Umstrittene Ehrung in Aichach-Friedberg Landkreis würdigt Judenhasser als Humanisten

Er schrieb, "dass der Jude nur da gedeiht, wo Fäulnis herrscht": Otto Dickel gilt als glühender Verfechter eines germanisch-reinrassigen Herrenvolkes. Dennoch ehrt ihn der schwäbische Landkreis Aichach-Friedberg in seinem Jahrbuch als "sozialen Nationalisten" - abgesegnet vom Kreistag. Empört kämpfen die Grünen gegen das Erscheinen dieses Artikels. Der CSU-Landrat spricht von "Zensur".

Von Stefan Mayr

Otto Dickel (1880-1944) war ein glühender Verfechter eines germanisch-reinrassigen Herrenvolkes und bekennender Judenhasser. In seinem Buch Die Auferstehung des Abendlandes schreibt er, "dass der Jude nur da gedeiht, wo Fäulnis herrscht, dass er nur da zur Macht gelangt und zur furchtbaren Plage wird, wo seinem Wuchergeist kein Einhalt geboten wird".

Genau diesem Mann widmet der Landkreis Aichach-Friedberg in seinem Jahrbuch "Altbayern in Schwaben" 21 Seiten - und würdigt ihn darin als "sozialen Nationalisten", dessen Ziele "soziale Gerechtigkeit, europäische Zusammenarbeit und wahre Humanität" gewesen seien.

Die Kreistags-Fraktion der Grünen hatte bereits Ende 2011 versucht, die Auslieferung des Buches zu verhindern - vergeblich. Nun beantragten die Grünen, den Artikel vom Münchener Institut für Zeitgeschichte beurteilen zu lassen. Doch auch dieser Antrag wurde mit 49:7-Stimmen abgelehnt. "Das ist empörend, so kann man nicht mit Geschichte umgehen", sagt Kreisrätin Claudia Eser-Schuberth. "Hier wurde argumentiert nach dem Motto: Lasst uns doch in Ruh' mit dem alten Zeug'", kritisiert sie, "aber vor allem angesichts der jüngsten Ereignisse kann der Text nicht unwidersprochen stehen bleiben."

Sie spielt damit an auf die rassistisch motivierten Morde der Zwickauer Neonazi-Zelle NSU - und auf eine Studie, wonach 20 Prozent der Deutschen latent judenfeindlich seien.

In der Sitzungsvorlage des Landratsamtes war davon keine Rede. Stattdessen wurde eine Ablehnung des Antrags empfohlen, weil eine Bewertung des Artikels "eine Zensur bedeuten würde". Landrat Christian Knauer (CSU) betonte, im Falle einer Überprüfung würden künftig weniger Autoren ehrenamtlich für das Jahrbuch schreiben. Außerdem sei der Artikel laut Sitzungsvorlage bereits "durch themenkundige Historiker" beurteilt worden.

Namentlich genannt wird keiner dieser Historiker - sondern nur der Germanist (!) Erich Unglaub. Dieser stellte zwar "die eine oder andere Unebenheit" im Text fest, doch dies rechtfertige nicht, den Aufsatz zurückzuziehen. Nicht zuletzt, da es laut Unglaub "recht schwierig" sei, "Dickels Theorien prägnant zu fassen".

Dieses Urteil ist bemerkenswert angesichts der Aussagen in Dickels Buch Die Auferstehung des Abendlandes. Darin fordert das NSDAP-Mitglied etwa: "Eine Abwehrfront gegen die jüdische Herrschaft und Verknechtung des Volkes tut uns bitter not." Schließlich habe "der Jude" jahrzehntelang "dem Volk die Seele aus der Brust reißen können, weil er die Gelegenheit zu seiner zersetzenden Tätigkeit in überreichem Maße hatte".

Das Volk, so Dickel, werde erkennen, "wohin es führen muß, wenn unsere Hochschulen weiterhin mit rasender Geschwindigkeit verjuden." In diesen Einrichtungen habe der Jude "höchstens als Lernender etwas zu suchen." Als Lehrer, "ganz einerlei ob an Volks-, Mittel- oder Hochschule" dürften "nur kerndeutsch denkende und fühlende Männer tätig sein".

Im Landkreis-Buch findet sich keines dieser unzweideutigen Zitate. Stattdessen stellt der Autor fest, Dickel habe mit seinem Buch eben "versucht, nach dem verlorenen Krieg der niedergeschlagenen Bevölkerung neuen Mut zu geben." Und: "Seine Schrift erreichte allgemeines Interesse und Anerkennung."

Am Ende des Aufsatzes wird Dickel unter dem Zwischentitel "Die letzte Konsequenz" als eine Art Widerstandskämpfer dargestellt - weil er 1921 einen parteiinternen Machtkampf gegen Adolf Hitler verloren hatte und deshalb jahrelang drangsaliert wurde. Und weil er sich 1944 kurz vor der Verhaftung durch die Gestapo selbst erschoss.

Landrat Knauer stimmte gegen eine Prüfung des Artikels. Für eine Stellungnahme war er nicht zu erreichen. Sein Stellvertreter Rupert Reitberger (CSU) forderte im Kreistag ein Ende der Debatte mit den Worten: "Wenn man Dreck weit zieht, dann stinkt er weit."