer mit einem spöttischem und herablassendem Unterton erzählt.
Nun, wir sind ja keinen Deut besser. Die 13%, die für das Volksbegehren unterschrieben haben, haben implizit erklärt: ich will, dass in keiner einzigen Gaststätte in Bayern mehr geraucht werden darf, denn es könnte sich ja ein Nichtraucher in diese Gaststätte verirren und sich den Tod holen...
Und auch ein Warnhinweis nach dem Motto "Das Einatmen von nikotinhaltigem Rauch ist lebensgefährlich. Betreten dieser Gaststätte auf eigene Gefahr" war nicht ausreichend. Nein, man hat den heißen Kaffee gleich komplett verboten.
Ist das die Angst vor der eigenen Entscheidungsfreiheit?
Diesmal nur bei Rauchverstößen, aber eben der 1. Schritt. So fängt es immer an. Es sind Kleinigkeiten, aber damit wird der Bürger erzogen, etwas zu melden. Gerade Deutschland hat in jüngster Geschichte damit sehr leidvolle Erfahrungen gemacht. Leider gibt es immer wieder Leute, bewusst, unbewusst oder angestiftet, die sich dafür hergebne. Der Schauspieler Rühmann hat in einem Film dazu mal einen schönen und vor allem nachdenkenswerten Satz gesagt. Die Eiferer sollten mit ihrem sogenannten Volksentscheiden schon aus geschichtlichen Gründen, sehr vorsichtig umgehen. Wehrte den Anfängen. Natürlich stört es Nichtraucher, wenn sie schonmal in eine Gaststätte gehen, dass da gerade zur Essenszeit geraucht wird. Da habe ich vollstes Verständnis. Da gäbe es ganz einfache Regeln. 12 - 14 u. 17 - 20 Uhr kein Rauchen erlaubt. In größeren Einrichtungen gibt es Ent-bzw. Belüftungsanlagen, die ohnehin alle Gerüche beseitigen. Die ÖDP hat sich hier auf eine gefährliche Vorreiterrolle begeben. Die Auswirkungen haben wird und nicht nur bein Rauchen.
Endlich kommt die Rolle der Süddeutschen in diesem Volksbegehren zur Sprache. Ich dachte schon, ich bin der einzige, den die tägliche Hofberichterstattung störte.
Da wurden die Pressemitteilungen der Nichtraucherinitiative völlig unkritisch übernommen. Es kam überwiegend nur eine Seite zur Sprache. Wie sich hinter herausgestellt hat, waren die "Hochrechnungen" reine Mondzahlen, etc.
Ob Hr. Prantl überhaupt weiss (s. sein Leitartikel heute) was für schlechter Journalismus in die Bayern-Redaktion Einzug gehalten hat?
Das ist kein Kommentar speziell zu diesem Artikel, sondern zu allen Nichtraucher-Volksbegehren-Artikeln der Süddeutschen bis jetzt. Ich finde es geradezu peinlich wie einseitig diese sind und wie regelrecht Stimmung für die Forderungen der Initiative gemacht wird! Da gibt es z. Bsp. diese Bilderstrecke im Münchenteil von süddeutsche.de mit dem Titel "Stimmen zum 1:0", und kein einziger Gegner des Totalverbots kommt zu Wort. Auch wenn das Volksbegehren wirklich ein toller Erfolg für die Initiatoren ist, sehr viele Bayern haben ganz bewusst eben nicht unterschrieben!
Es ist ja nichts neues dass die CSU in Bayern- und München-Teil der Süddeutschen oft nicht gut wegkommt. Aber hier geht es nicht um irgendein Votum gegen die CSU, sondern um die Entscheidung ob geraucht werden darf oder nicht. Die CSU sagte es dürfe nirgends geraucht werden und hat dafür viel Kritik einstecken müssen, auf Betreiben der FDP wurde das strenge CSU-Gesetz gelockert.
Also bitte bringt mehr Ausgewogenheit und Fairness in eure Artikel zu diesem umstrittenen und polarisierenden Thema!
Danke
Bitte schreiben Sie doch so etwas nicht. Mir sind beim Lesen Ihrer schrecklichen Kindheit mit den Rauchschwaden so die Tränen gekomme, dass ich nicht mehr schreiben konnte.
Was sind das bloß für Eltern. Leiden Sie jetzt noch darunter und husten Sie? Ich würde an Ihrer Stelle den Opa und den Vater melden oder nachträglich verklagen. Ihnen wünsche ich ein schönes rauchfreies Weihnachtsfest. Passen Sie schön auf sich auf, denn die Raucher sind noch unterwegs, aber Dank dieser ÖDP nicht mehr lange.
Paging