Videoüberwachung Wie intelligent sind Videoüberwachungssysteme?

Millionen Überwachungskameras gibt es auf der ganzen Welt. "Kein Mensch kann all diese Bilder anschauen", sagt Wissenschaftler Nils Zurawski. Deshalb wird weltweit an intelligenten Systemen gearbeitet - eine riesige Marktlücke. Allein das Forschungsministerium hierzulande fördert neun Projekte zur "Mustererkennung" mit mehr als 21 Millionen Euro.

Computerprogramme sollen auch lernen, auffälliges Verhalten zu erkennen. Eine Person, die zu nahe am Bahnsteig steht, Menschen, die abrupte Bewegungen ausführen, ein alleingelassenes Gepäckstück - sofort schlagen die Computer Alarm. Menschen sind dann nicht mehr nötig, um zu beurteilen, was sich gerade im Blickfeld einer Kamera abspielt. Das zumindest ist die Wunschvorstellung von Sicherheitsbehörden weltweit.

Solche Systeme an den jeweiligen Einsatzkontext anzupassen, sei allerdings extrem aufwändig, erklärt Wissenschaftsethiker Tobias Matzner: "Gerade wenn es um öffentliche Plätze geht, ist man mit einer Vielzahl von möglicherweise auch kulturell unterschiedlich geprägten Verhaltensweisen konfrontiert." Selbst wie eng Menschen auf der Straße aneinander vorbeigehen, sei von Kultur zu Kultur unterschiedlich. Zwischen einer jubelnden und einer aggressiven Menschenmenge zu unterscheiden, stellt einen Computer vor eine kaum lösbare Aufgabe.

Das größte Problem intelligenter Videoüberwachung ist aber, dass die komplexen Algorithmen, nach denen die Auswertungsprogramme vorgehen, nicht völlig neutral sind. Sie sollen Abweichungen von der Norm erkennen, doch "die dafür notwendigen Parameter erfinden Menschen", sagt Sozialwissenschaftler Zurawski. Was eine Abweichung ist, wird dem Computer durch ausgewählte Beispieldaten antrainiert. Diese Beispieldaten bestimmen, was der Computer als normal bewertet - und wann er Alarm schlägt.

Trotz der Unzulänglichkeiten dem werden immer mehr solcher Systeme eingesetzt. Rio de Janeiro will bei der Fußball-WM 2014 eines einsetzten, das russische Sotschi rüstet sich für die Olympischen Winterspiele im kommenden Jahr. In der U-Bahn von San Francisco wird intelligente Videoüberwachung installiert. In New York gibt es sie schon.

Welche Auswirkungen auf die Gesellschaft hat Videoüberwachung?

Videokameras können das menschliche Verhalten verändern. Hinweise darauf, welche Auswirkungen Beobachtung hat, gibt zum Beispiel folgender Versuch: In einem Raum wird ein Foto aufgehängt, die darauf abgebildete Person wird den anwesenden Versuchsteilnehmern als Beobachter vorgestellt. Daraufhin veränderten die Teilnehmer ihr Verhalten. Sie handelten so, wie sie glaubten, dass es der Abgebildete für richtig hielt.

Menschen verändern ihr Verhalten, wenn sie überwacht werden. "Sie passen ihr Verhalten viel stärker an als es nötig wäre", sagt Matzner. Überwachung fördert unbewusst die innere Zensur -. Man passt sich an und merkt es gar nicht. Es lasse sich aber auch der gegenteilige Effekt beobachten, erklärt Matzner. Dann nämlich, wenn Menschen die Systeme überschätzen und sich deswegen unvorsichtiger als sonst verhalten. "Die denken, durch die Kameraüberwachung entsteht eine völlig sichere Welt."