Umweltpolitik Der Flächenfraß wird in Bayern einfach schöngerechnet

An vielen Orten Bayerns entstehen neue Wohn- und Gewerbegebiete.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)
  • Der tägliche Flächenverbrauch im Jahr 2016 lag durchschnittlich bei 9,8 Hektar.
  • Im Jahr zuvor waren es, ebenfalls nach Angaben des Landesamts für Statistik, noch 13,1 Hektar am Tag.
  • Doch der vermeintliche Rückgang liegt nicht daran, dass weniger gebaut wird - sondern dass das Messverfahren geändert wurde.
Von Christian Sebald

Da hat Ludwig Hartmann aber sehr gestaunt. Als der Chef der Landtagsgrünen dieser Tage die neueste Aufstellung des Landesamts für Statistik über die Siedlungs- und Verkehrsflächen in Bayern studierte, stieß er auf den Satz: "Der tägliche Flächenverbrauch im Jahr 2016 lag durchschnittlich bei 9,8 Hektar." Hartmann war elektrisiert. Denn 9,8 Hektar, das wäre ja ein sensationeller Wert. Ein Jahr zuvor betrug der Flächenfraß nach Angaben des selben Landesamts für Statistik noch 13,1 Hektar am Tag.

Für viele Naturschützer zählt das zu den drängendsten Umweltproblemen im Freistaat. Hartmann hat sogar das Volksbegehren "Betonflut eindämmen" gestartet, um ihn einzuschränken. Und nun sollte der Flächenfraß binnen Jahresfrist um 3,3 Hektar täglich gesunken sein. Das wäre ein Minus von fast einem Viertel - obwohl die Baukonjunktur brummt wie selten und sich alle möglichen Städte und Gemeinden Wettrennen beim Ausweisen von Bauland liefern. Hartmann beschloss, bei der Staatsregierung nachzuhaken, wie es zu dieser Sensation kommen konnte.

Volksbegehren gegen Flächenfraß spaltet Naturschützer

Obwohl die Initiative der Grünen auf große Resonanz stößt, stehen ihr Verbände skeptisch gegenüber. Sie wollen mehr als nur eine Begrenzung des Landverbrauchs. Von Christian Sebald mehr ...

Die Antwort des Heimatministeriums fällt ernüchternd aus. Die 9,8 Hektar resultieren aus einer Umstellung der Erfassungsmethode. Die amtlichen Statistiker haben den Flächenverbrauch 2016 erstmals komplett nach Alkis ermittelt. Hinter dem griffigen Kürzel verbirgt sich das Wortungetüm "Amtliches Liegenschaftskataster-Informationssystem". Es löst das sogenannte Automatisierte Liegenschaftbuch (ALB) ab, auf dessen Basis seit 1980 der Flächenverbrauch in Bayern berechnet worden ist.

Der Unterschied zwischen den beiden Systemen: Alkis ist sehr viel präziser als es das ALB jemals war. Mit Alkis kann man nicht nur erfassen, wo es überall in Bayern Wohn- und Gewerbegebiete, Straßen und andere Verkehrswege gibt. Sondern auch exakt unterscheiden, wie viel Fläche Häuser einnehmen, wie groß die Gärten dazwischen sind und wie viel Grund auf Zufahrten und anderes entfällt.

Außerdem differenziert Alkis zwischen Bauland, das noch unbebaut daliegt, und bereits bebautem Bauland. Gleiches gilt bei großen Straßen für die Fahrbahnen und die Grünstreifen. Der Effekt für den Flächenverbrauch: Gärten, unbebautes Bauland, Grünstreifen und anderes mehr fallen von nun an aus der Statistik heraus. Der Flächenverbrauch verringert sich.

Die Daten sind eigentlich nicht vergleichbar

Freilich nur nominell. Selbst die Statistiker sagen offen: "Durch die Änderung der Systematiken ist die Vergleichbarkeit der Daten ab 2016 mit den Vorjahren erheblich eingeschränkt." In anderen Worten: Die neue Flächenfraß-Statistik nach Alkis kann man nicht in Beziehung mit den Statistiken setzen. "Wir können derzeit nicht beziffern, wie groß der Anteil des reellen Rückgangs und der methodisch bedingte Anteil ist", sagt eine Sprecherin des Landesamts für Statistik.

Am Landesamt für Vermessung und Digitalisierung gehen sie noch einen Schritt weiter. "Alkis ist eine komplett neue Erfassungsmethode, das ist eine völliger Zäsur zur Vergangenheit", heißt es dort. "Wir würden uns hüten, zu sagen, dass der neue Wert von 9,8 Hektar am Tag einen tatsächlichen Rückgang der Flächenverbrauchs anzeigt."

Die aktuelle Umstellung ist nicht die erste ihrer Art. Die Statistiker berechnen den Flächenverbrauch schon seit dem Jahr 2012 auf der Basis von Alkis-Daten. Bisher allerdings werteten sie diese Daten - gleichsam als Übergang - nach den Kriterien des vormaligen ALB aus. Für die Jahre 2012 und 2013 wiesen sie den Flächenverbrauch sogar getrennt nach dem alten ALB und dem Übergangssystem aus.

Die Grünen wittern einen Skandal

Das Ergebnis: Nach dem ALB war der Flächenfraß sowohl 2012 als auch 2013 um etwa 30 Prozent höher als nach dem Übergangssystem. Eine solche Vergleichszahl fordert der Grünen-Politiker Hartmann denn auch für das Jahr 2016. "Sonst kann keiner seriös sagen, wo wir beim Flächenfraß tatsächlich stehen", sagt er. Doch diese Vergleichszahl ist laut Heimatministerium nicht ohne weiteres zu ermitteln. Die beiden Landesämter prüfen derzeit, ob sie überhaupt möglich ist.

Für den Grünen-Politiker ist dieser Umgang mit dem Flächenverbrauch ein Skandal. "Ständig neue Berechnungsmethoden mögen zwar fröhlichere Zahlen über den Flächenfraß liefern", sagt er. "Das in Bayerns Natur und Kulturlandschaft sichtbare Ergebnis bleibt aber gleich traurig." Wer sich ernsthaft für die Entwicklung des Flächenverbrauchs interessiere, müsse für eine Vergleichbarkeit früherer und heutiger Zahlen sorgen.

"Dass die CSU-Regierung diese Vergleichbarkeit nicht herstellt, zeigt ihr Desinteresse am Ausmaß des permanenten Naturraubs", sagt er. "Die Bevölkerung ist da weiter: Sie wehrt sich zunehmend gegen die Zerstörung ihres Lebensumfelds, wie der Zuspruch zu unserem Volksbegehren zeigt."

Bayern gehen die Schmetterlinge aus

Von 3250 Arten in Bayern sind mehr als 400 nicht mehr nachweisbar. In den vergangenen 25 Jahren machten industrialisierte Landwirtschaft und Flächenfraß den hübschen Insekten das Leben schwer. Von Christian Sebald mehr...