V-Mann-Prozess in Würzburg Einblicke ins Spitzelwesen

Erkenntnis des Prozesstages: Der V-Mann (rechts), ein Vorbestrafter aus der Halbwelt, hat beim Landeskriminalamt ziemlich fürstlich verdient.

(Foto: Olaf Przybilla)
  • Im Prozess gegen den ehemaligen V-Mann in Würzburg ist sein früherer V-Mann-Führer als Zeuge aufgetreten.
  • In den relevanten Punkten verweigerte er die Aussage.
  • Der Angeklagte gibt an, dass das Landeskriminalamt von Straftaten bei den Bandidos gewusst haben soll.
Von Olaf Przybilla

Der Mann vom Landeskriminalamt (LKA) will gar nichts sagen vor Gericht. Er werde von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch machen, hat sein Anwalt das Gericht vorab wissen lassen. Ob er dann als Zeuge überhaupt noch kommen müsse?

Der Richter schmunzelt gleich zu Beginn des achten Verhandlungstages im Würzburger V-Mann-Prozess. Er habe dem Anwalt mitgeilt, dass der Zeuge sehr wohl anwesend sein müsse. Gegen den LKA-Beamten wird wegen diverser Delikte ermittelt, unter anderem steht er im Verdacht, beim Raub dänischer Minibagger mitgeholfen zu haben, kein Kavaliersdelikt. In den Punkten, in denen er jetzt selbst ins Visier der Ermittler geraten ist, darf er als Zeuge vor Gericht natürlich schweigen, sagt der Richter, keiner müsse sich selbst belasten. Sonst aber nicht.

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Der LKA-Mann ist inzwischen suspendiert

Es wird ein langer Tag für den LKA-Mann, Anzug, graue Haare, Woody-Allen-Brille. Er ist inzwischen vom Dienst suspendiert, weil die Verdachtsmomente gegen ihn offenbar zu erdrückend sind. Mehr als drei Stunden lang muss er sich erklären. Und gibt dabei Einblicke, wie man sich das vorzustellen hat, wenn ein mehrfach Vorbestrafter aus der Halbwelt plötzlich im Dienst des Freistaats unterwegs ist.

Das war der Angeklagte: Er war Spitzel, sogenannter V-Mann im Dienst des LKA, um die Rockergruppe "Bandidos" auszuspionieren. Und hat dabei fürstlich verdient, ein Mehrfaches von dem, was er zuvor als Lkw-Fahrer bekam. 15 Euro pro Stunde gab's, wenn er Bandido-Bosse durchs Land chauffierte. In einem angemessenen Mercedes, geleast vom LKA. Mit einer Tankkarte, gestellt ebenfalls vom LKA. Auch ein Motorrad wurde ihm spendiert, so was muss offenbar haben, wer als echter Bandido durchgehen will.

Aufs Doppelte, 30 Euro, stieg der Lohn, wenn sich der V-Mann mit Bandidos zu Aktivitäten traf. Nur ins Ausland, da habe der V-Mann auf eigene Verantwortung fahren müssen, sagt sein früherer "V-Mann-Führer". Führer heißen beim LKA Leute, die Spitzel unter ihren Fittichen haben.

Der V-Mann-Führer sagt nichts zu den Rechnungen

Auf eigene Verantwortung ins Ausland? Dem Angeklagten platzt das erste Mal der Kragen. Er zückt eine Abrechnung, auf der die Stationen Rumänien, Österreich und Serbien aufgezählt sind. Da überall war er mit den Bandido-Bossen. Und abgerechnet habe er dafür 170 Arbeitsstunden, satte 4600 Euro Monatsgehalt. Netto, sagt er.

Was er nun zu dieser Rechnung sage, fragt der Angeklagte den Zeugen, seinen früheren Führer. Der antwortet, dazu wolle er nichts sagen. Kaum unterdrücktes Gelächter im Saal: Das Arbeiten im Dienst des LKA scheint erfreulich lukrativ gewesen zu sein für einen Mann mit einem Dutzend Vorstrafen, der sich zuvor mit Gelegenheitsjobs durchs Leben gekämpft hatte.

Ob dem V-Mann klar gewesen sei, dass er keine Straftaten begehen dürfe? Habe man ihm "natürlich gesagt", antwortet der LKA-Mann. Zum Beispiel, als der Schein-Bandido in eine Radarfalle geriet mit dem LKA-Wagen, da habe man ihn ermahnt: Das geht nicht. Den Verkehrskontrolleuren wurde schlicht mitgeteilt, der Wagen sei für "hoheitliche Aufgaben" benutzt worden. Da muss dann nichts gezahlt werden.

Der ehemalige Bandido-Spitzel sitzt in Haft, weil er dabei erwischt wurde, wie er 9, 7 Gramm Crystal Speed über die Grenze schaffte. Zu fast sieben Jahre Haft wurde er dafür verurteilt. Er dagegen sagt, er habe das eben gemacht, um nicht aufzufliegen. Wenn man so will: auch als hoheitliche Aufgabe. Und sein Führer habe das auch gewusst. Was dieser bestreitet.

Wie der Prozess für den Angeklagten ausgeht, ist unklar

Der V-Mann will jetzt trotzdem raus aus dem Knast. Ob ihm das gelingen wird, ist auch nach acht Verhandlungstagen völlig offen, das Gericht lässt sich da kaum in die Karten schauen. Der Ex-Bandido war ein ziemlich hoch bezahlter Jobber im Dienst des Staates, das ist inzwischen eindeutig klar. Ob ihm aber auch signalisiert wurde, dass ein bisschen Dealerei toleriert wird - bleibt bislang Behauptung.

Gleichwohl endet auch dieser Verhandlungstag, an dem nun auch mal der suspendierte LKA-Mann seine Sicht der Dinge darlegen durfte, mit einem Punktsieg für den V-Mann. Der Zeuge gerät in den drei Stunden ziemlich in die Bredouille. Die Anwälte des V-Manns, die ihn schon beim ersten Prozess verteidigt haben, können überzeugend darlegen, dass der LKA-Mann in der ersten Verhandlung in Würzburg einen irreführenden Eindruck erweckt habe. Er habe suggeriert, der Angeklagte habe mit Drogen-Aufklärung nie was zu tun gehabt, jedenfalls nicht in seiner Funktion als LKA-Hilfssheriff. "Es wurde der Eindruck erweckt, unser Mandant sei paranoid", schimpft einer der Anwälte.

In Wahrheit habe der V-Mann die Ermittler sogar mal über einen Drogendeal zweier anderer Ganoven informiert, sie wurden später verhaftet. Das ist der erste Moment, in dem sich der Richter etwas in die Karten schauen lässt. "Stimmt", sagt er, "das mit den Drogen klingt heute hier völlig anders."

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