Vilshofen In der Schulz-Kathedrale

Natascha Kohnen, Generalsekretärin der Bayern-SPD, Kanzlerkandidat Martin Schulz und der Bürgermeister von Vilshofen Florian Gams (von links) sind dank steigender Umfragewerte bester Laune.

(Foto: Angelika Warmuth/dpa)

"Martin! Martin! Martin!" - Beim Auftritt des SPD-Kanzlerkandidaten in Vilshofen gerät die Parteibasis an den Rand der Ekstase

Von Christoph Hickmann und Lisa Schnell, Vilshofen

Eigentlich muss Martin Schulz dieser Tage gar nicht besonders viel tun. Man könnte sogar auf die Idee kommen, es reiche schon, dass er einfach nur da ist und keine allzu großen Fehler macht - und schon gehen die Umfragen wieder ein Stück nach oben oder bleiben mindestens auf hohem Niveau stabil. Genau so läuft es nun auch am Mittwochmorgen in Vilshofen: Noch bevor der Kanzlerkandidat der SPD auf der Bühne des Festzelts auch nur einen Satz gesagt hat, skandieren sie vor ihm schon: "Martin! Martin! Martin!" Und der Martin steht da und grinst.

Einen Wahlkampf ums Kanzleramt muss man sich wie einen Wettbewerb vorstellen, der aus diversen mehr oder minder komplexen Teildisziplinen besteht. Die Disziplin "Auftakt" hat Schulz schon mal ziemlich erfolgreich gemeistert, am Aschermittwoch steht nun die Disziplin "Bierzeltrede" an. Scheitert ein Kandidat hier, heißt es schnell, so richtig mitreißend könne er eben doch nicht reden. Die Frage des Tages lautet also: Kann der Rheinländer Schulz Bierzelt? Niederbayerisches Bierzelt?

Nun könnte man meinen, dass bei den nicht unbedingt erfolgsverwöhnten bayerischen Sozialdemokraten die Latte nicht allzu hoch liegt - und Schulz' Vorredner geben tatsächlich alles, um sie noch ein bisschen tiefer zu legen, wobei sich speziell der Noch-SPD-Landesvorsitzende Florian Pronold hervortut. Österreichs Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) wiederum, unmittelbar vor Schulz an der Reihe, versucht es erst gar nicht mit Bierzelt-Sound, sondern bleibt ganz Staatsmann. Und trotzdem ist der Druck auf Schulz nicht ganz unerheblich - was er vor allem dem niederbayerischen SPD-Bezirksvorsitzenden Christian Flisek zu verdanken hat, der zur Begrüßung vom "größten Aschermittwoch, den es je gab" gesprochen hat. Gegen Viertel vor zwölf ist es dann jedenfalls so weit: Martin Schulz beginnt zu reden.

"Herzliche Grüße an die gefühlte Mehrheit von der realen Mehrheit", so grüßt er zum Auftakt die CSU, die in der Dreiländerhalle in Passau bekanntermaßen ein paar Zuschauer weniger hat als die SPD, zu der an diesem Tag 5000 Menschen nach Vilshofen gekommen sind, in Bussen, mit dem Auto, per Bahn. Da wird es zum ersten Mal so richtig laut im Saal: Johlen, Jubel, Klatschen. Doch statt hier weiterzumachen, dimmt Schulz den Ton herunter, und es folgt die erstaunlichste Passage seiner Rede: Er redet über die Europäische Union und lobt deren Errungenschaften. Er ruft: "Mit mir wird es kein Schlechtreden der Europäischen Union geben!" Und: "Wer ins deutsche Kanzleramt will, der muss Europakompetenz haben!" Es ist ein Thema, mit dem man früher selbst bei der SPD eher freundlichen Applaus als Begeisterung erzeugt hat. Aber hier jubelt der Saal.

Und wie. "Martin! Martin!", schallt es immer wieder durchs Zelt. Einer hämmert seine rote Fahne im Takt gegen die Zeltwand. Martin Schulz auf Buttons, T-Shirts, Fahnen, Plakaten. Das ganze Zelt ist eine einzige Schulz-Kathedrale, gefüllt bis auf den letzten Sitz. Es musste sogar vergrößert werden, damit alle reinpassen und mit 3000 Litern Bier, 600 Paar Weißwürste und 1000 Brezen versorgt werden können.

Rottaler Bauernkäse gibt es gerade am Tisch von Rudolf Frank, grüner Filzhut, Zwirbelschnurrbart. Seit Jahren ist er nicht mehr zum Aschermittwoch der SPD gekommen, dieses Mal aber schon. "Ich bin wegen dem Schulz hier", sagt er. Den Schulz sehen, das wollte auch fast jeder im Ortsverein von Sabrina Wanderer aus Regensburg. Im Dezember hatten sie 64 Karten bestellt, wie immer. Konnte ja niemand ahnen, dass da auf einmal so ein Schulz daherkommt. In drei Tagen waren die Karten dann weg. Zwischen all den Schulz-Fanartikeln liegen auf den Biertischen auch Beitrittserklärungen in Form eines Bierdeckels. Seitdem Schulz Spitzenkandidat ist, sind in Bayern 1000 Menschen in die SPD eingetreten, etwa 15 pro Tag. Endlich, endlich hat die Bayern-SPD auch mal das Gefühl, auf der Gewinnerseite zu stehen.

Und der Kandidat gibt den Genossen, was sie wollen. Er drückt die Knöpfe, die funktionieren. Er attackiert Donald Trump und dessen Mauerpläne, er ermahnt den türkischen Präsidenten Erdoğan wegen dessen Umgang mit der Presse. Er spießt den Zwist zwischen CDU und CSU auf. Er geißelt, dass es "Milliarden für die Banken-Rettung" gegeben habe, während "in den Schulen der Putz" bröckele.

Es geht um Gerechtigkeit, um "Respekt" vor den arbeitenden Menschen, vor all denjenigen, die Familien gründeten, Kinder großzögen und zugleich ihre Eltern pflegten. Und es geht gegen die AfD, die "keine Alternative für Deutschland", sondern "eine Schande für die Bundesrepublik" sei. Es ist eine Rede, wie man sie von Martin Schulz so oder ähnlich in den vergangenen Wochen immer wieder gehört hat und die mit der Botschaft endet, dass er Kanzler werden wolle. Es ist eine solide Rede, keine Frage, aber es ist kein Feuerwerk der neuen Erkenntnisse. Doch es reicht dafür, dass sie im Saal das tun, was man an einem politischen Aschermittwoch eben so tut: laut werden.

Fünfeinhalb Minuten klatscht, trommelt, stampft das Publikum am Ende für Schulz. Eine junge Frau schwenkt ihr Plakat durch die Luft. Sie habe sich schon Sorgen gemacht, wie sie ihre Jusos für den Wahlkampf begeistern könnte, sagt sie. Die Gedanken mache sie sich jetzt nicht mehr: "Es ist wirklich ein Wandel von Euphorie, Mut und Hoffnung."

Ja, Martin Schulz kann Bierzelt. Aber das ist nicht die Erkenntnis des Tages. Die lautet: Es ist eigentlich egal. Selbst wenn er es nicht könnte, hätten sie ihm zu Füßen gelegen. Weil die SPD beschlossen hat, jetzt einfach mal ein bisschen zu fliegen.