Er schrieb, "dass der Jude nur da gedeiht, wo Fäulnis herrscht": Otto Dickel gilt als glühender Verfechter eines germanisch-reinrassigen Herrenvolkes. Dennoch ehrt ihn der schwäbische Landkreis Aichach-Friedberg in seinem Jahrbuch als "sozialen Nationalisten" - abgesegnet vom Kreistag. Empört kämpfen die Grünen gegen das Erscheinen dieses Artikels. Der CSU-Landrat spricht von "Zensur".
Otto Dickel (1880-1944) war ein glühender Verfechter eines germanisch-reinrassigen Herrenvolkes und bekennender Judenhasser. In seinem Buch Die Auferstehung des Abendlandes schreibt er, "dass der Jude nur da gedeiht, wo Fäulnis herrscht, dass er nur da zur Macht gelangt und zur furchtbaren Plage wird, wo seinem Wuchergeist kein Einhalt geboten wird".
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Genau diesem Mann widmet der Landkreis Aichach-Friedberg in seinem Jahrbuch "Altbayern in Schwaben" 21 Seiten - und würdigt ihn darin als "sozialen Nationalisten", dessen Ziele "soziale Gerechtigkeit, europäische Zusammenarbeit und wahre Humanität" gewesen seien.
Die Kreistags-Fraktion der Grünen hatte bereits Ende 2011 versucht, die Auslieferung des Buches zu verhindern - vergeblich. Nun beantragten die Grünen, den Artikel vom Münchener Institut für Zeitgeschichte beurteilen zu lassen. Doch auch dieser Antrag wurde mit 49:7-Stimmen abgelehnt. "Das ist empörend, so kann man nicht mit Geschichte umgehen", sagt Kreisrätin Claudia Eser-Schuberth. "Hier wurde argumentiert nach dem Motto: Lasst uns doch in Ruh' mit dem alten Zeug'", kritisiert sie, "aber vor allem angesichts der jüngsten Ereignisse kann der Text nicht unwidersprochen stehen bleiben."
Sie spielt damit an auf die rassistisch motivierten Morde der Zwickauer Neonazi-Zelle NSU - und auf eine Studie, wonach 20 Prozent der Deutschen latent judenfeindlich seien.
In der Sitzungsvorlage des Landratsamtes war davon keine Rede. Stattdessen wurde eine Ablehnung des Antrags empfohlen, weil eine Bewertung des Artikels "eine Zensur bedeuten würde". Landrat Christian Knauer (CSU) betonte, im Falle einer Überprüfung würden künftig weniger Autoren ehrenamtlich für das Jahrbuch schreiben. Außerdem sei der Artikel laut Sitzungsvorlage bereits "durch themenkundige Historiker" beurteilt worden.
Namentlich genannt wird keiner dieser Historiker - sondern nur der Germanist (!) Erich Unglaub. Dieser stellte zwar "die eine oder andere Unebenheit" im Text fest, doch dies rechtfertige nicht, den Aufsatz zurückzuziehen. Nicht zuletzt, da es laut Unglaub "recht schwierig" sei, "Dickels Theorien prägnant zu fassen".
Dieses Urteil ist bemerkenswert angesichts der Aussagen in Dickels Buch Die Auferstehung des Abendlandes. Darin fordert das NSDAP-Mitglied etwa: "Eine Abwehrfront gegen die jüdische Herrschaft und Verknechtung des Volkes tut uns bitter not." Schließlich habe "der Jude" jahrzehntelang "dem Volk die Seele aus der Brust reißen können, weil er die Gelegenheit zu seiner zersetzenden Tätigkeit in überreichem Maße hatte".
Das Volk, so Dickel, werde erkennen, "wohin es führen muß, wenn unsere Hochschulen weiterhin mit rasender Geschwindigkeit verjuden." In diesen Einrichtungen habe der Jude "höchstens als Lernender etwas zu suchen." Als Lehrer, "ganz einerlei ob an Volks-, Mittel- oder Hochschule" dürften "nur kerndeutsch denkende und fühlende Männer tätig sein".
Im Landkreis-Buch findet sich keines dieser unzweideutigen Zitate. Stattdessen stellt der Autor fest, Dickel habe mit seinem Buch eben "versucht, nach dem verlorenen Krieg der niedergeschlagenen Bevölkerung neuen Mut zu geben." Und: "Seine Schrift erreichte allgemeines Interesse und Anerkennung."
Am Ende des Aufsatzes wird Dickel unter dem Zwischentitel "Die letzte Konsequenz" als eine Art Widerstandskämpfer dargestellt - weil er 1921 einen parteiinternen Machtkampf gegen Adolf Hitler verloren hatte und deshalb jahrelang drangsaliert wurde. Und weil er sich 1944 kurz vor der Verhaftung durch die Gestapo selbst erschoss.
Landrat Knauer stimmte gegen eine Prüfung des Artikels. Für eine Stellungnahme war er nicht zu erreichen. Sein Stellvertreter Rupert Reitberger (CSU) forderte im Kreistag ein Ende der Debatte mit den Worten: "Wenn man Dreck weit zieht, dann stinkt er weit."
(SZ vom 06.02.2012/tob)
Die neueste Antwort
für mich vor allem zwei Dinge: Das Halbwissen oder besser Nichtwissen, auf das sich hier einige Foristen mit ihren reißerischen Bemerkungen stützen, sowie der unsaubere Journalismus, dem ein Angestellter einer – man sollte meinen – seriösen deutschen Tageszeitung hier frönt:
Laut Stellungnahme des Landratsamtes Aichach-Friedberg war Herr Mayr bei keiner der beiden Kreistagssitzungen, bei dem das Thema auf der Tagesordnung stand, persönlich anwesend. Ich vermute auch stark, dass er besagten Aufsatz über die Entstehung von Dickelsmoor nicht oder nur quer-gelesen hat. Jedenfalls zitiert er in seinem Artikel stets sekundäre Quellen, ohne auf den Wortlaut des eigentlichen „Corpus Delicti“ einzugehen.
Den einzigen Vorwurf, den man dem Autor des Aufsatzes im Jahrbuch Leonhard Knauer (der übrigens im Gegensatz zu dem, was einige hier ohne weitere Recherche gleich vermuten mit Landrat Christian Knauer weder verwandt noch verschwägert ist, siehe auch Stellungnahme des LRA AIC-FDB) machen kann, ist, dass er nicht in jedem zweiten Satz expressis verbis darauf hinwies, welch schlimmer Mensch mit welch verquerem Gedankengut Dr. Otto Dickel gewesen sei, damit das dann auch beim Letzten aus der Empörungsfraktion der Grünen ankommt. Mir jedenfalls erschloss sich dies alles bei der Lektüre des Aufsatzes von Leonhard Knauer in erschreckender Weise. Ich kannte vorher weder die Person Dickel noch das Projekt Dickelsmoor. Durch den Aufsatz bin ich informiert und habe aber auch ein Gefühl der Ablehnung und Bedrückung: „Der und das wären nichts für mich gewesen“, das erschloss sich mir so aus dem Aufsatz. Den Vorwurf einer Verherrlichung von Dickel und seinem Projekt kann ich ehrlich gesagt nicht nachvollziehen.
Im Übrigen ist das auch im Gegensatz zu dem, was viele hier vermuten, keine CSU-Kiste. Der Antrag der Grünen wurde mit einer breiten parteiübergreifenden Mehrheit von 49 zu 7 Stimmen abgelehnt (der Kreistag hat 60 Sitze + Landrat, abgestimmt haben 56 Kreistagsabgeordnete). Irgendwelche Schlussfolgerungen auf eine eventuelle Gesinnungslage in der CSU sind absoluter Quatsch.
Zum Schluss möchte ich Stefan Mayr die Frage stellen, wer ihm denn den Text seines Artikels in den Block diktiert hat. Jedenfalls habe ich sehr stark den Eindruck, dass da von Seiten Dritter der Süddeutschen Zeitung ein Anlass geboten wurde, mal wieder eine neue Sau durchs Dorf zu treiben.
Und der reißerische Titel hat nun wirklich mit dem Sachverhalt ga
Dieser Landrat Knauer ist eine Schande für Bayern!
Statt die jetzige Nazi-Welle zu stoppen, er macht einen Nazi-Dorf zum Pilgerort für Nazi-Fans.
Wann will Seehofer als CSU-Chef durchgreifen?
Wir lieben Bayern aber die Knauer-Musik ist die gefählichste!
bis hierher hat den 22-seitigen Beitrag, um den es geht, eigentlich gelesen?
Und dennoch ist das Urteil der meisten sofort gefällt: Dem Antisemiten Dickel wurde im Landkreis Aichach-Friedberg eine Ehrung zuteil. In diesem Landkreis und besonders im Kreistag, in der CSU sowieso, ist nationalsozialistisches Gedankengut weit verbreitet. Riesensauerei.
Sollte sich jemand aber doch für den Hintergrund interessieren: Der betreffende Beitrag eines Heimatforschers heißt „Dickelsmoor bei Derching – eine ungewöhnliche Entstehungsgeschichte“, ist erschienen in dem Buch „Altbayern in Schwaben“, von dem der Landkreis jedes Jahr einen Band veröffentlicht. Die Entstehung des Ortes Dickelsmoor ist sehr ungewöhnlich und ein Stück Heimatgeschichte, diese zu beleuchten ist das Anliegen der Buchredaktion. Gründer des Ortes ist Otto Dickel und als solcher ist er Teil des Beitrags. Er wird nicht ins positive Licht gerückt, sondern seine Gesinnung in dem Beitrag erläutert, sein Antisemitismus ausdrücklich genannt. Mit einer "Ehrung" hat das rein gar nichts zu tun!
Ob der Autor des SZ-Artikels den Beitrag tatsächlich gelesen hat? Zumindest hat er sehr lückenhaft recherchiert. Dies zeigt sich schon darin, dass der Name „Dickelsmoor“ im gesamten SZ-Artikel kein einziges Mal vorkommt und überhaupt auch nur eine Seite zu Wort kommt.
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Was für I...ten sitzen denn da im Landkreis.
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Der Landrat gehört sich sofort aus dem Amt geschmissen!
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Wenn er sich 1944 erschossen hat, wie soll er denn dann nach dem verlorenen Krieg wieder Mut geben? Oder wurde er verfolgt, weil er den faktisch bereits 1944 verlorenen Krieg auch schon als solchen bezeichnet hat, also als Wehrkraftzersetzer, wie es damals hieß?
Aber die Tatsache, dass er das aussprach, was die Masse schon wusste, lässt ja keinerlei Schlüsse auf eine Abkehr von Antisemitismus und Rassismus zu. Insofern greift die Begründung zu kurz und beschädigt das Vertrauen in den Kreistag.
Paging