Umfrage unter Schulleitern Ungeliebtes Flexijahr

Für 1,5 Millionen Schüler an den bayerischen Schulen war es am Dienstag endlich so weit: Hurra, die Ferien haben begonnen. 

(Foto: dpa)

Kaum Erfolg für das Flexijahr: Statt freiwillig zu wiederholen, bleiben Gymnasiasten, die nur mit Mühe das Vorrücken geschafft haben, lieber in ihrer Klassengemeinschaft. Und gerade in der Klassenstufe, in der das Jahr am interessantesten wäre, wird es nicht angeboten.

Von Tina Baier

Gymnasiasten, deren Zeugnis so schlecht ist, dass sie das Schuljahr nur mit Müh und Not bestanden haben, könnten für Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) dieses Jahr besonders wichtig werden. Jedenfalls dann, wenn sie in die achte, neunte, oder zehnte Klasse kommen. In diesem Fall sind sie nämlich Kandidaten für das "Flexijahr": Spaenles Gegenentwurf zur Wahlfreiheit zwischen dem achtjährigen (G 8) und dem neunjährigen Gymnasium (G 9), für die die Freien Wähler ein Volksbegehren initiiert haben. Während die Unterschriftensammlung nach Aussage von Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger gut läuft, hält sich das Interesse am Flexijahr bislang ziemlich in Grenzen.

Das Flexijahr sollen Gymnasiasten der Mittelstufe einschieben können, ohne als Durchfaller zu gelten. Praktisch verlängert sich ihre Schulzeit dadurch von acht auf neun Jahre. Nach einer Broschüre des Kultusministeriums wird das Zusatzjahr in zwei Versionen angeboten: Bei Variante 1 beschließt der Schüler "am Ende der bestandenen Jahrgangsstufe 8, 9 oder 10, die jeweilige Jahrgangsstufe in modifizierter Form erneut zu belegen", heißt es dort.

Bei Variante 2 entscheidet sich der Schüler "mit Blick voraus, die Jahrgangsstufe 8 oder 9 in zwei Etappen zu durchlaufen". "Wir haben bislang überhaupt keine Nachfrage", sagt Peter Wurzer, Schulleiter des Gymnasiums Landau an der Isar.

Auch bei Peter Brendel, dem Leiter des Gymnasiums in Pfarrkirchen hat sich bisher noch niemand gemeldet. Brendel hofft aber, dass sich das noch ändert. Schließlich könnten sich die Schüler nach einer neuen Regelung noch bis zwei Wochen nach dem Zwischenzeugnis im Februar anmelden, um dann sozusagen ein halbes Flexijahr in Anspruch zu nehmen.

"Gute Möglichkeit" für musisch begabte Schüler

Am Montgelas-Gymnasium in Vilsbiburg haben sich nach Angaben von Schulleiter Josef Kraus "zwei bis drei Schüler" für das Flexijahr gemeldet. Spätestens seit er mit einigen seiner Schüler über das Thema diskutiert habe, sei ihm klar gewesen: "Das werden nicht viele." Die Reaktionen hätten von "so ein Quatsch", bis hin zu "das machen nur Schüler, die ein Faulenzerjahr einlegen wollen" gereicht, sagt Kraus, der auch Präsident des Deutschen Lehrerverbands ist.

Adalhard Biederer, Schulleiter des Gabrieli-Gymnasiums in Eichstätt, hält das Flexijahr für eine "gute Möglichkeit" etwa für musisch begabte Schüler, die viel Instrumentalunterricht haben. Er hat "drei ernsthafte Anfragen, aber noch keine Entscheidungen".

Walter Fronczek, Schulleiter des Friedrich-List-Gymnasiums in Gemünden im Spessart hat "zwei Fälle in trockenen Tüchern". Bei Gerhard Haunschild, Schulleiter des Deutschherren-Gymnasiums in Aichach ist es ähnlich: Nach enger Absprache mit den Lehrern hat er 17 Schülern empfohlen, ein Flexijahr einzuschieben: Bis zum letzten Schultag hat sich nur einer verbindlich angemeldet. "Wer das Jahr knapp geschafft hat, will meistens versuchen, weiterzumachen", sagt Haunschild. "Ich kann das verstehen." Es sei psychologisch schwierig, freiwillig die Klassengemeinschaft zu verlassen, nachdem man die ganze Zeit darauf hingearbeitet hat, nicht durchzufallen. Haunschild rechnet aber damit, dass sich einige Schüler bis Allerheiligen oder Weihnachten doch noch für das Flexijahr entscheiden.

Gymnasien bevorzugen individuelle Förderung

"Es würde mich überraschen, wenn die Zahl der Flexischüler den Promillebereich überschreiten würde", sagt Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des Deutschen Philologenverbands. Das Flexijahr tauge nicht als Gegenentwurf zum neunjährigen Gymnasium, weil es das Grundproblem des G 8 nicht löse, nämlich den Zeitmangel in der Mittelstufe.

Ein bisher ungelöstes Problem ist aus seiner Sicht auch, dass es für viele Schüler sinnvoll wäre, das Flexijahr in der zehnten Klasse einzuschieben, um gut vorbereitet in die elfte Klasse zu starten, in der die Leistungen bereits in die Abiturnote einfließen. Dagegen spreche aber eine Vereinbarung der Kultusministerkonferenz, wonach die Oberstufe, also die zehnte, elfte und zwölfte Klasse in maximal vier Jahren absolviert werden muss. Wer also in der Zehnten ein Flexijahr einschiebe, vergebe damit die Möglichkeit, die elfte oder die zwölfte Klasse zu wiederholen, weil die vier Jahre damit bereits ausgeschöpft sind.

Nach Meidingers Erfahrung investieren viele Gymnasien die zusätzlichen Lehrerstunden, die sie vom neuen Schuljahr an für die individuelle Förderung erhalten, lieber in Hilfen für schwache Schüler. Damit es erst gar nicht so weit kommt, dass sie über das Flexijahr nachdenken müssen.