Umstrittener Polizeieinsatz bei Rosenheim "Das vergisst man nie"

Ihr Vater soll von den Beamten bewusstlos geschlagen worden sein. Sie selbst sagt, sie habe Tritte in den Unterleib erlitten. Wie eine Gewaltorgie schildert eine 36-Jährige vor dem Amtsgericht Rosenheim einen Besuch der Polizei. Angeklagt sind allerdings nicht die Beamten, sondern die Frau und ihre Familie.

Magenschwinger, Tritte in den Unterleib, zu Boden gerungen und gefesselt - wie eine Gewaltorgie schildert eine 36-Jährige vor dem Amtsgericht Rosenheim einen Polizeieinsatz. Angeklagt sind allerdings nicht die Beamten, sondern die Frau und ihre Familie. Wegen Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte. "Auf jeden Fall stand ich dann fünf Polizisten gegenüber", sagt die Hauptangeklagte am zweiten Verhandlungstag.

Es geht um einen Vorfall, der sich am 15. November 2010 in einem Mietshaus in Schechen (Landkreis Rosenheim) abspielte und bundesweit Schlagzeilen machte. Zwei Zivilbeamte suchten nach einem Mann, der zu einer psychiatrischen Untersuchung vorgeführt werden sollte. Doch der Gesuchte war weggezogen. Also läutete die Streife bei der völlig unbeteiligten 36-Jährigen. Die Bilanz des Besuchs: Drei Familienmitglieder und ein Beamter wurden verletzt.

Die Ermittlungen gegen die Beamten wurden vorläufig eingestellt, die Familie hingegen ist angeklagt. Der Vater der 36-Jährigen ist selbst pensionierter Polizist. Die Zivilstreife hatte an der Wohnungstür seiner Tochter geläutet, um den neuen Wohnort des Gesuchten zu erfragen.

Der Aussage der immer wieder in Tränen ausbrechenden Angeklagten zufolge sei sie von den Polizisten in den Schwitzkasten genommen und geschlagen worden, ehe sie zu Boden gerungen worden sei. "Die nehmen wir mit", soll einer der Beamten gesagt haben. Später kamen auch der Ehemann der Hauptangeklagten und ihre Eltern dazu.

"Mein Vater wurde von Anfang an durchgeschlagen, der hat so viele Schläge kassiert, die ganze Zeit, der war bewusstlos", sagte die 36 Jahre alte Mutter eines Sohnes. Die zierliche Frau sei von einem Polizisten angesprungen worden. Am Ende lag sie neun Tage im Krankenhaus. Sie erlitt unter anderem eine Schulterprellung, ein stumpfes Bauchtrauma und klagte monatelang über Unterleibsschmerzen. Noch heute habe sie Beschwerden an einem Handgelenk. Vom Richter nach seelischen Wunden befragt, antwortete sie: "Das vergisst man nie".

Zeitweise wurde auch ihr kleiner Sohn Zeuge des gewalttätigen Einsatzes. Das Kind sei daraufhin zum Bettnässer geworden und habe wieder aus der Flasche trinken wollen. Unter Tränen schilderte die Mutter, dass ihr Sohn beim Besuch einer Kasperltheateraufführung Panik bekommen habe, als in der Handlung eine Polizistenpuppe auftauchte.

Anonyme Morddrohungen gegen Verfahrensbeteiligte

Vor der Vernehmung der 36-Jährigen hatte der Amtsrichter einen Antrag der Verteidigung auf Einstellung des Verfahrens zurückgewiesen. Die Anwälte der vierköpfigen Familie hatten dies damit begründet, dass der Grundsatz eines fairen Verfahrens missachtet worden sei. Die Polizei habe gegen sich selbst ermittelt. Dem widersprach die Staatsanwaltschaft.

Der Richter begründete die Zurückweisung des Antrages mit der Aufklärungspflicht des Gerichts. Und selbst wenn Verfahrensfehler vorliegen sollten, seien sie nicht so gravierend, dass auf die Sachaufklärung verzichtet werden könne.

Der zweite Verhandlungstag fand wieder unter strengen Sicherheitsvorkehrungen statt, da gegen Verfahrensbeteiligte anonyme Morddrohungen eingingen. Der Prozess wird in zwei Wochen fortgesetzt.

Platzwunden, Prellungen, Schüsse

mehr...