Versicherung Unglück von Bad Aibling: Zugbetreiber verspricht schnelle Entschädigung

Bei dem Zugunglück kamen elf Menschen ums Leben, 83 wurden verletzt.

(Foto: AP)
  • Der Zugbetreiber Transdev verspricht Opfern und Angehörigen schnelle finanzielle Hilfe.
  • Das Bahnunglück von Bad Aibling wird Folgekosten in zweistelliger Millionenhöhe nach sich ziehen.
  • Warum die zwei Züge zusammengestoßen sind, ist noch nicht geklärt.
Von Anna Gentrup, Bad Aibling

Elf Todesopfer und 83 Verletzte, die gerettet und geborgen werden mussten. Dazu kommen eine verwüstete Bahnstrecke, zwei völlig zerstörte Personenzüge und die Schadenersatzansprüche von Opfern und Hinterbliebenen. Das Zugunglück von Bad Aibling wird Kosten in Millionenhöhe nach sich ziehen. "Der Schaden dürfte im mittleren zweistelligen Millionenbereich liegen", schätzt Andy Niekamp, ein auf Eisenbahnrecht spezialisierter Rechtsanwalt aus Leipzig. Damit würden die Folgen der Zugkollision vermutlich zwischen 30 Millionen und 70 Millionen Euro kosten.

Der Zugbetreiber Transdev verspricht Opfern und Angehörigen schnelle finanzielle Unterstützung. "Es werden jetzt unter anderem sehr zügig Vorschüsse an Betroffene oder deren Angehörige gemäß EU-Fahrgastrechteverordnung geleistet", teilte Transdev der Süddeutschen Zeitung mit. Das Transportunternehmen ist der Mutterkonzern der Bayerischen Oberlandbahn, dem Betreiber der verunglückten Meridian-Züge.

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Die Höhe des Schadenersatzes wird von Fall zu Fall unterschiedlich sein

Wie bei solchen Großschäden üblich, rollt jetzt eine ganze Welle von Kosten auf die beteiligten Unternehmen zu, für Sach- und Personenschäden sowie für Entschädigungsansprüche der Opfer. "Die Schadenersatzansprüche werden sicherlich im einstelligen Millionenbereich liegen", schätzt Thomas Gahr, Haftpflichtexperte beim Hamburger Versicherungsmakler Aon.

Wer wie viel Schadenersatz bekommt, ergibt sich aus der Lebenssituation des Verunglückten. "Die Höhe des Anspruchs hängt vom individuellen Schaden ab", sagte Gahr. Das ist mitunter zynisch. Die Hinterbliebenen eines Alleinverdieners, der seinen Kindern einen hohen Lebensstandard und eine teure Ausbildung hätte bieten können, erhalten eine entsprechend hohe Entschädigung. Für Geringverdiener, Rentner, Hausfrauen und Kinder gibt es deutlich weniger Geld.

Dass Transdev mit Zahlungen in Vorleistung geht, hat seinen Grund. Es dürfte einige Zeit dauern, bis lückenlos geklärt ist, warum die Züge am Dienstagmorgen bei voller Fahrt zusammenstießen und wer für den Schaden aufkommen muss.

Grundsätzlich kommen mehrere Optionen infrage: Ein technischer Fehler der Signalanlage könnte den Zusammenprall ausgelöst haben. Mittlerweile sieht es danach aus, als ob der Fahrdienstleiter das Unglück ausgelöst haben könnte, indem er die Züge auf der eingleisigen Strecke aufeinander zufahren ließ. In beiden Fällen läge die Haftung bei der Deutschen Bahn. Sie betreibt die Strecke und regelt den Verkehr.

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Die Unglücksursache ist noch offen

Eine weitere Möglichkeit, warum die Züge kollidiert sein könnten, ist ein Defekt im Zugsicherungssystem "PZB 90". Die Technik wird eingesetzt, um Züge zu stoppen, die entgegen der Signalschaltung über die Schienen rollen. Nach Angaben aus Versicherungskreisen hat Siemens das System gebaut, das auf der Unglücksstrecke im Einsatz ist, und ist für dessen Wartung und Prüfung zuständig. Wäre dabei ein Fehler passiert, müsste Siemens unter Umständen für den Schaden haften.

Als Unglücksursache kommen theoretisch auch ein technisches Problem in einem der Züge infrage, sowie ein Fehler eines der beiden Zugführer. In dem Fall müsste sich die Bayerische Oberlandbahn als Betreibergesellschaft der Regionallinie verantworten.

Solange die Haftung noch nicht geklärt ist, müssen die Bahnunternehmen für den entstandenen Schaden aufkommen, erklärt Rechtsanwalt Niekamp. "Das Eisenbahngesetz sieht eine verschuldensunabhängige Haftung der Eisenbahnen vor", sagt der Rechtsexperte.

Die Bahngesellschaften sind für solche Fälle versichert. Sowohl die Deutsche Bahn als auch die Bayerische Oberlandbahn haben eine Haftpflichtversicherung, die Personen- und Sachschäden aus Betriebsunfällen abdeckt , so will es das Gesetz. Vorgeschrieben ist eine Deckungssumme von zehn Millionen Euro pro Schadensfall.

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Bis alle Versicherungsschäden reguliert sind, dürften Monate vergehen

Bei solchen Risiken ist es üblich, dass sich mehrere Versicherer die Absicherung teilen. So können sie die finanziellen Folgen von Großschäden begrenzen. Der Industrieversicherer Axa Corporate Solutions ist nach eigenen Angaben an der Absicherung der Deutschen Bahn beteiligt.

Wer die Betriebsrisiken der Bayerischen Oberlandbahn trägt, ist nicht bekannt. "Unser Haftpflichtversicherer kommt für Personen-, Sach- und Umweltschäden auf, die bei der schrecklichen Tragödie entstanden sind", teilte die Muttergesellschaft Transdev mit.

Das Unglück wird die Versicherer beider Bahngesellschaften beschäftigen, erwartet Haftpflichtexperte Gahr. "Die meisten Passagiere werden Ansprüche bei der Bayerischen Oberlandbahn geltend machen", sagte er. "Ich kann mir aber vorstellen, dass einige Menschen auch Direktansprüche an die Deutsche Bahn stellen."

Bis alle Versicherungsschäden reguliert sind, dürfte einige Zeit vergehen. "Das wird einige Monate bis Jahre dauern", sagte Gahr.

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