Bayerischer Wald Wie der Schindelmacher das Holz an die Hütte bringt

"Es hat mich einfach wahnsinnig interessiert", sagt Josef Pfeffer. Deswegen ist er nach seinem ersten Berufsleben Schindelmacher geworden.

(Foto: Stephanie Probst)

Josef Pfeffer ist einer der letzten, der noch selbst Schindeln fertigt. Lange waren Fassaden aus dem Naturstoff nicht mehr modern - inzwischen entscheiden sich wieder mehr Bauherren dafür.

Von Stephanie Probst, Viechtach

Es ist kaum zu übersehen, wo Josef "Sepp" Pfeffer in diesen Wochen seine Baustelle hat - rundherum ist das Haus aus den späten Fünfzigerjahren schon mit hellen Schindeln aus Lärchenholz verkleidet und strahlt an diesem heißen Tag in der Sonne. Nur noch Kleinigkeiten sind zu tun, ein paar Schönheitskorrekturen, und dann ist der 63-jährige Schindelmacher aus Zwiesel mit dieser Baustelle fertig. Ungewöhnlich sieht er aus, der moderne Bau mit der Schindelverkleidung. Hier trifft der Naturstoff Holz auf Aluminium, Traditionshandwerk auf Moderne. Und das passt erstaunlich gut zusammen.

Was man heute meist nur noch in Museumsdörfern findet, gehörte bis vor gar nicht so langer Zeit zum Bild eines jeden Bayerwald-Dorfes. Nicht nur die Fassaden der Häuser zierten Schindeln aus Tanne, Lärche oder anderen heimischen Hölzern, ganze Dächer wurden damit eingedeckt. Einen Schindelmacher gab es fast auf jedem Hof, es war ein Handwerk, das viele Menschen im Bayerischen Wald beherrschten.

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Doch irgendwann war es damit vorbei. Die Holzschindeln kamen aus der Mode, gar als ärmlich waren sie verschrien - und so verschwand der Naturstoff von den Häuserwänden. Vor 20 Jahren holte Pfeffer die Holzschindeln mit seiner "Schindelwerkstatt" aus der Vergessenheit. Inzwischen ist die Holzverkleidung beinahe schon ein Trend, es entscheiden sich wieder mehr Bauherren für eine Hausfassade aus Holz.

Der gelernte Brauer Pfeffer hatte mit dem Schindel-Handwerk ursprünglich nichts am Hut. Pfeffers kleine Firma ist kein uralter Familienbetrieb, in dem das Traditionshandwerk weitergegeben wurde, sondern es gibt sie erst seit 1997. Erst mit Mitte 40 fing Pfeffer an, sich für das Schindelmachen zu interessieren und später, nach einem bewegten Berufsleben, seine Bestimmung darin zu finden. Damit ist Pfeffer einer der letzten seiner Art. Firmen, die Holzschindeln montieren, gibt es zwar ein paar, aber Pfeffer ist einer der wenigen, der sie ganz traditionell selbst herstellt.

Dazu sichtet Pfeffer zuerst die Stämme - nicht jeder Stamm ist geeignet, um daraus Holzschindeln herzustellen. Gerade gewachsen müssen sie sein, nicht zu viele Äste dürfen sie haben. In den kalten Wintermonaten setzt sich Pfeffer dann an die Arbeit: Zuerst entfernt er Kern und Splintholz, dann werden die Stämme geviertelt. Mit dem Schindelmesser drückt Pfeffer die Holzschindel dann aus den gespaltenen Stämmen. Sägen ist dabei tabu - das zerstört die Struktur und die Holzschindeln würden später Wasser saugen. Ganz zum Schluss putzt Pfeffer an der "Hoazlbeng", einer speziellen Werkbank, die Kanten. Fünf Quadratmeter Holzschindeln schafft er so an einem Tag.

Fünf Quadratmeter Schindeln pro Tag

Ganze 200 Quadratmeter selbsthergestellte Holzschindeln hat Pfeffer an dem modernen Bau in Viechtach in sechs Wochen angebracht. Doch nicht nur moderne Bauten werden von der Schindelwerkstatt verschönert, auch viele historische Bauten werden restauriert. In diesem Jahr fährt der Schindelmacher noch an die holländische Grenze. Eine historische Windmühle soll mit Eichenschindeln neu verkleidet werden. "Ein ganz besonderes Projekt", sagt Pfeffer. Mit nur wenigen Mitarbeitern - meistens sind sie zu zweit oder zu dritt - stemmt die kleine Firma auch große Projekte. "Es ist sicher kein leicht verdientes Geld", sagt Pfeffer. Trotzdem ist seine Arbeit für ihn eine Leidenschaft.

Diese Leidenschaft entdeckte Pfeffer, als er und seine Frau Ende der Achtzigerjahre ein altes Bauernhaus in der Nähe von Viechtach kauften und renovierten. "Auf dieses Haus hätte nichts so gut gepasst wie Holzschindeln", erzählt Pfeffer. Beim Anbringen der Holzschindeln half er mit und merkte bald, dass ihm die Arbeit großen Spaß macht. Trotzdem sollten noch ein paar Jahre vergehen bis er sich näher mit der Materie auseinandersetzte.

Anfang der Neunzigerjahre legte sich Pfeffer einen ganzen Schwung Literatur zu - alte Lehrbücher und Sammlungen vom Fraunhofer-Institut. "Das habe ich alles aufgesaugt, es hat mich einfach wahnsinnig interessiert", erzählt Pfeffer. Doch mit der Theorie alleine war es nicht getan: Ein alter Schindelmacher zeigte ihm das Handwerk und 1997 entschloss sich Pfeffer, das Schindelhandwerk zum Beruf zu machen. "Mir war klar, dass das ein langer Weg wird, aber ich war mir sicher, dass es sich lohnt", sagt Pfeffer.

Pfeffer wünscht sich, dass der Betrieb in der Familie bleibt

Und er hat recht behalten: Heute kann sich der Zwieseler vor Aufträgen kaum mehr retten. "Die Schindeln werden immer bekannter und immer mehr Leute möchten ihr Haus damit verkleidet haben", erzählt Pfeffer. Auch der Hausbesitzer in Viechtach kam im vergangenen Jahr auf den Schindelmacher zu, um seinem Haus ein ganz besonderes Aussehen zu verleihen: "Mir gefallen die Holzschindeln einfach. Holz als Naturstoff hat etwas ganz eigenes und das war auch der Grund, warum ich mich an den Sepp gewandt habe", erzählt der junge Mann.

Pfeffer wünscht sich, dass er den Betrieb und damit die Tradition eines Tages weitergeben kann. "Meine Tochter wäre da sehr geschickt", sagt der 63-Jährige. Und irgendwie steckt es der Familie Pfeffer ja auch im Blut: Selbst der kleine Enkel mit knapp zwei Jahren beherrscht den Leitspruch der Firma schon einwandfrei: "Du wirst locha, mia sama d'Schindlmocha."

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