Verwirrung um Fake-Account Wer twittert für die Freien Wähler?

Nach einem Selbstmord in München witzelt @FW_Bundesebene auf Twitter: "Hoffentlich war's kein CSU-Sprecher". Erst als sich Unions-Politiker über den geschmacklosen Tweet empören, stellen die Freien Wähler fest: Der Account gehört gar nicht ihrem Bundesverband.

Von Jonas Schaible

Weil er nicht schnell genug nach Hause kam, hat sich der Pressesprecher der CSU-Landtagsfraktion Franz Stangl geärgert, und das auf seinem privaten Twitter-Account kundgetan. "Selbstmörder verhindert meine Heimfahrt mit S-Bahn. Sauer. Aber dann denke ich mir, was das wohl für armer Mensch war", schrieb er in der Nacht zum Donnerstag.

Der Account @FW_Bundesebene antwortete in Anspielung auf den mittlerweile zurückgetretenen CSU-Sprecher Michael Strepp mit dem spöttischen Kommentar: "@stanglfr Hoffentlich war's kein CSU-Sprecher."

Prompt reagierte der angesprochene CSU-Mann und bezeichnete den Seitenhieb als "geschmacklos". Was da als kleines politisches Scharmützel begann, hat sich zu einem aufschlussreichen Beispiel dafür entwickelt, welche Tücken Twitter als Instrument der politischen Kommunikation birgt. Denn auch wenn es unglaublich klingt, offenbar haben die Freien Wähler in fast anderthalb Jahren nicht bemerkt, dass ein Fake-Account mit ihrem Logo und in ihrem Namen aktiv war.

Der Twitter-Account der Jungen Union Bayern, der Stangl beisprang und den Tweet von FW_Bundesebene als "widerlich" bezeichnete, stellte am Morgen ohne es zu wissen die entscheidende Frage: "Wen lasst ihr da für euch twittern?"

Die einigermaßen überraschende Antwort der Freien Wähler lautet: Für uns twittert da niemand.

Bundesvorstand und Bundespressesprecher würden sich gerade damit beschäftigen und versuchen, den Vorfall aufzuklären, ließ die bayerische Geschäftsstelle am Vormittag zunächst noch wissen. Ungewöhnlich sei der Name, denn eigentlich müsste das Profil die offizielle Bezeichnung "Bundesvereinigung" tragen, und außerdem sei auch in Berlin der Account nicht bekannt. Vieles deute also darauf hin, dass es sich um eine Fälschung handle.

Wenig später erklärte Bundespressesprecher Steffen Große dann auf Anfrage, dass sich die Vermutung bestätigt habe: "Das ist ein Fake-Account". Man habe wegen Identitäsbetrugs online eine Löschung auf Twitter erbeten.

Verschiedene Vertreter der Partei verbreiteten in der Folge die Botschaft auf Twitter. Wer hinter dem Account steckt, ist nach wie vor unbekannt, man unternehme aktuell auch nichts, um das herauszufinden, sagte Große. @FW_Bundesebene selbst wehrte sich am Donnerstag Abend noch gegen die Vorwürfe, nachdem sich die bayerische Landtagsfraktion (@fwlandtag) explizit distanziert hatte: "Bestimmen jetzt @fwlandtag, wer für die FW auf Bundesebene alles das Wort ergreifen darf? Unser tweet war freil.missverständlich".

Sogar die bayerische Landtagsfraktion folgte dem falschen Account

Der erste Tweet des Accounts wurde bereits am 10. Mai 2011 abgesetzt, vor fast anderthalb Jahren. Insgesamt waren es seitdem 565 Kurznachrichten. Zu den Followern, die diese Tweets abonniert hatten, gehörten nicht nur zahlreiche Journalisten, sondern auch Florian Pronold, Landeschef der bayerischen SPD, oder Frank Schäffler von der FDP. Und auch der erwähnte Account der bayerischen Landtagsfraktion der Freien Wähler folgte dem falschen Bundesverband. Man habe nichts bemerkt, weil der Fake-Account "unauffällig" gewesen sei.

Immer wieder interagierte @FW_Bundesebene mit Politikern, mit Volker Beck etwa oder Dorothee Bär. Die Bundestagsabgeordnete der CSU und leidenschaftliche Twitter-Nutzerin Bär wusste allerdings vor der offiziellen Bestätigung, dass der Account gar nicht echt war. Als zahlreiche Parteifreunde sich noch über die taktlose Bemerkung empörten, warf sie ein, es handle sich wohl um einen Fake-Account. Das habe ihr "mal jemand gesagt".

Die große Frage ist, wie den Freien Wählern, die mit Twitter schon schlechte Erfahrungen gemacht haben, so lange verborgen bleiben konnte, was in ihrem Namen passierte und was sogar eine Politikerin der CSU wusste. Steffen Große, der Bundespressesprecher, sagt, er könne gerade auch nicht erklären, wie das passieren konnte.

Nicht ganz ernst zu nehmen ist die Erklärung, die Dorothee Bär augenzwinkernd anbietet: "Weil ich schlauer bin als die freien Wähler".