Umstrittener Anruf in der "Heute"-Redaktion Ude: "Dermaßen trottelhaft"

Empört reagiert die Bayern-SPD. Deren Landesvorsitzender Florian Pronold spricht von "versuchter Zensur" und fordert CSU und ZDF auf, den Vorgang lückenlos aufzuklären: "Die vermeintliche 'Staatspartei' CSU hat immer noch nicht begriffen, dass sie keinen Einfluss auf öffentlich-rechtliche Sender nehmen darf."

Spott kommt von Spitzenkandidat Ude: "Das zeigt, dass die CSU unsere Zweifel an den Meinungsumfragen teilt", spottete der Münchner OB. Diese sehen bisher die CSU klar in Führung vor der SPD. Ude verlangte Aufschluss, "ob hier wirklich erstmals die komplette Berichterstattung unterbunden werden sollte". Der Wortlaut von Strepps Gespräch müsse rekonstruiert und dem Verwaltungsrat des ZDF vorgelegt werden. Erst danach werde klar sein, welche Konsequenzen die CSU ziehen müsse. In dem Fall habe sich die CSU "dermaßen trottelhaft" verhalten, dass er es kaum glauben könne, sagte Ude. "Das ist doch früher etwas raffinierter gemacht worden."

Auch SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles verlangte Konsequenzen. "Ein Pressesprecher, der die Pressefreiheit nicht kennt, ist in einer demokratischen Partei nicht haltbar", sagte sie in Berlin.

Bayerns grüner Landesvorsitzender Dieter Janecek attestiert der CSU unterdessen ein "erbärmliches Verständnis von Pressefreiheit". Wer freie Meinungsäußerung unterbinden wolle und den Respekt vor Andersdenkenden vermissen lasse, habe kein demokratisches Staatsverständnis.

Für "skandalös" hält der Deutsche Journalistenverband den Vorgang. "Der Versuch der CSU-Pressestelle, beim ZDF einen Informationsboykott des politischen Gegners zu erwirken, ist mit dem Gebot der Staatsferne des öffentlich-rechtlichen Rundfunks nicht vereinbar", sagte der Bundesvorsitzende Michael Konken.

Strepp selbst wollte sich der SZ gegenüber telefonisch nicht äußern. Er schrieb stattdessen in einer E-Mail, die Darstellung entspreche "nicht den Tatsachen, und ich widerspreche ihr entschieden". Der Mail fügte er einen Brief an, den er dem stellvertretenden ZDF-Chefredakteur Elmar Theveßen geschickt hatte. Darin bestätigte Strepp zwar sein Telefonat mit dem diensthabenden Redakteur, bestritt aber den Versuch der Einflussnahme: "Die Berichterstattung des ZDF ist bekanntermaßen von einer Unabhängigkeit geprägt, bei der sich bereits jeder Gedanke an eine Beeinflussbarkeit verbietet."

Hans Michael Strepp gehört nicht zu jenem Typ Pressesprecher, die ihre Chefs bremsen, die unruhig auf dem Stuhl hin- und her rutschen, wenn ihr Vorgesetzter mal vom Sprechzettel abweicht. Das liegt auch daran, dass Seehofer selbst sein bester Sprecher ist. Für den CSU-Chef ist Strepp mehr Stratege als Sprecher.

Der 44-Jährige sitzt in den wichtigen Runden dabei oder lässt sich danach informieren. Im Vergleich zu vielen anderen Sprechern im Politikbetrieb weiß er wirklich, was gerade Sache ist. In die zentralen Strategiedebatten schaltet er sich ein. Bevor der Jurist im Jahr 2006 CSU-Sprecher wurde, hatte der Familienvater in der bayerischen Staatskanzlei gearbeitet. Davor war er Staatsanwalt und Richter.

Seehofer sprach bei seinem Auftritt in München neben der Causa Strepp übrigens noch über ein weiteres Thema: Bei der Eröffnung der Medientage forderte er "mehr Freiheit" für die Medien in Deutschland und "so wenig politische und rechtliche Hürden wie nötig".

Es war auch Strepp, der damals begonnen hatte, den offenherzigen Seehofer als Marke zu etablieren. Seehofer traut sich, Klartext zu reden. Das war die Botschaft.