Universität Passau Student schlägt BGH-Richter ins Gesicht

Ein Bundesrichter referiert an der Uni Passau über Sterbehilfe. Plötzlich attackiert ihn ein Jurastudent. Der Täter spricht von einem politischen Motiv, doch die Ermittler glauben ihm nicht.

Von M. Maier u. M. Hägler

Der Schlag kommt völlig unerwartet. Es ist gegen 17.30 Uhr am Dienstagabend, der Vortrag von Thomas Fischer, stellvertretender Vorsitzender des zweiten Strafsenats am Bundesgerichtshof, im Hörsaal 5 der Universität Passau neigt sich dem Ende entgegen. Da erhebt sich ein 22 Jahre alter Zuhörer, geht auf den Juristen zu - und schlägt ihm mit der Faust ins Gesicht. Der junge Mann, ein Jurastudent, trifft Fischer am linken Ohr. Die Assistenten des gastgebenden Lehrstuhls für Strafprozessrecht kommen sofort zu Hilfe, zerren den Schläger weg und übergeben ihn wenig später der Polizei.

Nachdem sich der Tumult beruhigt hat, macht der Richter, leicht verletzt, weiter mit seinem Vortrag. "Die neue Rechtsprechung des BGH zu den Grenzen des Lebens", lautet das Thema, es geht um die umstrittene Präimplantationsdiagnostik und Sterbehilfe.

Ist dieses Thema Anlass für den Angriff? In einer ersten Meldung der Polizei in der Nacht heißt es, dass es sich vermutlich um eine politische Tat handle, der Täter habe angegeben, wechselnde politische Einstellungen zu haben, derzeit sei er aber eher "rechts". Als Grund für die Attacke erklärte er, sich gegen die "fortschreitende Unterdrückung der Lebensgrundlagen" in Deutschland wehren zu wollen.

Ist das womöglich der Beginn rechtsextremen Widerstands an Hochschulen, wie man ihn vor Jahrzehnten aus dem entgegengesetzten, dem linken Spektrum kannte? Anfang der 70er Jahre hat etwa der Kommunistische Studentenverband einen "bewaffneten Volkskrieg" ausgerufen und Professoren und Studenten verprügelt.

Nein, sagt der Passauer Oberstaatsanwalt Helmut Walch. "Entgegen erster Meldungen hat die Tat keinen politischen Hintergrund." Der Täter sei politisch und kriminell ein völlig unbeschriebenes Blatt. Es gebe keine Vermerke zu ihm, heißt es auch beim Verfassungsschutz.

Die Polizei ermittelt nun wegen vorsätzlicher Körperverletzung und spricht von "wirren weltanschaulichen Ansichten", die den Beschuldigten zu einem Angriff auf einen Staatsvertreter veranlasst hätten. Nach den ersten Vernehmungen wurde der aus Mittelfranken stammende junge Mann in das Bezirksklinikum Mainkofen gebracht. Dort soll er psychiatrisch untersucht werden. Die Universitäts-Leitung erklärte, sie sei "tief bestürzt" und dankte den Mitarbeitern für ihr Eingreifen, das wohl Schlimmeres verhindert habe. Man werde nach Vorlage der Ermittlungsergebnisse prüfen, ob Konsequenzen notwendig seien.

Eine Studentin, die unter den 300 Zuhörern war, erzählt, dass die Atmosphäre locker gewesen sei, der Richter habe manch witzigen Spruch auf Lager gehabt. Von seinem Karriereweg habe er erzählt, und von seinen früheren Jobs als Kraftfahrer und Postbote. Der Angriff sei dann aus heiterem Himmel gekommen. Als der junge Mann abgeführt wurde, habe er nochmals in die Menge der Studenten geblickt. Seinen Gesichtsausdruck, "eine Mischung aus Wahn und Verzweiflung", werde sie so schnell nicht vergessen, sagt die Studentin.